Flanery, Patrick: Ich bin niemand

Originaltitel: I am no one
Verlag:
Blessing
erschienen:
2017
Seiten:
400
Ausgabe:
Hardcover
ISBN:
3896675788
Übersetzung:
Reinhild Böhnke

Klappentext:

Als der Geschichtsprofessor Jeremy O’Keefe nach zehn Jahren aus Oxford in seine Heimatstadt New York zurückkehrt, um dort an der New York University zu unterrichten, gerät er in einen Sog seltsamer Vorfälle: Eine Studentin kommt nicht zum verabredeten Treffen, später stellt er verdutzt fest, dass er selbst die Verabredung abgesagt haben soll; ein ihm unbekannter junger Mann behauptet, ihn zu kennen; eine Reihe Pakete erreichen ihn, mit den Ausdrucken seiner Telefonverbindungen und seines Mailverkehrs der letzten Monate; der mysteriöse junge Mann taucht immer wieder auf – O’Keefe fühlt sich verfolgt, kann die Geschehnisse nicht zuordnen. Ist jemand hinter ihm her? Spielt ihm jemand einen bösen Streich? Wird er überwacht? Oder wird er einfach verrückt? Nach und nach stellt sich heraus, dass der Ursprung dieses Rätsels in O’Keefes Zeit in Oxford begründet liegt.

Rezension:

400 Seiten sind an sich für einen Roman kein Übermaß an Seiten. Es gibt 1000 Seiten Schinken, bei denen man am Ende gerne noch mal 500 Seiten weitergelesen hätte. Und es gibt 200 Seiten Bücher, die sind so präzise und bildhaft, dass sie trotz der Kürze mein Herz berühren. Will sagen, nicht die Seitenzahl macht ein gutes Buch aus. Im Fall von „Ich bin niemand“ möchte ich aber weinerlich seufzend sagen: „Lieber Patrick Flanery, hätten Sie bitte ihre Geschichte nicht etwas straffen können?“

Wirklich, der Autor macht es einem nicht leicht. Der Klappentext klingt mysteriös und spannend und auch der Inhalt ist es an den guten Stellen. Aber irgendwie dreht sich Flanery andauernd im Kreis und ergeht sich in ewig langen Beschreibungen, die weder die Handlung weiterbringen, noch den Figuren besonderes Leben einhauchen. Ehrlich gesagt, hatte ich manchmal den Eindruck, er verwechselt Weitschweifigkeit mit literarischem Anspruch. Merke, man kann auch auf den Punkt kommen, wenn man sich für einen Literaturpreis empfehlen will.

Natürlich ist der Plot grundsätzlich interessant, sind doch Überwachung und Datenmissbrauch immer noch ein großes Thema bzw. wird ein immer größeres Problem werden. Aber Geschichtsprofessor Jeremy O’Keefe ist dabei einfach kein glaubhafter Charakter. Wieso gerade er, der sich auf die Überwachung in der DDR spezialisiert hat, die Dinge nicht durchschaut, wirkt wenig realistisch.

Warum die Figuren nicht greifbar bleiben, ist mir ebenfalls ein Rätsel. Ist das vom Autor extra so gewollt, um sie absichtlich austauschbar zu machen? Damit der Leser das Gefühl hat, man muss nichts besonderes sein, um ebenfalls betroffen zu sein? Oder ist es einfach nur Schluddrigkeit des Autors, der statt Charakterzeichnung lieber mal wieder ein bisschen was beschreiben wollte, was für den Roman vollkommen uninteressant ist.

Wieso ich dem Buch trotzdem eine halbwegs gute Note gebe? Weil das Können des Autors immer wieder aufblitzt, er kluge Gedanken zum Thema hat und den Leser geschickt auf falsche Fährten schickt, indem er ihn immer nur so viel wissen lässt, wie O’Keefe eben gerade selbst vorgibt zu wissen. Dadurch, dass man alles nur durch die Augen des Protagonisten sieht, von dem man aber nicht weiß, ob er wirklich im Dunkeln tappt oder nur vorgibt nichts zu wissen, baut sich durchaus eine gehörige Spannung auf. Ja wenn, wie oben schon gesagt, nicht zwischendurch immer wieder Szenen kommen, die so gähnend langweilig sind, dass man frewillig der vollkommenen staatlichen Überwachung zustimmen würde, wenn damit dann endlich die Handlung in die Hufe käme.

Das Thema staatliche Überwachung ist wichtig und wurde schon mehrfach sowohl filmisch als auch literarisch behandelt. George Orwell um den „Vater des Genres“ zu nennen oder „Staatsfeind Nr.1“ mit Will Smith und Gene Hackman in den Hauptrollen. „Ich bin niemand“ von Patrick Flanery ist da leider eher so der Schweighöfer mit „You are wanted“. Gut gemeint, aber doch schlecht umgesetzt.

Note: 4+