Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

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Offline Kathrin

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Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
« am: 26. Mai 2022, 16:34:01 »
Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
Taschenbuch ‏ : ‎ 256 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3442716527

Inhalt:
Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen. Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für Schostakowitsch' Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist der Komponist ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander. Und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?

Meine Meinung:
Was bitte ist das denn für ein grandios gut geschriebenes, geschichtlich extrem interessantes aber auch herausforderndes, schwierig zu lesendes Buch!

Ich hatte mit „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes bereits vor 1-2 Monaten schon einmal begonnen und habe es nach wenigen Seiten entnervt zur Seite gelegt. Und auch jetzt beim zweiten Anlauf war ich mehrfach kurz davor, das Buch endgültig abzubrechen – „was für ein langatmiges und nerviges Geschwurbel“ -  um eine Lesefreundin zu zitieren. Schon mit seinem Roman „Die einzige Geschichte“ war mir klar, dass Julian Barnes ein für mich eher unbequem zu lesender Autor ist. Aber halt auch irgendwie grandios gut. Und „Der Lärm der Zeit“ über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch reizte mich als Hobbymusikerin tatsächlich schon länger.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das kein Buch für jedermann ist. Auch ich habe echt damit gekämpft, habe es verflucht, fand es anstrengend. Julian Barnes springt ziemlich wild von Episode zu Episode und erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Man kommt dem berühmten russischen Komponisten auch nicht wirklich nah. Außerdem ist  in meinen Augen eine gewisse Affinität zur klassischen, russischen Musik bei diesem Buch von Vorteil. Und ich finde auch, dass hier ganz schön viel an Hintergrundwissen vorausgesetzt wird. Auch ich kannte viele Namen der erwähnten russischen Komponisten, Künstler und auch Politiker nicht und außer „Der zweite Walzer“ kannte ich auch kein weiteres Stück von Schostakowitsch.

Ich war irgendwo in der ersten Hälfte so genervt, dass ich mich nicht weiterquälen und lieber eine Dokumentation über den Komponisten anschauen wollte, damit ich wenigstens wusste, wie das Buch, die Geschichte ausgeht. Und ich fand die Dokumentation richtig gut. Sie war mit viel, sehr viel Musik von Schostakowitsch unterlegt (definitiv keine easy-listening Musik, die bestimmt viele Menschen überfordert) und hat mir seine Musik und sein Leben als Künstler in Russland unter Stalin und Chruschtschow näher gebracht. Und mit diesem dann erworbenen Hintergrundwissen (und der unbändigen Lust, weiter in die russische Geschichte der letzten 120 Jahre einzutauchen)  habe ich langsam auch einen Zugang zu dem Buch gefunden, auch wenn ich es nach wie vor als anstrengend empfunden habe. Aber die letzten 100 Seiten habe ich morgens im Bett gelesen, was eine weise Entscheidung war. Da war ich ausgeschlafen, hatte keinen Druck aufstehen zu müssen. hatte den Kopf frei von „Problemen“ (oder was man so für Probleme hält) die ich mich am Vortag noch zu sehr belastet hatten, um das Buch lesen und (be-)greifen zu können. Das war perfekt für das Buch und den Autoren! Und ich weiß, dass ich genau diese Taktik auch zukünftig bei anderen Romanen von Julian Barnes weiterverfolgen werde.

Was mich bei dem Autoren wieder extrem überzeugt hat,  ist der grandios gute Erzählstil, den ich aber – wie gesagt -  nicht immer lesen kann, in den ich mich einlesen muss. Ich hatte gerade zum Schluss verstärkt das Gefühl, dass der Autor wirklich jedes Wort mit viel Bedacht gewählt hat und wenn ich mich beim Lesen fragte, was er da eigentlich gerade erzählt und warum er so und nicht anders erzählt… am Ende greift er doch alles irgendwie wieder auf, macht die Geschichte ganz wunderbar rund, in sich geschlossen.

Ich fand das Ende so grandios gut - so grandios gut, wie ich den Anfang (den nicht als Prolog benannten Prolog) kryptisch fand. Klar musste einer der Männer im Prolog Schostakowitsch sein, aber diese Szene wird erst auf Seite 96 wieder aufgegriffen und wie gut dieser „Prolog“, das ganze Buch war, wurde mir erst mit den letzten Seiten so richtig klar, als Julian Barnes diese Szene vom Prolog nochmal aufgreift. Grandios gut gemacht! Eins der Highlights des Lesejahres 2022.

Bewertung:
Rock the Night!

Offline Inge78

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Re: Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
« Antwort #1 am: 27. Mai 2022, 07:30:22 »
großartige neugierig machenden Rezi
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.