ZitatAuf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassade der österreichischen Gemeinde verbirgt sich die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der nahegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf einer Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Vergangenheit, die sie längst für erledigt hielten.
Mein Leseeindruck:
Ein sehr kompaktes und eindringliches Buch; aber keine leichte Lektüre, bei der man durch die Seiten fliegt.
Hier wird man als Leser gefordert und es braucht Konzentration, Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen.
Erzählt wird aus der Vogelperspektive, da es keinen klar benannten Protagonisten gibt, verteilt auf sehr viele verschiedene Erzählstränge.
Und obwohl mich Eva Menasses brillanter Erzählstil und ihre eindringliche Sprache durchaus gepackt haben, hatte ich trotzdem meine Probleme mit den Unmengen an Figuren und immer wieder wechselnden Zeitebenen.
Darüber hinaus empfinde ich es als Kritikpunkt, dass sehr viele interessante Erzählstränge nicht zu Ende erzählt wurden.
Lesenswert ist "Dunkelblum" aber auf jeden Fall.
[note2]
Danke Dir für Deine Meinung. Ich will das Buch auch bald lesen, evtl. sogar noch im Februar, wenn ich bei den Zwergen gut voran komme.
Es klingt echt anstrengend und ich schiebe es gedanklich gerade eher nach hinten
Es steht bei mir auf der Hörbuchliste, weil die Autorin es selber liest
Ich habe es auch noch auf meiner Hörliste..
Ich habe auch schon mal rein gehört und fand es etwas anstrengend, was auch daran liegt, dass mir der österreichische Akzent manchmal Probleme bereitet.
Ich probiere es noch einmal aus.
Hm, okay, also doch Akzent ... kann charmant sein, kann aber auch anstrengend sein
Ihr wohnt zu weit im Norden, Ihr habt's echt nicht so mit Österreicher*innen, oder? Für mich ist das immer mit Urlaub und Wohlfühlen verbunden. :-)
Zitat von: Kathrin in 09. Februar 2022, 10:35:34
Ihr wohnt zu weit im Norden, Ihr habt's echt nicht so mit Österreicher*innen, oder? Für mich ist das immer mit Urlaub und Wohlfühlen verbunden. :-)
Ich habe noch nie in Österreich Urlaub gemacht :kopfkratz:
Ist schön da!
Ich bin mehr für Flachland und Wasser :->
Zitat von: Tara in 09. Februar 2022, 10:47:48
Ist schön da!
Alex versteht mich :knuddel: :->
" Wenn die Träume groß sind, werden es auch die Enttäuschungen."
Ein Tourist kommt in die Stadt und stellt Fragen, eine Leiche wird gefunden, ein jüdischer Friedhof wird restauriert, eine junge Frau verschwindet. Und die Dunkelblumer schützen ihre Geheimnisse, um jeden Preis.
Ich liebe den Schreibstil von Eva Menasse. Sie kann mit ihren Worte Bilder malen, Gefühle lebendig werden lassen. Ihre Metaphern sind sehr oft großartig, ihre Vergleich treffend und oft wunderbar bissig. Mit viel östereichischem Lokalkolorit (für den es glücklicherweise ein Wörterbuch gibt) und einem tiefsinnigen scharfzüngigem Humor erzählt uns die Autorin von Dunkelblum, einem vermeintlich harmlosen kleinen Städtchen kurz an der Grenze zu Ungarn. Das Buch ist überladen von vielen verschiedenen Personen und ihren Geschichten ... und vor Allem ihren Geheimnissen. Zum Glück gibt es in den neuen Auflagen ein Personenregister, das ich regelmäßig zu Rate ziehen konnte ohne mich zu spoilern. Wir wechseln zwischen verschiedenen Erzählperspektiven und verschiedenen Zeitebenen, all dies erfordert eine hohe Konzentration beim Lesen. Und ein Mitdenken, was mich besonders begeistert hat. Ich hatte das Glück, das Buch mit zwei Mitleser*innen zu lesen und durch den regelmäßigen Austausch konnten wir gemeinsam miträtseln und Verbindungen ziehen, Menschen und Ereignisse verknüpfen und Vermutungen anstellen. Die Ereignisse im fiktiven Dunkelblum sind u.a. an ein reales östereichisches Dorf angelehnt und man merkt dem Buch in seiner Detailverliebtheit die große historische Recherche an. Bis zurück in die dunklen Zeiten des 2.Weltkrieges reichen die Wurzeln dieser Geschichte. Und Eva Menasse präsentiert uns mit der anstehenden Wende in der DDR im Sommer 1989 noch ein weiteres historisches Ereignis.
Die Personen sind vielschichtig, und auch wenn man eindeutige Verbrecher und einige "Scheinheilige" ausmachen kann, so sind doch viele Charaktere nicht eindeutig "gut" und "böse" was mir ziemlich gut gefällt. Und bei der Vielzahl der Personen gibt es nicht den einen Hauptcharakter, im Mittelpunkt steht die Kleinstadt Dunkelblum als Ganzes.
Viele Fragen werden aufgeworfen, viele lose Ende warten darauf, verknüpft zu werden und sobald man einen Hinweis entdeckt stellen sich direkt wieder neue Fragen. Und nicht alle Fragen werden am Ende beantwortet, so viel sei verraten. Denn im Roman geht es eher um die Geheimnisse, um das Schweigen, um ungesühnte Verbrechen, um Schuld und um Rache.
Die Autorin lässt die Charaktere selber erzählen, wie man in Dunkelblum mit Geheimnissen umgeht: "Dass dieses Gespräch niemals stattgefunden hatte, war klar, keine musste das aussprechen. Das war hier alte Tradition, damit waren sie bisher immer gut gefahren."
Ein paar Szenen sind nichts für zarte Gemüter wobei die Autorin niemals übertreibt in irgendwelchen Gewaltdarstellungen. Durch die vielen Rätsel gab es für mich im Roman eine dauerhaft anhaltende Spannung, die mich durch die Seiten gezogen hat. Das Ende kommt mit einem Knall und nach einem ersten Schrecken und dann großer Begeisterung, hätte ich das Buch am Liebsten direkt wieder von vorne begonnen. Wenn denn nicht noch so viele andere Bücher darauf warten würden, gelesen zu werden.
Man muss sich auf diesen Roman einlassen, man muss sich hineinfallen lassen in eine Geschichte, die Fragen aufwirft, in einen großen Mischtopf aus Menschen und Meinungen, aus Geheimnissen und Lügen. Nicht ganz einfach, man sollte aufmerksam lesen um nichts zu verpassen, um den Überblick zu behalten. Und man wird belohnt mit einer ganz besonderen Geschichte, die mich sicherlich noch lange beschäftigen wird.
[note1]
Ich habe es auch beendet und mochte auch so, so sehr. Für mich auch [note1]
Rezi folgt, wenn ich irgendwann mal wieder Zeit für so was habe :wuschig:
Schön, dass Euch "Dunkelblum" so begeistern konnte. :applaus1:
Wahrscheinlich empfindet man das Buch nochmal anders und intensiver, wenn man es in einer LR liest.
Als ich das Buch für mich alleine gelesen habe, hatte ich häufig Fragezeichen im Kopf und ein Austausch dazu hätte sicher geholfen.
Rückblickend empfinde ich das Buch dadurch auch als etwas anstrengend.
ZitatAls ich das Buch für mich alleine gelesen habe, hatte ich häufig Fragezeichen im Kopf und ein Austausch dazu hätte sicher geholfen.
Die Fragezeichen kann ich verstehen und der Austausch hat das Buch auf jeden Fall noch intensiver gemacht
Ich habe mir gerade Inges Rezi zu "Dunkelblum" nochmal durchgelesen und eigentlich würde ich das am liebsten Wort für Wort kopieren. Besser kann ich meine Meinung zu dem Buch auch nicht wiedergeben, aber ich versuche es trotzdem mal.
Wow! Was für ein tolles Buch! ,,Dunkelblum" war zwar das erste Buch der österreichischen Autorin Eva Menasse für mich, aber sicherlich nicht das letzte. Sie hat mich mit ihrer vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen und ich habe sowohl die Sprache und Geschichte als auch die tolle Leserunde total genießen können!
Dunkelblum ist ein fiktiver Ort in Österreich, kurz vor der ungarischen Grenze. Angelehnt ist der Ort an die österreichischen Gemeinde Rechnitz, in der im Jahr 1945 von dort stationierten SS-Leuten ein Massaker an etwa 200 jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurde. Aber auch andere Begebenheiten aus der Zeit des zweiten Weltkrieges in Österreich webt die Autorin in die Geschichte ein, was zusammen mit der großen Anzahl an Dunkelblumern zu eine unglaubliche komplexe Geschichte ergibt, bei der ich all meine Sinne und Konzentration zusammennehmen musste, um den Durchblick nicht zu verlieren.
Die eigentliche Geschichte spielt im Sommer 1989. Mehrere Fremde sind in Dunkelblum, darunter eine Gruppe Studierende, die den jüdischen Friedhof sanieren wollen und ein rätselhafter Besucher, der mit seinen unermüdlichen Fragen etliche Dunkelblumer aufschreckt. Es gibt keine klare Hauptfigur in dem Buch, dafür umso mehr Figuren, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird ... oder auch nicht erzählt wird. Denn was die Dunkelblumer eint, ist ihr ,,tosendes Schweigen" über Dinge – große und auch kleine individuelle Geheimnisse, die teilweise schon lange zurückliegen. Mal wird hier ein Spotlight hingerichtet, mal dort, mal sind wir in der Vergangenheit im zweiten Weltkrieg, mal bei den DDR-Flüchtlingen, die hinter der nahgelegenen Grenze in Ungarn auf die Weiterreise warten. Es wirkt wie ein großer bunter Wandteppich, der sich aus vielen kleinen Bildern zusammensetzt und eine große, spannende Geschichte erzählt.
Ich habe die Sprache der Autorin als bildgewaltig und ehrlich empfunden. Mit einem bissigen, feinen Humor fängt sie so grandios gut ein, wie so eine Kleinstadt mit ihren so unterschiedlichen Bewohner funktioniert und tickt, wer mit wem oder gegen wen und die vielen Andeutungen, die sie macht, die großen und kleinen Geheimnisse, die unter der Oberfläche aufblitzen, haben eine absolute Sogwirkung auf mich gehabt. Sie fängt den Zeitgeist so gut ein, stellt tolle Vergleiche an und hat so viele tolle Szenen und einzelne Sätze in ihren Roman gepackt, dass evtl. kleinere Kritikpunkte – zumindest für mich – nicht ins Gewicht fallen. Ein Kritikpunkt war z.B. ein wenig Schwafelei um Dinge, die nicht wirklich was für die Geschichte tun und die mich weniger interessierten oder auch das Ende, das man wirklich mögen muss. Auch ich musste erstmal schlucken, aber inzwischen feiere ich das Ende, genau so wie es ist. Da ich leider noch eine ,,alte" Ausgabe ohne Personenregister habe, bin ich mitunter ein wenig ins Schwimmen geraten. Ohne meine Notizen und die Leserunde hätte ich in der Geschichte durchaus auch verloren gehen können.
Alles in allem war es ein wirklich grandioses Buch mit einer tollen Geschichte und Sprache, mit sperrigen, mit liebenswerten aber auch mit absolut hassenswerten Figuren und einer Kleinstadt, die so echt wirkt und aus der ich gar nicht auftauchen wollte.
Bewertung:
[note1]
:schmacht:
Ach ja, tolles Buch