Das Haus Gottes - Charlotte Lyne

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Offline Lannie

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Das Haus Gottes - Charlotte Lyne
« am: 31. Januar 2009, 18:47:32 »
Besser spät als nie. Hier ist endlich meine Rezension zu Charlies Buch (habe es schon im November 2008 gelesen). Eigentlich habe ich befürchtet, ich würde keine vernünftige Rezi mehr zusammen bekommen, aber das Gegenteil ist eingetreten. Ich musste mich ausbremsen, denn eigentlich hätte ich noch doppelt so viel schreiben können.  :rotwerd:

Verlag: Der Club
Seiten: 656
Ausgabe: Hardcover
ET: 27.10.2008
Preis: € 19,95
[isbn]3499249189[/isbn] Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499249181
Seiten: 704
Ausgabe: Taschenbuch
ET: 05.2009
Preis: € 9,95

Kurzbeschreibung

England, 1336

Der schwelende Konflikt zwischen England und Frankreich verhilft der Hafenstadt zum Aufschwung. In dieser Blütezeit hält die lebenslustige Dorothy Hochzeit mit Symond, dem hübschen Sohn des visionären Schiffsbauers Aimery Fletcher. Voller Zuversicht sieht sie ihrem neuen Leben entgegen, doch schon bald zerbricht ihr Traum vom Glück, denn Symond entpuppt sich als Frauenheld und Luftikus. Als französische Kriegsschiffe die Stadt in Schutt und Asche legen und Dorothys kleiner Sohn in der Feuersbrunst stirbt, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung Aimery zu. Sie ist die erste Frau, die sein vor Trauer verwundetes Herz berührt, seit er als angeblicher Mörder seiner Gattin geächtet ist. Wird es ihnen gemeinsam gelingen, in der nun von Krieg und Pest gebeutelten Stadt zu überleben?

Meine Meinung

Im Herbst 2008 ist „Das Haus Gottes“ als Club-Premiere im Bücherclub erschienen und ich hatte das große Vergnügen, den Roman in einer äußerst lebendigen Leserunde gemeinsam mit der Autorin Charlotte Lyne zu lesen. Zuvor hatte ich bereits mit großer Begeisterung ihre beiden anderen historischen Romane - „Die zwölfte Nacht“ und „Die Glocken von Vineta“ -  gelesen und ging daher auch mit großen Erwartungen an ihren neuesten Roman heran. So groß meine Erwartungen auch waren, sie wurden noch übertroffen. In meinen  Augen ist „Das Haus Gottes“ das bisher beste Buch der Autorin. Damit zählt Charlotte Lyne für mich zu den vielversprechendsten Neuentdeckungen in 2008 und ich bin unheimlich gespannt auf ihre noch kommenden Werke – im Februar 2009 wird „Alles über Shakespeare“ erscheinen, das erste Sachbuch der Autorin.

„Das Haus Gottes“ erzählt aus der Sicht der Familie Fletcher einen Teil der bewegenden Geschichte der Stadt Portsmouth. Nicht nur das Schicksal der Stadt hat Charlotte Lyne bewegend widergespiegelt, sondern auch die Auswirkungen von Wirtschaft, Krieg und Pest auf das Leben der Bürger in Portsmouth sind eindringlich, erschreckend und berührend beschrieben. Die Autorin hat sich in meinen Augen mit ihrer Geschichte viel vorgenommen und es war zu befürchten, dass irgendein Aspekt - z. B.die Stadtgeschichte, menschlichen Einzelschicksale - auf der Strecke bleiben würde. Aber Charlotte Lyne zeigt nach nur wenigen Seiten ihr wahres Potential Geschichten zu erzählen und hat einen raumgreifenden, tief gehenden Roman geschaffen, der Geschichte und Fiktion (ihre Protagonisten sind erfunden) auf eine Art und Weise verbindet, dass sich ein lückenloses, bis ins kleinste Detail gestochen scharfes Bild ergibt, das keine Wünsche und Ansprüche offen lässt.

Sprachlich hat mich Charlotte Lyne überrascht. Einerseits schreibt sie auf hohem Niveau, vor allem beim Prolog brauchte ich ein wenig Zeit, um mich einzufinden, scheut aber nicht vor einer etwas derberen Ausdrucksweise zurück, die sich wunderbar in den Kontext einpasst. Mir gefiel dieser Stil ausgesprochen gut und er passt einfach perfekt zu der Geschichte, die mich kaum mehr loslassen wollte und mich nachhaltig beschäftigt hat. Die Seiten flogen nur so dahin und ich hab gar nicht gemerkt, wie viel ich letztendlich schon gelesen hatte.

Charlotte Lyne hat sich viel Mühe mit der Handlung gegeben und eine interessante und spannende, wenn auch bedrückende und tragische Geschichte geschrieben. So erzählt sie nicht nur anhand einer fiktiven Familie – den Fletchers -, wie das Leben in Portsmouth vor und während der großen Pest  gewesen sein könnte, sondern verlässt mit Hilfe ihres männlichen Protagonisten Aimery Fletcher den eigentlichen Schauplatz, um den Leser einen Blick auf die Schlacht um Sluis werfen zu lassen. Besonders gut hat mir gefallen, dass sich Charlotte Lyne auch an die Schlacht bei Crécy gewagt hat und dabei wählt sie einen ganz besonderen Weg, um davon zu erzählen. Anhand des Berichtes einer Figur, die Aimery sehr nahe steht, erfährt der Leser, was sich in dieser Schlacht zugetragen hat. Und Charlotte Lyne ist es tatsächlich gelungen, dadurch einen unglaublich intensiven und bewegenden Blick auf die Ereignisse zu schaffen. Die Schilderungen sind unsagbar lebendig und haben mich bis ins Innerste erreicht. Ich hatte stets das Gefühl, selbst mit dabei gewesen zu sein. Die Schlacht bei Crécy ist zutiefst berührend, aufrüttelnd und verstörend geschildert! So mancher Autor hat sich an diesem Thema versucht und nur wenigen ist es gelungen, mich zu überzeugen, mich mitzureißen und mir ein klares Bild davon zu vermitteln. Charlotte Lyne zählt zu diesen wenigen Autoren, die das richtige Gespür, das nötige Handwerkszeug und das rechte Maß an Sensibilität mitbringen, um von solch bedeutenden Ereignissen zu berichten. Mich konnte sie restlos überzeugen.

Charlotte Lyne erzählt aber nicht nur mutig und realistisch von Krieg und Schlachten, sondern auch äußerst informativ und gut verständlich vom Schiffbau und vor allem von der großen Pest, die nicht nur Portsmouth überrollte, sondern ganz Europa. Dabei geht sie absolut schonungslos mit dieser Epidemie um, nimmt kein Blatt vor den Mund, schont den Leser nicht mit ihren ausführlichen, manchmal widerwärtigen Beschreibungen und scheut auch nicht davor zurück, wichtige und sympathische Figuren an der Pest sterben zu lassen, was dem Roman viel Authentizität verleiht. Ich finde es großartig, dass die Autorin den Mut hatte, wirklich alle Facetten der Pest aufzuzeigen und sich nirgends zurück genommen hat. Dabei hat sie eine erschreckende und bewegende Atmosphäre aus  Panik, Tod, Siechtum, Sühne und Schuldzuweisung aufgebaut, die mir nicht nur einmal eine ordentliche Gänsehaut beschert hat. Um jede Figur, die der Pest zum Opfer gefallen ist, habe ich getrauert und für deren Angehörige tiefes Mitleid empfunden.

Charlotte Lyne erzählt alle Aspekte ihrer Geschichte eindringlich und äußerst tief gehend, dabei mitreißend und so real, als wäre man selbst mit dabei, würde selbst um sein Leben zittern, hoffen, beten, aber auch vor Glück taumeln, hoffen, lieben. Oftmals befürchtete ich schon, mich selbst in diesem Roman zu verlieren. Mit wenigen Worten schafft die Autorin dichte Atmosphären, denen man sich unmöglich entziehen kann, denen man hoffnungslos ausgeliefert ist und die einen so tief in den Roman eintauchen lassen wie es nur wenige Autoren schaffen.

Das Ende ist äußerst ereignisreich, rasant und vor allem bewegend. Hier liegt alles derart dicht beieinander, dass die Grenzen verwischen. Wut, Hass, Freude, Liebe, Leid, Glück, Leben und Tod, Erkennen, Missverstehen, Erlösung, Verdammnis, Verlieren, Gewinnen, Hoffnung, Enttäuschung... Mir hat es sehr gut gefallen und  ich bin mit einem zufriedenen Gefühl aus dem Roman heraus gegangen. „Das Haus Gottes“ hat unheimlich lange nachgehallt und mich noch eine ganze Weile beschäftigt und nur schwer konnte und wollte ich mich von der Geschichte lösen.

Für den historischen Hintergrund hat Charlotte Lyne ausgiebig und gründlich recherchiert. Die historisch belegten Begebenheiten wurden unverfälscht in die Handlung integriert, so dass ein erklärendes Nachwort überflüssig wurde; dementsprechend hat die Autorin auch darauf verzichtet.
Aber um das bibliophile Herz höher schlagen zu lassen, gibt es ein ausführliches Glossar. Eine Karte sucht man in der Club-Ausgabe leider vergeblich, vielleicht ändert sich das ja mit der Taschenbuchausgabe, die im Mai 2009 beim Rowohlt Verlag erscheint.

Wären die Handlung und der Erzählstil der Autorin nicht schon großartig genug, würden die wunderbaren, einzigartigen Charaktere den Roman um einiges aufwerten, was er allerdings überhaupt nicht nötig hat. Ich vergöttere die Figuren Charlotte Lynes, habe sie schon in ihren anderen historischen Romanen bewundert, aber in „Das Haus Gottes“ ist der Autorin mit ihren Charakteren der ganz große Wurf gelungen! Sie sind unglaublich lebendig, selten auf den ersten Blick durchschaubar und so vielschichtig, dass sie unbestritten reale Personen gewesen sein könnten. Sie wachsen oder zerbrechen an ihren Erlebnissen und dabei nachvollziehbar und glaubhaft. Manchmal hat sich mir die Frage gestellt, ob sich die Autorin weitergehend mit Psychologie beschäftigt habe, da man im Prinzip von jedem einzelnen Charakter ein glaubwürdiges psychologisches Profil erstellen könnte. Eindeutig, die Autorin hat sich auf jede Figur eingelassen, jeden Charakter hinterfragt und zu ergründen versucht. Sie sind grandios, unterschiedlich, voller Abgründe, aber auch herzensguter Seiten. Und nicht eine Figur ist nur schlecht, oder nur gut. Wie jeder reale Mensch stellen sie sich durch die unterschiedlichsten Facetten und Motivationen dar. Den Stab endgültig über eine der Figuren zu brechen ist nahezu unmöglich, denn eigentlich sind alle einfach nur menschlich. Im Laufe der Handlung wird auch aus einer weniger sympathischen Figur ein Mensch, der z.B. Opfer seiner Erziehung ist und man lernt selbst diesen Charakter zu verstehen und auf seine Art seine Taten zu schätzen, oder sie doch noch zu verdammen. Einen strahlenden Held oder Heldin ohne Fehl und Tadel sucht man vergebens.

Fazit


In "Die zwölfte Nacht" fehlte mir etwas, das ich nicht genau benennen konnte, um es mit voller Punktzahl zu bewerten und genau dieses gewisse "etwas mehr" habe ich mit "Das Haus Gottes" bekommen. Charlotte Lyne ist ein wirklich wunderbarer, lebendiger, berührender, aber auch bedrückender Roman, voller Liebe, Sehnsucht, Angst, Leben, Hass und Tod (und so vielem mehr) gelungen, der von seinen einprägsamen, facettenreichen und realistischen Figuren lebt, die mich alle im Innersten berühren konnten, gleich ob sie Zuneigung, Sympathie, Abscheu oder sogar Hass in mir weckten. Vielen Dank, Charlotte Lyne für einen historischen Roman, der wirklich zu den Spitzenromanen des Genre zählt. 

Meine Bewertung


Liebe Grüße
Lannie aka Cait

The Viewfinder

Offline El ratón de biblioteca

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Re: Das Haus Gottes - Charlotte Lyne
« Antwort #1 am: 17. Juli 2009, 21:48:49 »
Meine Meinung

Dieses Buch von Charlotte Lyne war für mich das dritte, und ich kann nicht sagen ob es besser oder schlechter war als die vorigen.
Die Autorin hat in jedem Buch eine andere Thematik, welche sie bis ins kleinste Detail ausfeilt und von Grund auf recherchiert.  In dem vorliegenden Buch habe ich eine ganze Menge über den damaligen Schiffbau und der Stadt Portsmouth erfahren und lernen dürfen. Das Glossar am Ende des Buches half mir sehr gut wenn ich Bezeichnungen nicht kannte.

Die Geschichte um Dorothy und deren Familie wurde niemals undurchsichtig, auch wenn es zu beginn einiges an Personen zu beachten gab. All diese Personen lernt der Leser mit jeder Seite besser kennen. Die anfangs Bösen bekommen einen sehr eigenen Charakter und einige sind im Herzen gar nicht die Bösen. Auch die Guten werden sehr gut ausgeleuchtet. Es ist immer besser zu verstehen warum sich welche Person nun gerade so verhält.
Als die Pest Portsmouth heimsucht musste ich mich von einigen liebgewonnenen Protagonisten verabschieden, aber auch einige Miesepeter fallen dem schwarzen Tod (Beulenpest) zum Opfer.

Die ganze Geschichte ich mir sehr viel Gefühl und mit dem Herzen an diese Stadt geschrieben worden, man kann sich dem nicht entziehen, auch das traurige Kapitel der Pest hat mir Seiten gezeigt an die ich so nie gedacht hätte.
Das Ende der Geschichte ist einfach nur wunderbar, es hat bei mir Wünsche zum Ende wahr gemacht. So ein Ende ist einfach nur schön, der Leser kann für sich selber den Gedanken weiter spinnen wie es dort jetzt weiter geht.

Fazit: Eine wirklich Runde Geschichte die einen mitzieht, spannend , fesselnt und einfach mit ganzen Herzen verfasst
 
Dieses Buch bekommt von mir 5 von 5 Sternen.
Liebe Grüße von el ratón de biblioteca
2009 gelesen 36 Bücher mit 13886 Seiten

Offline Kathrin

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Re: Das Haus Gottes - Charlotte Lyne
« Antwort #2 am: 09. August 2009, 17:59:13 »
Und hier meine Meinung zu diesem wunderbaren Buch!

Und wieder einmal hat Charlotte Lyne eine Liebesgeschichte vor hist. Hintergrund geschrieben, die mein Nicht-LiRo-Herz begeistert hat.  „Das Haus Gottes“ ist ein offenes, ehrliches, vor allem aber wunderschönes Buch über das Leben in England, wie es zu Beginn des 100jährigen Krieges und zur Zeit der Pest gewesen sein könnte. Mich hat es von Anfang an in seinen Bann gezogen und auch jetzt noch lässt es mich kaum loskommen.

Das Buch spielt in Südengland, in Portsmouth, einer Stadt am Solent. Hauptfigur ist Dorothy, eine junge Frau die durch ihre Hochzeit mit Symond in das Haus der Familie Fletcher zieht. Dottie wirkt anfangs etwas naiv und sehr verliebt in ihren Mann, die Hochzeit wirkt wie buntes Jahrmarkttreiben, bunt, schrill, laut, lebhaft…doch dann beginnt es zu regnen und zu stürmen. Fast schon symptomatisch für Dotties Leben bei den Fletchers. Denn die Stimmung im Haus ist alles andere als angenehm und fröhlich. Vor allem das Verhältnis zwischen Francis und Aimery (Großvater und Vater von Symond) ist fürchterlich bedrückend. Francis ist ein alter Grantler und absolut unzufrieden mit seinem Sohn, der so gar nicht seinem Wunsch entspricht und sich auch noch mit der brotlosen Kunst des Schiffbaus beschäftigt. Die gegenseitigen Anfeindungen der beiden würden es mich keine 5 Minuten in diesem Hause aushalten lassen. Aimery, vor Jahren des Mordes an seiner Frau beschuldigt, finde ich vom ersten Augenblick an unendlich spannend, wenn auch nicht ganz durchschaubar, fast schon ein wenig abgründig. allerdings ist es auch erschreckend und unendlich traurig, was dieser Mord, die anschließende Auspeitschung, das Verachtetwerden aus ihm gemacht hat, so abgestumpft wie er wirkt. Dass Aimerys Kinder, Symond und Agnes in diesem Elternhaus und mit diesem Großvater nicht ganz normal  und irgendwie verkorkst geworden sind, ist kein Wunder. Sie verstecken sich hinter ihren Verhaltensweisen, Symond ein gefühlloser, kalter Klotz, irgendwie lebensunfähig, fast schon seelisch verkrüppelt, Agnes fast schon zu aufgesetzt und lebensfroh mit ihrer Fröhlichkeit und Offenherzigkeit gerade auch der Männerwelt gegenüber. Dottie wird in diesen ungesunden Familienverhältnissen schnell auf den Boden der Tatsachen geholt und ich liebe sie umso mehr dafür, als sie versucht ein gemütliches Heim für die Familie zu schaffen, auch wenn ihr das niemand richtig zu danken scheint.

Die Geschichte selbst finde ich sehr gut aufgebaut. Den Prolog, in dem wir die Ermordung von Aimerys Frau miterleben und wie er für diesen Mord ausgepeitscht wird habe ich bestimmt 10 x gelesen. Nicht direkt am Anfang, sondern immer wieder mitten im Buch und jedes Mal habe ich andere Hinweise gefunden, die mich sogar relativ weit vorne auf die richtige Spur des Tätes geführt haben. Denn neben Aimery gibt es mindestens noch zwei weitere Kandidaten für mich, die Helewise umgebracht haben könnten. A n Aimerys Schuld wollte ich nicht glauben, da er von Anfang an mein Liebling gewesen ist und Kandidat Nr. 2 war mir viel zu einfach, für ihn hätte zu viel gesprochen, das wäre zu offensichtlich gewesen.

Dass ich relativ schnell hinter den wahren Mörder Helewises gekommen bin, hat meinem Lesevergnügen keinerlei Abbruch getan, denn viel wichtiger war mir, die Figuren und deren Entwicklung miterleben zu dürfen. Und außer Dottie und Aimery gibt es weitaus mehr Figuren, die richtig spannend sind, ihren ganz persönlichen Hintergrund haben und diesem entsprechend logisch und verständlich handeln (wenn auch nicht immer sympathisch sind).  Sie wirkten einfach rund auf mich und teilweise haben die Namen besonders bei Dottie (Dorothy ist griechischen Ursprungs und bedeutet Geschenk Gottes) und Aimery (hier ist aimer (französich für lieben) und to aim (zielen) enthalten) dies auch wiedergespiegelt.
Teilweise haben sich gerade auch Nebenfiguren heimlich still und leise in mein Herz geschlichen, was mir beim Lesen selbst gar nicht so sehr aufgefallen ist, sondern erst, als wir sie durch die Pest verloren haben. Die Figuren waren mir teilweise so nah, dass ich mich beim Lesen fragen musste, ob ich nun schnell lesen soll, damit ich endlich weiß, wie es mit ihnen weitergeht, oder ob ich bewusst langsam lesen sollte, um möglichst lange etwas von dem Buch zu haben. Ich hätte so oft in das Buch reinspringen können, um die Figuren ganz fest zu drücken, in den Arm zu nehmen, um sie durchzuschütteln und aufzuwecken. Es war teilweise wirklich eine arge Achterbahn der Gefühle auch für mich als Leser. Es wurde irgendwann so „schlimm“, dass ich mir das schlimmste Ende für Dottie und Aimery in meiner Phantasie vorgestellt hatte und richtig Angst  hatte, das Buch zu beenden. Dass Charlotte Lyne ihr eigenes Ende geschrieben hat und glücklicherweise nicht meine schrecklichen Ideen hatte hat mich richtiggehend erleichtert.

Auch wenn die Autorin mich mit dem Ende glücklich gemacht hat und viele ihrer Figuren für mich unsterblich geworden sind und immer einen Platz in meinem Leserherz haben werden, so hat Charlotte Lyne in diesem Buch jedoch auch nichts beschönigt. Die Figuren mussten teilweise durch ihre ganz persönliche Hölle gehen, haben Schicksalsschläge hinnehmen müssen und gerade auch die Schrecken des Krieges und später der Pest haben mich wirklich geschockt. Eines der ganz wenigen Bücher, wo man als Leser wirklich das Gefühl hate, als ob die Menschen mit der Krankheit überfordert waren, denn wir mussten uns von vielen liebgewonnenen Figuren verabschieden, kaum einer blieb verschont. Es gab Szenen bei denen ich das Atmen vergessen habe, die so schrecklich und grausam, aber doch so unendlich genial geschrieben waren, dass ich, als ich ungefähr bei der Hälfte des Buches angelangt war, in die nächste Buchhandlung gestürmt bin und das Buch noch jeweils für meine Mutter und meine Schwester gekauft habe. Manche Menschen scheint man zu ihrem Leseglück zwingen zu müssen und bei meiner Schwester hat es funktioniert!

„Das Haus Gottes“ ist ein wunderbares Buch, das mir viele wunderschöne Lesestunden geschenkt hat und das mich ganz ungeduldig auf Nachschub von Charlotte Lyne warten lässt!

Bewertung:


lg
kathrin
Rock the Night!

Offline nirak

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Re:Das Haus Gottes - Charlotte Lyne
« Antwort #3 am: 02. Januar 2011, 10:12:07 »
[isbn]9783499249181[/isbn]

Ein Schiff für den König, ein Geheimnis im Haus Gottes und die Macht einer verbotenen Liebe Portsmouth, 1336. Die tatkräftige Dorothy heiratet den gut aussehenden Symond, Sohn des berühmten Schiffsbauers Aimery Fletcher. Doch schon bald zerbricht ihr Traum vom Glück: Symond entpuppt sich als Taugenichts und Frauenheld. Dorothy muss zusehen, wie sie sich und ihre Kinder über die Runden bringt. Da geschieht eine unfassbare Katastrophe: Die Franzosen legen Portsmouth in Schutt und Asche; es ist der Beginn des Hundertjährigen Krieges. In ihrer Verzweiflung wendet sich Dorothy dem Schwiegervater zu. Aber kann ein Mann ihr helfen, von dem es heißt, er habe seine untreue Ehefrau ermordet?

Rezension

„Das Haus Gottes“ ist ein weiterer Roman von Charlotte Lyne, einer meiner liebsten Autorinnen aus dem historischen Bereich. Ihr Schreibstil ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber hat man sich erst einmal daran gewöhnt, kann man das Buch auch nicht mehr aus der Hand legen, jedenfalls ging es mir so. Am liebsten hätte ich es in einem Rutsch durchgelesen.
Die Autorin erzählt die Lebensgeschichte von Dorothy und Aimery zwei einfache Leute aus Portsmouth. Sie lies uns teilhaben an dem Schicksal dieser Menschen. Nicht nur die Naturkatastrophen dieser Zeit, verregnete Sommer, schlechte Ernten und zuletzt die Pest, machten das Leben schwer, nein auch der große Krieg Englands nahm damals seinen Anfang und machte den Menschen von Portsmouth schwer zu schaffen.

Am Anfang waren die Charaktere wie Aimery und Dorothy noch schwer zu fassen, aber im Laufe der Seiten gewannen sie an Intensität und wurden mir mehr als nur sympathisch. Die Autorin beginnt ihre Geschichte im Jahre 1336 und endet 1349. Also über einen Zeitrahmen von 13 Jahren durfte ich an dem Leben von Dorothy teilhaben. Es gibt in diesem Buch so viele Charaktere die es lohnen würde zu erwähnen, es würde aber den Rahmen hier sprengen und auch zuviel vom Buch verraten wenn ich es tun würde. Also sei nur so viel gesagt nicht nur Aimery und Dorothy sind interessante Protagonisten, es gibt noch einige mehr davon.
Was mich hier wirklich beeindruckt hat ist, wie diese Menschen trotz all ihrer schweren Schicksalsschläge immer wieder aufgestanden sind und ihr Leben neu geordnet haben und weitergelebt haben und ich hatte nicht den Eindruck als wenn sie an ihrem Leben keine Freude gehabt hätten, eher im Gegenteil.
Gerade die Darstellung der einzelnen Schicksale, im guten wie im negativen macht „das Haus Gottes“ zu einem glaubwürdigen Bericht aus dem 14 Jahrhundert. Jedenfalls habe ich es so empfunden, und am Ende fiel es mir schwer Portsmouth wieder zu verlassen.
„Das Haus Gottes“ gehört für mich zu den besten Büchern die ich dieses Jahr gelesen habe.

Leider gab es in meiner Taschenbuchausgabe nur wenig Zusatzmaterial. Lediglich ein Glossar befindet sich am Ende der Ausgabe. Schade, ich hätte gern auch ein Nachwort der Autorin gelesen, in dem zumindest ein klein wenig Fiktion und Wahrheit von einander getrennt würde.

Bewertung: