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Fantasy => Rezensionen => Thema gestartet von: Kathrin in 10. Juni 2026, 15:53:15

Titel: Amanda Peters: Beeren pflücken
Beitrag von: Kathrin in 10. Juni 2026, 15:53:15
Inhalt:
Juli 1962. Eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia kommt in Maine an, um den Sommer über Blaubeeren zu pflücken. Einige Wochen später ist die vierjährige Ruthie verschwunden. Sie wird zuletzt von ihrem sechsjährigen Bruder Joe gesehen, als sie auf ihrem Lieblingsstein am Rande eines Beerenfeldes sitzt. Ihr Verschwinden wirft Rätsel auf, die Joe und seine Familie verfolgen und fast fünfzig Jahre lang ungelöst bleiben.

In Maine wächst ein Mädchen namens Norma als Einzelkind in einer wohlhabenden Familie auf. Ihr Vater ist emotional distanziert, ihre Mutter erdrückend überfürsorglich. Norma wird oft von wiederkehrenden Träumen geplagt. Mit zunehmendem Alter ahnt sie, dass ihre Eltern ihr etwas verheimlichen. Da sie nicht bereit ist, von ihrem Gefühl abzulassen, wird sie Jahrzehnte damit verbringen, dieses Geheimnis zu lüften.

Meine Meinung:
Ich gebe zu ,,Beeren pflücken" von Amanda Peters habe ich nicht nur, aber doch auch, aufgrund des Covers gekauft. Das ist ein tolles Motiv, komplett mit Blaubeeren im grünen Laub der Sträucher, wunderbaren Farben und so passend zu der Geschichte der Mi'kmaq Familie aus Nova Scotia, deren jüngste Tochter beim Blaubeerenpflücken spurlos verschwindet. Was das das Verschwinden der kleinen Ruthie für die einzelnen Familienmitglieder, vor allem für den wenig älteren Bruder Joe bedeutet, der Ruthie als letzte gesehen hat, wie sich das Leben ohne Ruthie auf ihr ganzen Leben auswirkt, wird in diesem Roman sehr eindringlich erzählt.

Der Einstieg ist mit grundsätzlich leichtgefallen, ich mag den atmosphärischen Erzählstil der Autorin, ich war sofort mit der Familie auf den Blaubeerfeldern, sah alles vor mir, habe die Luft, die Hitze auf der Haut gespürt. Allerdings hat es ein wenig gedauert, bis ich mit manchen Figuren richtig warm wurde. Klar, es ist kaum vorstellbar, wie sich der Verlust eines Kindes, einer kleinen Schwester, von der nie wieder eine Spur, auch keine Leiche gefunden wurde, für die Familie, die Eltern, die Geschwister anfühlen muss. Vielleicht war das ein automatischer Schutzmechanismus, dass ich erstmal nicht so nah an den Figuren dran war, sich das erst entwickeln musste. Aber irgendwann konnte und wollte ich nicht mehr weg von der Familie, ich hoffte mit ihnen, trauerte mit ihnen, war wütend mit ihnen. Es waren tolle, echte, wahrhaftige, teilweise unsympathische, kaputte und schwierige Charaktere dabei, aber alle waren sie mit Hintergrund und viel Tiefe gezeichnet. Und auch wenn der Fokus ganz klar auf Joe und Norma (im zweiten Erzählstrang) liegt, so waren doch Mae und Tante June für mich die wahren Heldinnen des Romans. Dass es sich um eine Familie mit indigenen Wurzeln handelt, hat für mich nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Das ist zwar wichtig und es wird darauf eingegangen, und gibt dem Buch eine andere Basis, aber der Fokus lag für mich ganz klar auf dem Familienkonstrukt an sich, unabhängig vom Hintergrund der Familie.

Es steckt so, so viel in diesem Buch: Abschiednehmen, Loslassen, Verlust, Schuld und Vergebung, Familie, einzelne Familienkonstellationen (Mutter-Tochter), Wut, Trauer und das war so wunderbar intensiv und bewegend erzählt, dass mir mehr als einmal die Tränen in die Augen geschossen sind. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass es für manch anderen Lesenden vielleicht etwas an Kitsch kratzt.

Es mag ein eher ruhiges Buch gewesen sein, kein atemlos zu lesender Pageturner, aber es war ein tolles Buch, für das ich gerne mehr Zeit gehabt hätte, gerne mal 100 Seiten am Stück gelesen hätte. Definitiv eine Geschichte, die man nicht so schnell vergisst, die einen lange nicht loslässt.

Note 2+  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box_halbgrau1:
Titel: Aw: Amanda Peters: Beeren pflücken
Beitrag von: Inge78 in 11. Juni 2026, 08:29:25
Das Buch hat mir meine Buchhändlerin schon mehrfach ans Herz gelegt