Buchrebellin Forum

Anspruchsvolles & Klassiker => Rezensionen => Thema gestartet von: Kathrin in 09. Juni 2026, 17:16:12

Titel: Henrik Szántó: Treppe aus Papier
Beitrag von: Kathrin in 09. Juni 2026, 17:16:12
Inhalt:
Die Geschichte eines Hauses und der Menschen, die es bewohnen: von der NS-Zeit bis heute, von Leben, Verantwortung und Erinnerung

Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-Jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem Vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.

Meine Meinung:
Während des Lesens von ,,Treppe aus Papier" von Henrik Szántó habe ich schwer daran gezweifelt, ob ich eine halbwegs vernünftige Rezension zu diesem neuen Lebenslese-Highlight zustande bekommen würde. In den gerade einmal 224 Seiten der Geschichte steckt so viel drin, über das man nachdenken oder vielleicht auch mit anderen besprechen kann. Und das alles in einer herausragend guten Sprache, mit so viele Passagen und Sätzen, die man sich merken will.

Die Geschichte wird komplett aus der Sicht des Hauses erzählt, das Zeitzeuge ist und vielen Menschen in den letzten 100-120 Jahren ein Zuhause geboten hat.  Dadurch hat es viele große und kleine Tragödien seiner Bewohner miterlebt: Geburten, Liebeskummer, Tod, Existenzängste, Familien und Familienzwänge, aber eben auch die deutsche Geschichte, vor allem die schrecklichen Ereignisse während der NS- Zeit. Dies alles hat es in sich aufgezogen und wie könnte es anders sein: ich liebe dieses Haus, sein mitfühlendes aber in seiner Starre gefangenes Wesen. Ich liebe wie seine Gedanken durch die Zeiten wabern und Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschmelzen. Ich liebe seinen Blick auf die Bewohner und dass es niemals wertet, sein Mitgefühl für Nele und seine zwispältigen Gefühle für Irma und ich liebe seine Wut darüber, dass es zu Starre verdammt ist und nicht mehr tun kann, als Zeitzeuge zu sein.

Mit den menschlichen Hauptfiguren Nele und Irma fiel mir das Warmwerden deutlich schwerer, was aber sicherlich so beabsichtigt war. Da wir Irmas Geschichte auch über Rückblicke erzählt bekommen wird auch ihr Charakter mit der Zeit immer greifbarer. Was sie erlebt hat, wie sie aufgewachsen ist, hat sie so sehr geprägt, sie in ihrer eigene Starre, ihr Schneckenhaus gepresst, dass sie so gut wie keine Nähe zulassen kann. Bei Nele ist das anders. Wir lernen sie als schwer pupertierende Jugendliche kennen, mit denen ich wirklich oft meine Probleme habe. Aber sie macht eine tolle Entwicklung durch und es bereitet Freude, ihr dabei zusehen zu dürfen.

Ich habe das Buch regelrecht aufgesogen, auch wenn es kein Buch für Zwischendurch und nebenbei ist. Gerade durch den durch die Zeiten wabernden Erzählstil des Hauses und die etwas anspruchsvollere Sprache des Autors, hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch all meine Aufmerksamkeit erfordert hat.

Es ist dadurch sicherlich kein Buch für jeden Lesenden, und auch nicht für jede Zeit und Phase im Leben geeignet. Man sollte offen dafür sein, über den ersten Satz, der 3,5 Seiten lang ist, hinauskommen und sich darauf einlassen, dass es komplett aus der Sicht des Hauses erzählt wird. Trotzdem ist es eine klare Leseempfehlung von mir. Es ist wie jedes Buch über die Nazi-Herrschaft ein wichtiges Buch, ein Buch über das Erinnern, das Verdrängen, das Verschweigen - was nicht verschwiegen werden darf, was bewahrt und erzählt werden muss. Ein Buch gegen das Vergessen!

Note: 1  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1: