Wo wir Kinder waren von Kati Naumann
Herausgeber : HarperCollins
Gebundene Ausgabe : 496 Seiten
ISBN-10 : 3749900000
Inhalt:
Vom Rückblick auf eine glückliche Kindheit
Eva, Iris und Jan sind Erben der ehemals prächtigen Spielzeugfabrik Langbein in Sonneberg. In der Kaiserzeit gegründet, befand sie sich in der Weimarer Republik auf ihrem Höhepunkt, überstand zwei Kriege, deutsche Teilung und Verstaatlichung, nur um nach der Wiedervereinigung kläglich unterzugehen. Nun ist von der ehrbaren Langbein-Tradition nichts mehr übrig. Streit und Verbitterung haben sich auf die Hinterbliebenen übertragen. Doch als bei einer Internetauktion eine der seltenen Langbein-Puppen auftaucht – sorgfältig genäht und von ihrem Großvater persönlich bemalt –, rückt die verblasste Vergangenheit wieder heran und wirft unzählige Fragen auf: nach Schuld und Verlust, aber auch nach Hoffnung und Neubeginn.
Eine mitreißende Familiengeschichte über ein fast vergessenes Handwerk
Meine Meinung:
,,Aber Mine klagte nicht. Sie mischte das Mehl mit Gips und buk ihr Brot selbst. Es schmeckte scheußlich, aber es lag wenigstens schwer im Magen." Allein, wenn ich diesen Satz lese, bekomme ich schon wieder Gänsehaut und ,,Lust" (wenn man das überhaupt sagen kann) auf weitere Geschichten, die in der deutsch-deutschen Geschichte, die Zeiten der beiden Weltkriege inbegriffen, spielen.
Ich habe mich wirklich sehr auf ,,Wo wir Kinder waren" von Kati Naumann gefreut. Der Vorgänger ,,Was uns erinnern lässt" war in 2020 ein absolutes Lesehighlight für mich und natürlich hätte ich mit dem neuesten Roman der Autorin auch gerne wieder ein Lesehighlight gehabt. Aber das hat die Geschichte über die Familie Langbein leider nicht ganz geschafft. Auch wenn ich gleich zu Beginn darauf hinweisen will, dass ich hier auf ganz hohem Niveau meckere. Aber das ist wohl das Problem mit zu hohen Erwartungen und die hatte ich nach meiner Euphorie zu ,,Was uns erinnern lässt."
Kati Naumann erzählt in ihrem Roman die über 100-jährige Geschichte der (fiktiven) Spielzeugfabrik Langbein in Sonneberg. Neben dem Vergangenheits-Strang, der Anfang des 20. Jahrhunderts startet, befinden wir uns in einem zweiten Erzählstrang in der heutigen Zeit bei Eva, Jan und Iris, Cousin und Cousinen, die gemeinsam der Geschichte ihrer Familie auf den Spuren sind. Iris ist durch die Flucht ihres Vaters im benachbarten Bayern aufgewachsen, Jan und Eva hingegen in der ehemaligen DDR. Die Autorin hat ihre familiären Wurzeln in dem kleinen thüringischem Ort und auch in ihrer Familie gab es Spielzeugmacher, sie weiß also, von was sie uns hier berichtet.
Für mich steht und fällt ein Buch mit seinen Figuren und diese sind auch der Grund, warum das Buch bei mir etwas schlechter abschneidet, als ,,Was uns erinnern lässt," denn gerade der Gegenwartspart um Eva, Jan und Iris war ein wenig nervig und fast schon abgedroschen. Vor allem Eva ging mir auf den Geist mit ihrer leicht wehleidigen Art und ihren Minderwertigkeitsgefühl gegenüber der bayrischen Cousine. Dafür war der Vergangenheitsteil grandios, der hätte definitiv 6 von 5 Sternen verdient. Wir bekommen hier zum einen einen Einblick in die Puppen- und Spielzeugherstellung ab Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch tolle Charaktere und eine Liebesgeschichte präsentiert, die selbst mir total ans Herz ging – vermutlich weil sie EIN Teil der Geschichte ist, aber nicht der Hauptteil. Ja, vor allem Flora hat sich von Anfang an in mein Herz geschlichen und sich dort festgesetzt. Als Patenkind von Mine Langbein stammt sie selbst jedoch aus sehr einfachen Verhältnissen, aber sie ist so schlau, so clever, so liebenswert, eine absolute Herzensfigur. Aber auch die anderen Figuren in diesem Part waren spannend, vor allem fühlten sie sich echt an. Das ist überhaupt die große Kunst der Autorin, dass sich ihre Geschichten und Figuren so echt, so real anfühlen, selbst wenn sie fiktiv sind und nur auf einem Körnchen Wahrheit basieren. Auch die Bilder, die sie anbringt (ich sage nur ,,der Dattelkern") sind fantastisch. Ganz ganz großartig erzählt!!!
Auch wenn ich im Gegenwartsteil ein wenig genervt war von den Figuren, so sind doch Bücher wie die von Kati Naumann, die Geschichten, die ich momentan lesen will, die mich faszinieren, selbst wenn sie mitunter heftig und grausam sind. Lange genug habe ich einen großen Bogen um die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre gemacht und ich bin wirklich froh, dass ich auch dank Kati Naumann letztlich doch noch die Kurve gekriegt habe.
Bewertung:
[note2+]