Vyleta, Dan: Smoke

Originaltitel: Smoke
Verlag:
carl’s books
erschienen:
2017
Seiten:
624
Ausgabe:
Klappenbroschur
ISBN:
3570585689
Übersetzung:
Katrin Segerer

Klappentext:

Wie sähe eine Welt aus, in der jede Sünde, jeder dunkle Gedanke sichtbar wäre? Smoke entführt den Leser in ein England vor hundert Jahren, in dem jede Verfehlung mit Rauch bestraft wird, der dem Körper entweicht. Auch Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, werden immer wieder durch Rauch-Attacken gebrandmarkt, wenn sie den strengen Schulregeln nicht genügen. Doch dann finden sie – fast zufällig – heraus, dass die Gesetze des Rauchs längst nicht für alle gelten. Wieso gibt es böse Menschen, die nicht von Ruß befleckt sind? Und welche Rolle spielt der Rauch bei den sozialen und politischen Umbrüchen ihrer Zeit? Auf der Suche nach der Wahrheit begeben sich die Freunde auf eine dramatische Reise voller riskanter Abenteuer und düsterer Intrigen und rufen damit schon bald mächtige Feinde auf den Plan …

Rezension:

Fantasy in Kombination mit vernebeltem viktorianischen England ist für mich so was wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Ich hatte mich schon nach der Verlagsvorschau unglaublich auf dieses Buch gefreut, um es dann nach den ersten gemischten Rezensionen ein bisschen stiefkindlich auf dem Nachttisch liegen zu lassen. Wenn man Bücher schon vorab einfach mögen möchte und dann Angst hat, enttäuscht zu werden, tut der Leser merkwürdige Dinge. Eine Bücherrebelin sowieso! :mrgreen:

Und jetzt bin ich doch dankbar meinem Bauchgefühl gefolgt zu sein, denn „Smoke“ ist einfach großartig. Erst einmal kann man das Buch kaum wirklich einem Genre zuweisen. Fantasy, Mystik, Steampunk und sogar ein bisschen Horror findet man neben jeder Menge Dickens Feeling.  Nicht, weil Vyleta sich in Beschreibungen über das neblige London ergießt, sondern wegen der Zeichnung der Figuren und der bildhaften Sprache.

Allerdings macht es der Autor einem nicht leicht. „Smoke“ ist kein Schmöker zum drin Versinken. Das Buch kostet Mühe und an der ein oder anderen Stelle sogar ein wenig Durchhaltevermögen, denn es sind oft die bedächtigen Feinheiten, die für die Handlung wichtig sind. Aufmerksames Lesen ist also ganz wichtig, um seine Freude an diesem Buch zu haben. So ist „Smoke“ denn auch tatsächlich mehr Gesellschaftsstudie, denn ein Abenteuerroman.

Natürlich übt die Grundidee erst einmal eine gewisse Faszination aus. Man stelle sich vor, unsere Fehler und Leidenschaften würden als Rauch über unseren Köpfen schweben. Unsere dunkelsten Sehnsüchte für jeden sichtbar. Aber eben auch unsere verschiedenen Gefühle. Möchte man also nicht mehr oder weniger vor sich „hin rauchen“, muss man alles unterdrücken. Dem einen dürfte das schwerer als dem anderen fallen, was sich z.B. in den Hauptfiguren Thomas und Charlie wiederspiegelt. Der eine ein vor Gefühlen überquellender Vulkan, der andere eher zurückhaltend und ausgeglichen. So oder so wird schon nach wenigen Seiten klar, der ominöse Rauch teilt die Gesellschaft.

Und so ist „Smoke“ kein phantastischer Roman der gängigen Sorte, sondern eher eine überspitzte Gesellschaftsstudie, die sich durchaus auch auf unsere Welt übertragen lässt. Die Kluft zwischen Arm und Reich und die Willkür der Mächtigen kommen mir jedenfalls ziemlich bekannt vor. Das alles erzählt Dan Vyleta sehr ausschweifend, mit philosophischen Anleihen und vielen Details. Das muss man mögen, weil zwischendurch passiert handlungstechnisch auch mal eher weniger. Mir persönlich hat das in diesem Fall nichts ausgemacht, weil ich mich komplett auf die Welt und die Figuren eingelassen habe.

Es gibt viele Perspektivwechsel in „Smoke“, wodurch das Geschehen von vielen Seiten beleuchtet wird und der Leser immer mehr in das düstere Setting gezogen wird. Mich hat das Buch mit seiner langsamen Erzählweise und seinen über 600 Seiten unglaublich gefesselt und bewegt. Die Komplexität der Handlung fordert den Leser und so mancher dürfte einfach nach dem Klappentext etwas anderes erwartet haben, denn ansonsten kann ich mir viele der bisherigen Rezensionen nicht erklären. Ich kann diesen innovativen Genremix einfach nur empfehlen.

Note: 2+

  • monerl

    Halli hallo,
    schöne Rezension, auch wenn mich das Buch etwas enttäuscht hat. Die Grundidee fand ich so grandios, aber ich hatte das Gefühl, dass sich der Autor die Geschichte zum Ende hin etwas verloren hatte. Umso mehr freut es mich, dass es einen Nachfolgeband geben wird, der wohl „Ruß“ heißen soll. Dabei hoffe ich, dass der Autor es mit diesem zweiten Band schafft, die ganze Story abzurunden. Ich habe nichts gegen ein offenes Ende, aber bei ein paar wichtgen Fragen wünsche ich mir eine Antwort des Autors im Buch… ;-)
    GlG vom monerl