Buchrebellin Forum

Storica => Rezensionen => Thema gestartet von: Sagota in 31. August 2020, 00:05:01

Titel: Claire Winter - Kinder ihrer Zeit
Beitrag von: Sagota in 31. August 2020, 00:05:01
Vorausschicken möchte ich, dass Claire Winter seit vielen Jahren zu einer meiner (deutschen) LieblingsautorInnen gehört. Daher habe ich mich sehr auf "Kinder ihrer Zeit", ihren neuesten (historischen) Roman, gefreut: Ich sollte für die Wartezeit belohnt werden und dieser Roman steht den Vorgängern in nichts nach; er ist eher noch spannender und fesselnder, trägt im letzten Romandrittel gar Züge eines sehr guten Agententhrillers - so dass man sich als LeserIn dem Geschehen kaum entziehen kann....

Der Roman ist (auf starken und spannenden 565 Seiten) im Diana-Verlag (HC, 2020) erschienen und in drei Teile gegliedert:

Die Handlung beginnt mit der Flucht von Rosa, die ihre Zwillingstöchter Emma und Alice (11) auf der Flucht im letzten Kriegsjahr (1945) in den sicheren Westen bringen will. Da die Rote Armee schneller ist als viele Menschen aus Ostpreußen, die bis zuletzt ihre Heimat nicht verlassen durften, ist dieser Teil des Romans für mich sehr ergreifend dargestellt: Rosa muss einen Zwilling, der erkrankt ist (Alice) zurücklassen, um den anderen (Emma) zu retten. Die beiden Mädchen werden durch die Kriegswirren getrennt und denken beide viele Jahre, dass die Zwillingsschwester vermutlich nicht mehr am Leben ist - bis sie sich nach Jahren im Berlin des Kalten Krieges (1960/61) wiederbegegnen sollten.... Äußerlich sehen sich Emma und Alice sehr ähnlich; jedoch wuchsen sie in sehr verschiedenen Gesellschaftssystemen auf, der heutigen BRD und der DDR, die vollkommen in der Hand (und der Überwachung) des "großen Bruderlands" UdSSR, heute Russland, stand. Die Bühne, die wir als Leser betreten, ist die heiße Zeit in Berlin vor dem Mauerbau, die die Stadt für viele Jahre in zwei Teile spalten sollte....

Im Romanverlauf lernen wir immer besser die Charaktere der Hauptprotagonisten kennen; die authentisch und sehr empathisch beschrieben werden: So ist es zum einen herzzerreißend, wie sich die beiden jungen Frauen wiedertreffen - und feststellen, wie unterschiedlich sie geprägt sind. Während Alice lange Zeit an die beste Staatsform des Sozialismus glaubt und linientreu später andere Menschen bespitzelt, sie ausspionieren muss; wächst Emma zu einer offenen, sympathischen und zu den Werten der Freiheit stehenden jungen Frau heran, deren große Sympathie den Sprachen gilt, weshalb sie diese Vorliebe zu ihrem Beruf macht und Dolmetscherin wird. Alice ist "Fachkraft im Schreibdienst", was einer Sekretärin im Westen zu dieser Zeit entsprochen hat. Ihre Art ist eher zurückhaltend und verschlossen, da sie früh in ihrem Leben alleine zurechtkommen musste - und durch eine harte Schule früherer DDR-Heime ging. Einzig Sergej, der sie damals auf der Flucht aus dem brennenden Haus rettete, obgleich sie Deutsche war und sich immer um sie kümmerte, vertraut Alice.
Doch welchen Preis muss Sergej zahlen, damit sein Vorgesetzter beim KGB, Markov, ihn nicht belangt?

Es ist die Zeit, in der es in Berlin vor Spionen nur so wimmelte - und sowohl der KGB als auch der BND gerne Menschen anwarben, die sie "umdrehen" konnten, um z.B. wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu bekommen.

Zwei weitere Hauptprotagonisten, deren Geschicke mir ebenfalls sehr nahe gingen, waren Max, der beste Freund von Emma - und Julius, ein junger aufstrebender Wissenschaftler, der im Osten Deutschlands forschte und Zeuge einer Entführung wurde, die seinen besten Freund, ebenfalls Wissenschaftler, betraf: Wie wird sich Julius entscheiden, wird er es vorziehen, sich in den Westen abzusetzen - oder ist sein Gesinnungswandel, parteigemäßes und linientreues Verhalten, echt?

Diesen und vielen anderen Fragen mehr, die sich im Roman stellen, geht der Leser mit großer Spannung nach: "Kinder ihrer Zeit" ist ein Stück Zeitgeschichte - die auch die endgültige Trennung der Stadt Berlin in Ost- und Westberlin beinhaltet: Im Showdown müssen sich unsere RomanheldInnen entscheiden und nicht alle kommen mit dem Leben davon. Die Autorin setzt Alice und Emma (wobei ich den Fakt, dass es sich um Zwillinge handelt, genial fand), Max und Julius, aber auch Sergej und Markov stellvertretend für viele Menschen in einer sehr berührenden, fesselnden Weise dar, die durchaus damals "Kinder ihrer Zeit" waren und teils großen Gefahren ausgesetzt waren, manche zum Spielball der Politik wurden. Tragisch empfand ich das Romanende, aber auch sehr stimmig.

Claire Winter gelingt es wieder einmal, den geneigten Leser in eine Zeit der jüngeren deutschen Geschichte zu entführen und manches "spürbar" zu machen, was damals in Berlin Realität war. Die gewohnt sehr gute und akribische Recherche zu dieser Zeit Ende der 50er/Anfang der 1960er Jahre sind ein weiteres großes Plus der Autorin, die meinen Horizont und meine Sichtweise auf diese Ereignisse erweitern und verbessern konnte.

Ich hatte die Freude, in einer Leserunde gemeinsam mit Claire Winter ihren neuen Roman zu lesen und danke ihr für die sehr spannende, aufschlussreiche und fesselnde Lektüre und die prickelnde Atmosphäre, die stets in ihren Romanen herrscht: Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Roman von ihr und spreche eine absolute Leseempfehlung aus!

4,5 *****
Titel: Aw: Claire Winter - Kinder ihrer Zeit
Beitrag von: Kathrin in 20. Juni 2023, 14:03:06
Oh je, ich fürchte, ich habe zu dem Buch eine komplett andere Meinung  :nixweiss1:

,,Kinder ihrer Zeit" ist für mich der zweite Roman von Claire Winter, auch wenn sie ,,Die Favoritin des Königs," als Claudia Ziegler veröffentlich hat und es schon viele Jahr her ist, dass ich dieses Buch gelesen hatte. Der auf dem rückwärtigen Cover abgedruckte Inhalt zu ,,Kinder ihrer Zeit" hat mich neugierig gemacht. Allerdings verrät dieser Text im Endeffekt zu viel, vor allem auch Dinge, die erst 150 Seiten vor dem Ende passieren und auf die ich gewartet habe ... und dann konnte ich einen bestimmten Satz des Klappentextes noch nicht mal wirklich nachvollziehen.

Ich will es gleich zu Beginn meine Rezension sagen: Das Buch hat mich leider nicht überzeugen können – wobei der Einstieg wirklich viel versprechend war. Der Prolog macht neugierig – auch wenn erst gegen Ende aufgelöst wird, was es damit auf sich hat. Und auch die Flucht von Rosa und ihren beiden Zwillingsmädchen aus Ostpreußen war spannend und vor allem ergreifend – da Alice von Mutter und Schwester getrennt wird. Während Emma bei der Mutter in West-Berlin aufwächst, wird Alice zunächst von dem russischen Offizier Sergej gerettet, wächst dann aber in Heimen bei Königsberg und später in der DDR auf. Viele Jahre dachten die Zwillinge über die jeweils andere, dass sie die Flucht nicht überlebt hätte. Als sie sich 12 Jahre später in Berlin wieder begegnen, tritt der Unterschied in der westlichen bzw. kommunistischen Prägung deutlich zu tage und es dauert lange, bis die alte Vertrautheit wieder aufflackert.

Dass ich persönlich von dem Buch enttäuscht war, lag sicherlich an den hohen Erwartungen, die ich zugegebenermaßen hatte. Ich hatte mich auf einen Roman über Zwillingsschwestern gefreut, die die Teilung Berlins und den Kalten Krieg hautnah miterleben und durch ihre Berufe und Bekannten und Freunde zwischen die Fronten der Geheimdienste geraten. Das alles verspricht der Klappentext und das habe ich auch letztlich bekommen – allerdings fehlte mir in allem die Tiefe. Einige Fragen, die ich mir beim Lesen gestellt habe, werden nicht oder klar genug aufgelöst und der politische Hintergrund wird mir persönlich nicht tief genug beleuchtet, gut genug erklärt. Die Zeitsprünge, die die Autorin macht, sind mir teilweise zu groß oder aber es ist genau die Zeit, die sie ausspart, die mich brennend interessiert hätte. Auch wenn sich der Schreibstil der Autorin an sich sehr gut und flüssig lesen lässt, so finde ich leider, dass das Buch lange Zeit – an die 300 Seiten - vor sich hin dümpelt, es passiert zwar schon einiges, aber es ist nicht spannend, bleibt nicht hängen. Und dann kommt es zum rasanten Showdown, der mir aber in allen Punkten zu extrem und einfach nur noch Drama, Drama, Drama. Es gibt die ein oder andere Stelle, wo ich das Buch einfach nur noch in die Tonne kloppen wollte und ich war selbst 15 Seiten vor Schluss noch nicht sicher, ob ich es wirklich beenden würde, so sehr habe ich mir aufgeregt. 

Der größte Kritikpunkt für mich sind jedoch die Figuren des Buches. Es gibt eigentlich keine Figur,  mit der ich wirklich  zufrieden bin, mir fehlt die Verbindung zu den Figuren und dadurch bin ich als an sich sehr emotionale Leserin emotional überhaupt nicht involviert. Das fällt natürlich vor alle bei Emma und Alice als Protagonistinnen auf, dienen ich nie wirklich nah gekommen bin. Wichtige Nebenfiguren  wie Max, Julius, und Sergej bleiben extrem blass, was gerade bei Sergej sehr schade ist, denn er hatte wirklich Potential für einen spannenden Charakter. Allerdings wird mir seine Rolle in der Geschichte nie richtig klar. Ja, man weiß was er für eine Rolle in Alice Leben spielt, aber was spielt er für eine Rolle für Russland und warum wird er nie so richtig ins Rampenlicht gerückt, obwohl er eigentlich konstant da ist? Dann wiederum gibt es Randfiguren, die in einem eigenen Kapitel schon nahezu künstlich ins Rampenlicht gestellt werden um anschließend nur noch 2-3 Mal erwähnt zu werden. Das wirkte auf mich wirklich sehr gewollt. Und von dem Antagonisten will ich gar nicht erst reden, denn der war ja einfach nur abgrundtief böse und viel zu extrem gezeichnet.

Ich möchte nochmal betonen, dass das hier meine ganz persönliche Meinung zu dem Buch ist und anhand der guten Bewertungen, die die Autorin für ihre Bücher bekommt scheine ich auch mit meiner Meinung eher zu den wenigen Ausnahmen zu gehören, die mit dem Buch nicht viel anfangen konnten. Da ich allerdings meine Rezension zu ,,Die Favoritin des Königs" wieder gefunden habe und sich da die Kritikpunkte ähnlich – wenn auch nicht so extrem – herauslesen lassen, weiß ich nun, dass ich von der Autorin nichts mehr lesen werde. Mein Geschmack hat sich in den letzten Jahren sehr geändert und Kritikpunkte, die mir früher schon aufgefallen sind, fallen heute mehr ins Gewicht. Wobei ich auch weiß, dass ich eine emotionale Leserin bin und mich meine Meinung reinsteigern kann – weshalb es wohl besser gewesen wäre, wenn ich das Buch abgebrochen hätte

Bewertung:
 :Box1:   :Box_halbgrau1:  :Box_grau1:  :Box_grau1:  :Box_grau1:  :Box_grau1:
Titel: Aw: Claire Winter - Kinder ihrer Zeit
Beitrag von: Esmeralda in 21. Juni 2023, 08:13:12
Auweia ... ich glaube dann lasse ich auch lieber die Finger von dem Buch.  :wah:
Titel: Aw: Claire Winter - Kinder ihrer Zeit
Beitrag von: Inge78 in 21. Juni 2023, 08:30:59
Es klingt wirklich gar nicht toll  :dong:
Titel: Aw: Claire Winter - Kinder ihrer Zeit
Beitrag von: Kathrin in 21. Juni 2023, 08:49:23
Der Rest von meiner Leserunde mochte es deutlich lieber als ich. Ich habe mich dann auch wirklich irgendwann reingesteigert. Wartet mal ab, was Meike im Lesemonat Juni dazu sagen wird, sie ist positiver als ich, aber glaube ich auch nur bei 3,5 Sternen.