[isbn]9783958901063[/isbn]
Keine Widerworte: Elisabeth heiratet Ernst! Unbekannterweise. Die 18-jährige Elisabeth, behütet und aus gutem Hause, macht sich 1934 ins fremde Japan auf, um ihren Ehemann zu treffen: Ernst Wilhelm, 39, Diplomat in Tokio, der mit der Heirat seinen Posten im diplomatischen Dienst des Deutschen Reichs sichern will. Kaum reicht Elisabeths Fantasie, sich die Hochzeitsnacht mit einem gestandenen Mann vorzustellen. Umso erleichterter ist sie, dass Ernst freundlich auf Distanz geht. Doch findet sie sich unter Menschen wieder, deren Handeln und Gefühle sie nicht durchschaut. Während die Nazifizierung des Personals voranschreitet, gibt es Heimlichkeiten, Getuschel in der Botschaft. Warum wird Ernst vom japanischen Geheimdienst beobachtet? Ist sein Freund Alexander ein Spion? Sucht er deshalb Ernsts Nähe? Und wie soll sie damit umgehen, dass ihr Herz für den falschen Mann schlägt? Mit historischer Präzision und viel psychologischem Gespür zeichnet Katharina Seewald das Leben einer jungen Frau, die in turbulenten Zeiten ihren eigenen Weg geht. Als Alexander verhaftet wird und der Krieg in Japan seine böse Fratze zeigt, müssen Elisabeth und Ernst nach Peking ins Exil. Doch der größte Schlag steht ihnen noch bevor: Wie soll ihr Herz das überstehen, als die Nachricht eintrifft, Alexander sei als Spion hingerichtet worden?
Normalerweise meide ich Bücher aus den Jahren des zweiten Weltkriegs. Bei "Demnächst in Tokio" bin ich froh, eine Ausnahme gemacht zu haben.
Die Lebensgeschichte von Elisabeth von Traunstein, die in Form eines Briefes an ihre Tochter erzählt wird, beginnt mit einer erzwungenen Heirat mit einem fremden, viel älteren Mann und dem
Aufbruch in einen anderen Kulturkreis. Schon die wochenlange Reise nimmt den Leser völlig mit und man sitzt mit Elisabeth im staubigen Zugabteil, während draußen das wahre Leben an ihr vorbeizieht. In Tokio angekommen entwickelt sich alles anders als gedacht. Ernst-Wilhelm ist ein seltsam distanzierter Ehemann und so beginnt eine Ehe, die nur dem äußeren Schein nach eine ist.
Erst als der Journalist Alexander dazu stößt, beginnt Elisabeth wirklich zu leben...
Der wunderbare Schreibstil, der mit wenigen Bildern Emotionen erweckt, hat es mir leicht gemacht, der Geschichte zu folgen, gerade in den Momenten, in denen nicht viel passiert, in denen
Elisabeth wie in einer Blase eingeschlossen die Tage verbringt. Der Schauplatz Tokio bleibt irritierend nebulös, genauso wie die Kultur Japans. Allerdings passt es zur Geschichte, die sich örtlich überwiegend auf dem Botschaftsgelände abspielt. Trotz der Tatsache, dass Ernst-Wilhelm einen wichtigen politischen Posten bekleidet, sind er, Elisabeth und Alexander den Entwicklungen hin zum zweiten Weltkrieg hilflos ausgeliefert und betrachten das Geschehen in Europa gezwungenermaßen nur von außen. Dass beide Männer insgeheim eigenen politischen Idealen folgen, ändert nichts daran.
Es ist insgesamt eine ausgewogene und vor allen Dingen glaubwürdige Handlung mit real wirkenden Akteuren, wobei besonders Elisabeths Geschichte mich berührt hat. Die Auflösung mancher Geheimnisse gegen Ende hätte es für mich zunächst nicht unbedingt gebraucht. Allerdings runden sie die Geschichte, wenn man sie noch einmal Revue passieren lässt, komplett ab.
8/10