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Unterhaltung => Rezensionen => Thema gestartet von: Sagota in 14. Mai 2026, 22:35:37

Titel: Christian Huber - Solange ein Streichholz brennt
Beitrag von: Sagota in 14. Mai 2026, 22:35:37
Wenn zwei Welten aufeinanderprallen - und sich Liebe hinzugesellt....

"Solange ein Streichholz brennt" von Christian Huber ist bisher mein Jahreshighlight 2026: Erschienen ist dieser mitreißende und wirklich gut geschriebene Roman, dem es an einer gewissen gesellschaftlichen Authentizität nicht mangelt, bei dtv ((HC, 352 Seiten).

Bohm, obdachlos seit einigen Jahren, schnitzt Holzmäuse, die er auf Flohmärkten verkauft, um sich über Wasser zu halten, als ihn ein Mädchen auf die "one-Million-Dollar"-Maus anspricht (interessanter Hintergrund!) und ihm ein Hund zuläuft, dem das Mädchen sogleich einen Namen gibt: Fox. Dieser ist nun Bohms ständiger Begleiter und es ist offensichtlich, dass Bohm dies ebenso gut tut wie auch dem Hund.

Alina Alev, eine junge Reporterin und Journalistin, bekommt beim Sender RTI, für den sie Reportagen macht, eine letzte Chance: Sie soll gemeinsam mit Jakob, der sie hierzu ins Boot holt, eine Mischung zwischen Magazin und Talkshow als Projekt entwickeln, das den Titel "Wie schnell entgleitet ein Leben?" trägt. Alina, deren Eltern sich hochgearbeitet haben in Deutschland, möchte, dass diese auf sie stolz sind und begibt sich auf die Recherche: Unter unzähligen Interview-KandidatInnen ist auch Bohm, der jedoch ihr Angebot (gegen entsprechende Bezahlung) erstmal rundweg ablehnt - wie all' die anderen auf der Straße lebenden Menschen auch.

Doch dann geschieht etwas, das Bohm dazu zwingt, Alinas Angebot doch anzunehmen: Fox wird bei einer Massenkeilerei in einer Spelunke schwer verletzt und mit dem Geld könnte Bohm für die Kosten der OP für seinen Hund aufkommen. Und so begleitet man als Leser Bohm und Alina eine Woche an verschiedenen Schauplätzen, an denen Bohm sich auch sonst aufhält (Suppenküche, Neubauten, in denen Bohm und Fox für eine Nacht sicher sind, aber auch der Tierklinik, von wo Bohm den gesundenden Fox wieder abholen kann und auf dem Jahrmarkt; wo es zu einer lustigen Szene kommt). Um dem Hund eine gute Nachsorge nach der überstandenen OP zu sichern, nimmt Alina Fox bei sich auf, als ihre Eltern zum Brunch kommen, was einmal monatlich Usus ist und wo es später zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Bohm und Jakob kommen sollte.  Auch  nimmt man an einer Konferenz des Senders RTI (eine Persiflage auf RTL??) teil, wo karrieregeile Mitarbeiter auch über (Hunde)leichen gehen würden, damit das geplante Projekt durch die Decke geht und die Einschaltquoten sehr hoch sind: Jakob ist ein gutes Beispiel dafür, der auch darüber hinaus eine dunkle Seite hat, von der Alina nur durch Zufall erfährt - und das Weite sucht.

Der Vorname von Bohm wird erst ziemlich spät genannt; auch der Grund, weshalb ihm (und vor allem was) vor Jahren der Boden unter den Füßen gezogen wurde - und er wegrannte. Besonders der letzte (4.) Teil des Romans ist sehr aufschlussreich und spart nicht mit Sozialkritik, was mir persönlich sehr gefallen hat. Auch die titelgebenden "Streichhölzer" spielen im Romanverlauf eine durchaus wichtige Rolle - besonders mit Bohm's Erkenntnis, dass irgendwie "immer das Licht gefehlt hat".

Der Schreibstil des Autors sagt mir sehr zu: In kurzen, glasklaren und prägnanten Sätzen ist man sehr schnell mit Bohm und Alina sowie der Handlung vertraut und kann sich gut in beide hineinversetzen; in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Beide Figuren werden so authentisch dargestellt, dass sie dem realen Leben wie entliehen scheinen; besonders gut ist das (unschöne) Leben von Bohm auf der Straße beschrieben und so hallt dieser Roman lange beim Leser nach: Gibt es nicht für jeden Menschen Katastrophen, die ihn aus der Bahn werfen können? Weshalb geht die Gesellschaft mit Obdachlosen so empathielos um, ohne die Hintergründe zu kennen? Ich für meinen Teil bin froh, dass es Orte und Plätze sowie Personen und soziale Einrichtungen gibt, die diesen Außenseitern der Gesellschaft zumindest nachts ein Dach über dem Kopf anbieten und eine warme Mahlzeit am Tag. Auch die Tatsache, dass bei Alina im näheren Kennenlernen Gefühle der Zuneigung zu Bohm entstehen, ist nicht abwegig: Unter der (zugegeben ungepflegten) Schale steckt ein toller Mensch "mit Gründen", die zur Obdachlosigkeit führten! In Rückblicken gestattet der Autor nun dem Leser, diese näher zu betrachten.

Fazit:

Ich habe selten einen so erfrischenden, kritischen, unterhaltsamen und wirklich toll geschriebenen Roman mit sehr viel Tiefgang gelesen, der aufzeigt, wie schnell ein Leben haltlos kippen - und auch wieder aufgerichtet werden kann. Durch die Liebe und die Erkenntnis, dass man vor allem davonrennen kann; aber nicht vor sich selbst! Eine absolute Leseempfehlung und Buchtipp von mir mit 5* + sowie einem dankeschön an den Autor und an dtv!
Titel: Aw: Christian Huber - Solange ein Streichholz brennt
Beitrag von: Esmeralda in 18. Mai 2026, 08:07:51
Das liegt auch schon auf meinem SuB und jetzt freue ich mich noch mehr auf das Buch.  :flirt:
Titel: Aw: Christian Huber - Solange ein Streichholz brennt
Beitrag von: Sagota in 18. Mai 2026, 16:51:57
Das geht mir auch immer so bei Büchern, die LesefreundInnen gut fanden   :elch:
Es ist ein wirklich fantastisches Buch, finde ich - und wünsch' Dir viel Spaß beim Lesen!!
Titel: Aw: Christian Huber - Solange ein Streichholz brennt
Beitrag von: Inge78 in 19. Mai 2026, 08:24:27
Man vergisst nicht, wie man schwimmt habe ich von dem Autor gelesen, das mochte ich auch sehr gerne