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Anspruchsvolles & Klassiker => Rezensionen => Thema gestartet von: Kathrin in 07. August 2023, 17:23:59

Titel: Louise Erdrich: Jahr der Wunder
Beitrag von: Kathrin in 07. August 2023, 17:23:59
Jahr der Wunder von Louise Erdrich
Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 464 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3351039808


Inhalt:
Während sich in Minneapolis wütender Protest gegen rassistische Polizeigewalt formiert, wird eine kleine Buchhandlung zum Schauplatz wundersamer Ereignisse: Flora, eine treue Kundin, stirbt an Allerseelen und treibt fortan als Geist ihr Unwesen im Laden. Besonders Tookie, die dort nach einer Gefängnisstrafe arbeitet, erhält rätselhafte Zeichen. Denn die beiden Frauen verbindet mehr als ihre Liebe zur Literatur. Tookie muss sich den Geistern der Vergangenheit und ihrer indigenen Herkunft stellen. Und sich wie alle in der Stadt fragen, was sie den Lebenden und den Toten schuldet. Louise Erdrich zeigt eindrucksvoll, wie erhellend Literatur in düsteren Zeiten sein kann – und verfasst zugleich eine Liebeserklärung an Lesende, Bücher und jene, die sie verkaufen.

Meine Meinung:
Vermutlich wäre die Rezension zu ,,Jahr der Wunder" von Louise Erdrich deutlich euphorischer ausgefallen, wenn ich sie direkt nach dem Lesen geschrieben hätte. Da ich jedoch nicht in die komplette und ultimative Lobhudelei abdriften wollte, habe ich ein paar Wochen mit der Rezi gewartet.

,,Jahr der Wunder" erzählt die Geschichte von Tookie, einer Frau mittleren Alters und mit indigenen Wurzeln, die nach einem längeren Gefängnisaufenthalt nun in einem Buchladen in Minneapolis arbeitet. Als eine der besten aber auch anstrengendsten Kundinnen, Flora, nach ihrem Tod an Allerseelen 2019 anfängt im Buchladen als Geist ihr Unwesen zu treiben, fühlt sich vor allem Tookie von ihr verfolgt. Im Laufe des einen Jahres, in dem das Buch spielt passiert vieles auf der Welt, das auch Tookies Leben massiv beeinflusst: die Corona-Pandemie bricht aus und George Floyd verliert durch polizeiliche Gewalt sein Leben.

Ich hätte tatsächlich nie gedacht, dass mich ein Buch so packen kann, das Ereignisse thematisiert, die erst vor Kurzem stattgefunden haben.  Wir alle können uns an die Pandemie erinnern und was gerade das erste Pandemie-Jahr mit uns gemacht hat. Hamstereinkäufe, Homeoffice, Isolation, Angst vor Ansteckung und sicherlich kennt jeder von uns Menschen, die extrem vorsichtig waren und sogar im eigenen Zuhause Masken getragen haben. Wenn man mich vorher gefragt hätte, ob ich davon lesen will, hätte ich nein gesagt, denn eigentlich sind wir doch alle froh, dass dieser ,,Spuk" vorbei ist. Aber ich wusste nicht wirklich, was mit dem Buch auf mich zukommen würde. Ich wollte nur einfach die Autorin für mich ausprobieren und zusätzlich einen Punkt im diesjährigen Bücher-Bingo abhaken. Außerdem hieß es, es sei ,,ein Liebesbrief an Lesende und an die lebensverändernde Kraft von Literatur". Das muss man als Buchliebhaber doch ausprobieren.

Ich bin mir sicher, dass das Buch Lesebegeisterte auch spalten kann. Vor allem auf den magischen Realismus rund um den Geist von Flora, muss man sich einlassen können und wollen. Aber gerade dieser Aspekt gepaart mit dem, was ich über die Geschichte, Rituale und den Glauben der indigenen Bevölkerung gelernt habe, hat mir besonders gut gefallen, auch wenn mir ein Glossar zu indigenen Begrifflichkeiten gefehlt hat. Allerdings kann das Fehlen des Glossars auch pure Absicht gewesen sein, denn so habe ich nebenbei für mich recherchiert und ein Thema für mich entdeckt, über das ich noch viel mehr lesen, lernen und wissen will. Es ist zwar nicht mein erstes Buch über die amerikanischen Natives, aber es ist lange her, dass ich darüber gelesen habe.

Der bildreiche und flüssig zu lesende Schreibstil von Louise Erdrich hat ebenfalls einen großen Anteil an meiner Begeisterung. In meinen Augen ist das Buch relativ ruhig erzählt. Natürlich passiert einiges in der Welt und auch in Tookies Leben, aber es ist keine action-geladene Geschichte. Ich habe in einer anderen Rezension gelesen, dass der Leserin in manchen Aspekten die Tiefe gefehlt hat, die Autorin nur an der Oberfläche der Themen gekratzt hätte. Für mich war es hingegen genau richtig so, denn dadurch war das Buch nicht überfrachtet und wer tiefer gehen, mehr erfahren will, der kann das, wie oben schon erwähnt ja für sich selbst tun. Auch die Figuren waren wunderbar ausgearbeitet und sehr nahbar. Gerade an Tookie war ich sehr nah dran, auch wenn ich mein Herz an eine andere Figur in diesem Buch verloren habe.

,,Jahr der Wunder" ist ein wundervolles (Wunder-volles) Buch, das vieles in mir aufgerüttelt hat und sicherlich noch lange nachhallen wird. Die Schönheit und Wärme wird bei einem Re-Read, den ich sicherlich machen werde, bestimmt noch viel intensiver zu spüren sein. Aber dass ausgerechnet eine der schönsten, aber ganz unaufdringlich und leise erzählten Liebesgeschichten das Buch zu einem Jahreshighlight für mich gemacht hat, wird viele verwundern, die mich und meine Einstellung zu Liebesgeschichten kennen. Aber hey, wenn nicht Tookies Ehemann zum Niederknien ist, wer denn bitte dann?

Bewertung:
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Titel: Aw: Louise Erdrich: Jahr der Wunder
Beitrag von: Inge78 in 08. August 2023, 07:17:21
Das klingt wirklich wundervoll  :schmacht:
Titel: Aw: Louise Erdrich: Jahr der Wunder
Beitrag von: Esmeralda in 08. August 2023, 08:00:44
Oh, wow, das klingt wirklich total gut.  :schmacht:
Danke für Deine begeisterte Rezi - das Buch ist postwendend auf meiner Wunschliste gewandert.  :dong: