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Storica => Rezensionen => Thema gestartet von: Kathrin in 02. November 2008, 09:57:38

Titel: Kai Meyer: Das Buch von Eden
Beitrag von: Kathrin in 02. November 2008, 09:57:38
[isbn]3404155459 [/isbn]  Verlag: Lübbe
ISBN: 3404155459
Seiten: 826
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 9,95

Kurzbeschreibung
Die Reise geht in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Der Zisterziensernovize Aelvin wird von einem Tag auf den nächsten der Ruhe seines Mönchsdaseins beraubt: In Begleitung des weithin geschätzten Gelehrten Albertus Magnus sucht die junge Favola in dem abgelegenen Eifelkloster Schutz, in dem Aelvin -- nicht immer mit Erfolg -- den Weisungen seines gestrengen Abtes zu folgen sucht. Dicht auf den Fersen der beiden Gäste befindet sich ein Trupp unbarmherziger Meuchelmörder -- Gabriel und sein "Wolfsrudel" haben es auf die geheimnisvolle Pflanze abgesehen, die Favola bei sich trägt.
Im fernen Persien steuert unterdessen ein anderes Drama seinem Höhepunkt entgegen: Hunderttausende mongolischer Krieger überziehen das Land mit Schrecken und Tod. Sinaida, Schwägerin des Anführers, versucht durch die Hochzeit mit einem einheimischen Fürsten zwischen den Völkern zu vermitteln. Doch Missverständnisse und Machtgier lassen ihre Pläne scheitern, und alsbald befindet sie sich auf der Flucht vor ihren eigenen Leuten ...

Meine Meinung
Endlich wieder ein Buch von Kai Meyer, das mich wirklich überzeugen konnte. Bislang kenne ich von ihm nur eine seiner Jugend-Fantasy-Trilogien (Die Wolkenvolk-Trilogie), ,,Frostfeuer", ebenfalls ein Kinder/ Jugend-Fantasy-Buch und ,,Die Alchimisten", ein hist. Roman. Überzeugt hatte mich bislang nur ,,Die Alchmistin", was auch gleichzeitig mein erstes Buch von Kai Meyer war.

,,Das Buch von Eden" erzählt die Geschichte des Novizen Aelvin, der zusammen mit Magister Albertus, Libuse und ihrem Vater Corax, einem ehemaliger Ritter, von Köln in Richtung Orient unterwegs ist, um die Lumina, die letzte überlebende Pflanze aus dem Garten Eden zusammen mit ihrer Hüterin, der jungen Novizin Favola, an ihren Ursprungs- und Bestimmungsort zurückzubringen. Dass ihnen auf ihrem Weg einige Gefahren auflauern versteht sich von selbst. Neben der Geschichte um Aelvin und seine ,,Gefährten", wird die Geschichte von Sinaida erzählt. Sinaida ist die Schwägerin von Hulagu, Enkel des großen Dshinghis-Khan, der zusammen mit  seinen mongolischen Kriegern Persien in Angst und Schrecken versetzt.

Der Einstieg in das Buch fiel mir leicht. Auch wenn ich es normalerweise nicht so mit mystischen oder Fantasy-Elementen in hist. Romanen habe, so hatte die Szene, als Libuse zum ersten Mal das Erdlicht auch ,,vor Augen" der Leser heraufbeschwört, viel Atmosphäre. Aber auch die folgenden Szenen und Kapitel werfen einige Fragen auf (z.B. möchte man näheres aus Corax' Vergangenheit erfahren und nicht nur wir Leser, sondern auch seine Tochter Libuse), die man als Leser gerne möglichst schnell beantwortet hätte und einem zum Weiterlesen schon nahezu zwingen. Sehr nett hierbei fand ich vor allem Libuses besonderen Beschützer, das Wildschwein Nachtschatten, eine tolle Idee, die Kai Meyer aber gerne auch noch etwas weiter hätte ausschmücken können. Dafür war mir Kai Meyer an anderen Stellen teilweise etwas zu langatmig. Seitenlange Beschreibungen, wie z.B. Sinaida durch die geheimen Gänge der Bergfeste Alamut wandert oder auch die Beschreibung der Stadt Bagdad und auch der Kampf um Bagdad selbst haben zwar sehr lebendige Bilder in mir wachrufen können, waren aber meines Erachtens dennoch zu ausschweifend. Es war zu viel Beschreibung, teilweise zu wenig Aktion und vor allem zu wenig Dialoge, die diese Beschreibungen hätten auflockern können.

Die Geschichte und die Art und Weise, wie Kai Meyer sie mir erzählt, hat mir sehr gut gefallen. Er präsentiert eine gelungene Mischung aus historischen Roman, Fantasy- und mystischen Elementen, sowie Abenteuerroman und Liebesgeschichte. Eine Geschichte, die mich wirklich gut unterhalten hat, von der ich aber nicht unbedingt glauben muss oder will, dass sie sich wirklich komplett so zugetragen haben könnte, wie sie der Autor erzählt. So gerne ich manchen Autoren glauben möchte, dass die Geschichte sich wie von ihnen erzählt zugetragen haben könnte, so habe ich diesen Anspruch doch nicht bei allen hist. Romanen und hier fühlte ich mich einfach super unterhalten. Von den kleinen bis mittelgroßen, fiesen Cliffhangern am Ende von einzelnen Kapiteln, wo Kai Meyer anschließend zum anderen Handlungsstrang wechselt, mag man halten was man will. Ich fand die Cliffhanger gemein, aber sie haben ihren Zweck erfüllt, ich konnte das Buch nur schlecht aus der Hand legen. Hinzukommt, dass wohl der Handlungsstrang um Aelvin als auch der um Sinaida einfach unendlich spannend und interessant war und ich nicht sagen könnte, welche Geschichte mir besser gefallen hat. Sehr dankbar war ich dem Autor, dass er nicht jede Szene auserzählt und ausgeschlachtet hat. Ich muss wirklich nicht alle Einzelheiten einer Vergewaltigung als Leser miterleben und ich muss auch nicht alle Einzelheiten einer Liebesszene mitbekommen, die Protagonisten dürfen ruhig ihre Privatsphäre haben. Für mich prickelt es grade bei den nicht auserzählten Liebesszenen oft viel mehr als wenn ich jedes kleine oder große Detail mitbekomme. In der Leserunde zu dem Buch habe ich geschrieben, dass Kai Meyer für seine Liebesszenen ein Orden gebührt, mich hat er damit tief bewegt! Für mich ist gerade auch an solchen warmen, schönen Stellen deutlich der Unterschied im Stil des Autors zwischen seinen Jugendromanen und seinen Erwachsenenromanen zu spüren. Es ist für mich irgendwie feinfühliger und intensiver, man riecht, man schmeckt, man fühlt, man sieht alles was er erzählt und das gefällt mir sehr gut. Auch der zwischenzeitliche Wechsel der Erzählperspektive, als man Auszüge aus Aelvins Codex (seinem Reisebericht, den er verfasst) und somit einen Teil in der Ich-Form (und einen kurzen Abschnitt lang in alt-deutscher Schreibweise, zumindest habe ich das entsprechend interpretiert) liest, fand ich sehr erfrischend und hat mich überhaupt nicht gestört.

Auch der Anteil an magischen/ mystischen/ phantastischen Elementen hat sich in meinen Augen über lange Strecken in einem angenehmen Rahmen gehalten. Vermutlich ist das aber auch einfach eine Frage der Einstellung, wie ich an ein Buch herangehe. Normalerweise mag ich solche Elemente in hist. Romanen nicht, vor allem wenn vorne auf dem Cover dick und fett ,,historischer Roman" steht. Allerdings habe ich es durch ,,Die Alchimistin" und Rezis zu anderen hist. Romanen von ihm ein wenig erwartet und bin somit wohl relaxter an die Sache rangegangen. Gegen Ende des Buches nahmen für mich dann aber die mystischen/ magischen Elemente, gerade an der Figur Gabriel ein wenig Überhand. Das hätte Kai Meyer sich sparen können. Viele dieser Elemente vorher kann man sich noch irgendwie erklären, z.B. wie gut Gabriel mit Hunden bzw. Tieren allgemein umgehen kann, das wissen wir spätestens seit dem Pferdeflüsterer oder Tierpsychologen im TV. Aber bei Gabriel wurde es am Schluss einfach übertrieben.

Wiederum sehr gut gefallen hat mir, dass Kai Meyer für den hist. Hintergrund sehr gut recherchiert hat und bei den hist. Persönlichkeiten, die er in seinen Roman einwebt, sich auch weitestgehend an deren Vita gehalten hat (zumindest soweit ich das als Laie nachvollziehen konnte). Er hat auch Geschichten/ Ereignisse erzählt, die vielleicht nicht jedem so geläufig sind, vor allem die im Handlungsstrang um Sinaida, sprich auf der Feste Alamut, rund um Hulagu und später dann in Bagdad. Das fand ich klasse, einfach zu lesen und trotzdem bin ich jetzt ein wenig schlauer!

Gut gefallen haben mir auch die Figuren, die Kai Meyer in seinem Roman hat lebendig werden lassen. Zu Aelvin und Odo hatte ich sofort einen Draht, aber auch die leicht sphärische, seltsame, geheimnisvolle Favola war von Anfang an für mich faszinierend. Eine wirkliche Hauptfigur und auch meinen persönlichen Liebling konnte ich für mich nicht herauskristallisieren, sie hatten für mich alle den gleichen Rang, den gleichen Stellenwert. Ich mochte sie alle, hab mit ihnen gelitten, gelacht, geweint und gefühlt. Am ehesten könnte ich wohl Libuse als meinen besonderen Liebling bezeichnen, weil ich sie für ihre Stärke, Spontaneität und ihre ganze Art total bewundere und ins Herz geschlossen habe. Ich habe ihr von Anfang an alles Glück dieser Welt gewünscht und mich über sie und ihre Entwicklung unheimlich gefreut. Die Figuren durften sich im Laufe des Buches alle weiterentwickeln, lernen dazu, lernen sich kennen, fangen an, einander zu vertrauen und wirkten in ihrem Verhalten, in ihrer Handlungsweise sehr autentisch, auch wenn ich sie dabei nicht immer sympathisch finden muss oder oft auch anders gehandelt hätte. Aber dennoch durfte am Ende nicht jeder einzelne Überleben. So traurig ich über den Tod von einigen Figuren war, so dankbar war ich Kai Meyer hier dennoch, weil es einfach unrealistisch gewesen wäre, wenn alle hätten überleben dürfen.  Auch wenn einer z.B. einen heldenhafteren Tod verdient hätte, so stirbt einfach nicht jeder im Kampf Mann gegen Mann, es muss auch Opfer geben, die einfach überrollt werden und das trifft eben nicht nur die Unschuldigen (Arme, Kranke, Alte, Kinder), sondern kann auch mal so einen erfahrenen Recken treffen, dass er vom Pferd gerissen und dann niedergetrampelt wird. Der jeweilige Tod hat bei den letztlich Verstorbenen auch einfach wunderbar zu ihrem Leben gepasst.

Nicht ganz so glücklich war ich jedoch mit der Entwicklung des Bösen, Gabriel. Anfangs fand ich ihn nur widerlich und grausam, dann dachte ich zwischenzeitlich, dass er doch auch etwas sympathischere Seiten hat (seine Tierliebe), doch dann wird er fast schon selbst zum Tier und das ist für mich einfach, wie weiter oben schon erwähnt, viel zu viel des Guten. Bis zu einem bestimmten Grad konnte man die Sache mit der Schlange ja noch mit Halluzinationen erklären, aber irgendwann wurde es einfach zu abgedreht für mich.

Alles in allem ist es ein wirklich guter, unterhaltsamer Roman mit zwei-drei kleineren Schwächen, einigen langatmigen Szenen, einer übertriebenen Entwicklung des bösen Gegenspieler und leider fehlenden Landkarten, die den Weg der Gefährten bzw. auch das ,,Reich" des Hulagu hätten zeigen können. Ein wunderbares Ende, das einfach perfekt zum Buch gepasst hat und ein längeres Nachwort des Autors hat mich aber über diese Schwächen hinwegtrösten können und der Abschied von den Charakteren fiel mir schon schwer.

Bewertung
[note2]