Hakan Nesser - Der Fall Kallmann

  • 0 Antworten
  • 18 Aufrufe

Offline Sagota

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 2
Hakan Nesser - Der Fall Kallmann
« am: 20. November 2017, 16:22:47 »
Vorausschicken möchte ich, dass ich noch einige andere Romane von Hakan Nesser gelesen habe, mit dem "Fall Kallmann" jedoch zu einem absoluten Fan dieses mit einer außergewöhnlichen Erzählgabe ausgestatteten Bestseller-Autors geworden bin.

Inhalt:

Leon Berger folgt einem Vorschlag einer früheren Studienkollegin, Ludmilla, sich in K., einer schwedischen Kleinstadt zu bewerben, und tritt als Nachfolger die Stelle des Lehrers Erich Kallmann an der Bengtsuna-Schule an. Leon versucht damit, nach einer schwierigen Zeit und dem tragischen Verlust von Frau und Tochter Judith einen Neuanfang zu starten und wieder als Schwedischlehrer tätig zu werden.

Im Schreibpult seines Vorgängers findet er Manuskripte, bei denen es sich um Tagebücher handelt und erhält aus dem Kollegium nur sparsame Informationen um Erich Kallmann, da dieser sehr introvertiert war und kaum soziale Beziehungen unter den Kollegen unterhielt. Lediglich Igor, ein Lehrer, der mit ihm zusammenarbeitete, erzählt Leon Erinnerungen der letzten Gespräche mit Kallmann, aus denen hervorgeht, dass dieser sich für Literaturgeschichte und Kriminologie (besonders unaufgeklärte Fälle) interessierte. Allem Anschein nach war Kallmann kurz vor seinem Tod über ein unentdecktes und ungeklärtes Verbrechen gestolpert und war kurz vor der Aufklärung - musste er deshalb sterben?

Meine Meinung:

Das perspektivische Erzählen der einzelnen Hauptprotagonisten (Leon Berger, Ludmilla Kovacs, Igor, Andrea Wester, Charlie Mattis) wechselt sich von Beginn an ab, wodurch der Leser immer mehr und sehr detaillierte Einblicke in die Romanhandlung, die fast ausschließlich an der Schule stattfindet, in der unterrichtet wird, durch die einzelnen Protagonisten erhält. So gibt es auch antisemitische und rassistische Drohungen gegenüber einer Lehrerin und einem Schüler, die ein Seitenhieb auf die rechtspopulistischen Entwicklungen sind, die auch vor Schweden nicht haltmachen und die ich als reale Sozialkritik verstehe. Im Eigentlichen geht es jedoch um die Gabe Kallmanns, der behauptet hatte, durch die Augen direkt in die Seele eines Menschen blicken zu können (weshalb er dies stets unterließ und auf Abstand ging). Was war Fiktion, was ist Wahrheit, die in den Tagebüchern zu finden ist, derer sich erst Leon, dann Leon und Ludmilla und schließlich das Dreierteam Leon, Ludmilla und Igor widmen? Was hat Andrea Wester und Charlie Mattis mit dem Fall Kallmann zu tun und in welchem Zusammenhang stehen beide zu dem Tod des bei den Schülern beliebten Lehrers?

Während die Polizei, in persona des Inspektors Marklund, die Akte Kallmann schnell beiseitelegt, forschen die Lehrer um Leon nach; auch Andrea und ihre Freundin Emma gründen ein Detektivbüro auf Zeit, um Nachforschungen anzustellen...
In einer Rückblende geht es in die 80er Jahre: Ulrika, die Mutter von Andrea Wester, unternimmt eine Reise nach England, wo sie sorglose und sehr verliebte Zeiten mit Flynn Branagan, einem etwas älteren Troubadour, verbringt und Ende Juni schwanger zurück nach Schweden fährt...

Die Hauptprotagonisten, allen voran Leon Berger, sind durch die Ich-Form sehr authentisch und ich empfand sie als sehr sympathisch und ihre Handlungen als nachvollziehbar. Ludmilla hilft Leon in einer schweren Zeit der Traumatisierung und sich selbst hinaus aus einer nicht mehr funktionierenden Ehe. Die Kapitel, in denen Andrea Wester (15) "erzählt", empfand ich als besonders erfrischend; ihre tiefgründigen, teils philosophischen Unterhaltungen mit Emma, ihrer besten Freundin, die einen ebenso scharfen Verstand aufweist wie Andrea selbst, besonders, als ein Junge, der als rechtsextrem gilt, an der Schule ermordet aufgefunden wird.

Jeder der Protagonisten gewährt dem Leser (im jeweiligen Augenblick der Handlung, der man mit Spannung folgt) einen Blick in seine Seele und seine Gedankenwelt, die sehr charakterisiert und den ich einfach großartig finde. Sicher spielt das Stilmittel der Ich-Form hier eine nicht unbedeutende Rolle; auch Ludmilla fiel mir da besonders positiv auf. Bei Andrea Wester ist es die Frische und Jugendlichkeit, ihre Intelligenz und auch soziale Kompetenz, die ich an dieser Figur mochte. Auch Charlie Mattis ist von Beginn an ein interessanter, kluger als auch überzeugend, authentisch wirkender junger Mann, der zum Ende hin eine Schlüsselrolle haben sollte: 20 Jahre sind vergangen und die Dinge "um den Fall Kallmann" beginnen sich zu klären; auch für all jene, die nochmal zusammengekommen sind und sich damals mit ihm beschäftigt haben. Schockierend, welche Sachlage sich zum Ende hin darstellt, die so nicht vorhersehbar war.

Fazit:

Subtile Spannung von einem Meister seines Fachs; stilistisch brillant umgesetzt: Ich kann diesen Roman, der starke Krimielemente aufweist, allen Hakan Nesser-Fans nur weiterempfehlen! Spannung, Unterhaltung auf höchstem Niveau halten sich durchaus die Waage. Von mir daher 4,5 * und 95° auf der "Krimi-Couch".