Ally Condie - Die Auswahl

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Offline Lannie

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Ally Condie - Die Auswahl
« am: 11. April 2011, 13:33:20 »
Ich hätte das Buch entweder unter Jugend oder unter Science-Fiction abgelegt. Da es beide Genres nicht als Board gibt, hab ich mich für das nächstliegende entschieden...

[isbn]3841421199[/isbn]Cassia & Ky, Teil 1

Verlag: FJB
ISBN: 978-3-8414-2119-7
Seiten: 452
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 16,95
ET: 01.2011

Kurzbeschreibung

Das System sagt, wen du lieben sollst - aber was sagt dein Herz?

Stell dir vor, du lebst in einer Welt, die ein absolut sicheres Leben garantiert. Doch dafür musst du dich den Gesetzen des Systems beugen: den Menschen lieben, der für dich bestimmt wird. Was würdest du tun? Für die wahre Liebe dein Leben riskieren? Für die 17-jährige Cassia ist heute der wichtigste Tag ihres Leben: Sie erfährt, wen sie mit 21 heiraten wird. Doch das Ergebnis überrascht alle: Xander, Cassias bester Freund, ist als ihr Partner vom System ausgewählt worden. Als jedoch, offenbar wegen eines technischen Defekts, das Bild eines anderen Jungen auf dem feierlich überreichten Microchip auftaucht, wird Cassia misstrauisch. Kann das System wirklich entscheiden, wen sie lieben soll?

Meine Meinung


Ganz zufällig bin ich beim Einkaufen über das Buch gestolpert und ich habe lange gezögert, ob ich es mitnehmen soll, da die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken doch sehr sparsam ausfällt. Auch das Cover konnte mich auf den ersten Blick nicht unbedingt für sich einnehmen. Mein Sohn hat es dann für mich entschieden: „Ach, Mama, kauf es dir doch!“ Zuhause angekommen, habe ich es mir mit dem Roman gleich auf dem Balkon gemütlich gemacht. Wenigstens anlesen wollte ich es. Obwohl mich das allzu großzügige Schriftbild ein wenig enttäuschte, überraschte mich die Geschichte umso mehr. Aus einem kurzen Anlesen wurde nichts, da ich nach den ersten Seiten schon nicht mehr von dem Buch los kam und unerbittlich gelesen habe, bis ich auf der letzten Seite angekommen war. Schließlich hat sich mir dann auch das Cover erschlossen, das den Inhalt des Romans einfach perfekt widerspiegelt.

Mich mit Jugend-Büchern glücklich zu machen, ist nicht unbedingt leicht. Zu oft fühle ich mich unterfordert oder habe den Eindruck, dass man der Zielgruppe nicht allzu viel zutraut, sie unterschätzt, sie nicht fordern möchte. Aber mit „Die Auswahl“ ist Ally Condie ein ganz großer Wurf in der Jugend-Literatur gelungen. Sie traut der Zielgruppe durchaus eigenständiges Denken und komplexes Wissen zu, so dass der Roman auch für Erwachsene eine wirklich lesenswerte Erfahrung wird.

Die Autorin hält sich nicht lange mit Erklärungen über ihre erschaffene Welt auf, sondern schubst den Leser unmittelbar in die Handlung. Die nötigsten Erklärungen liefert die Handlung selbst, was ich ungemein gelungen und natürlich fand. Separierte Abhandlungen finden sich hier keine, so dass die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite im Fluss bleibt. Stil und Sprache sind in „Die Auswahl“ zwar schlicht, aber nicht oberflächlich oder seicht. Sie nehmen sich das, was sie brauchen, um die komplexe Story zu tragen, spielen sich nicht in den Vordergrund.

Die Handlung ist unheimlich komplex und stellt einige Ansprüche an den Leser. Ohne eigenständiges Denken und Fühlen wird man diesen Roman nicht richtig in sich aufnehmen können, die Botschaft nicht begreifen. Die Welt, die Gesellschaftsform, die Ally Condie erschaffen hat, wird von Seite zu Seite dramatischer, unfassbarer und erschreckender. Mich hat das Buch an George Orwells „1984“ und an den Film „Gattaca“ erinnert. Dabei kopiert die Autorin nicht, sondern erschafft neu. Eine Dystopie (also Anti-Utopie), die nachdenklich stimmt, schockiert und deprimiert. Die Spannungskurve steigt stetig an und sackt nicht einen Moment ab. Ein großes, klassisches Finale, in das die Spannungskurve mündet, gibt es so nicht. Sie klingt in leisen Tönen aus und macht damit das Buch vielleicht noch bedrückender.

Zwar spielt die Liebesgeschichte durchaus eine Rolle, meiner Meinung nach steht sie jedoch nicht im Vordergrund. Besonders interessant an dieser Liebe ist die Frage, ob sie selbständig entstand oder manipulativen Ursprungs ist. Dabei lässt sich diese Frage auf fast alles in „Die Auswahl“ projizieren. Inwieweit Menschen manipuliert werden können, ohne dass sie es bemerken oder sich dagegen Auflehnen, ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte und hat nicht nur die Protagonisten Cassia und Ky beschäftigt.

Die Autorin hat wirklich überzeugende, facettenreiche Figuren erschaffen, die mich ausnahmslos überzeugen konnten. Sei es der Großvater, der im Geiste eine Aufsässigkeit hütet, der Vater, der sich zwar gehorsam im Großen gibt, aber im Kleinen die Auflehnung erprobt, oder die Mutter, die alles abnickt, um ihre Familie zu schützen. Cassia sticht allerdings deutlich hervor. Sie entwickelt sich auf den 450 Seiten von einem naiven, gehorsamen, das System liebenden Mädchen, zu einer eigenständigen Persönlichkeit, die die Dinge zu hinterfragen beginnt, sich zunächst durch passiven Widerstand auflehnt, der schließlich immer aktiver wird. Dabei hinterfragt sie nicht nur das System, ihre Gesellschaftsform, sondern auch sich selbst, wer sie ist, was sie ausgemacht hat und zukünftig ausmachen könnte. Ky unterstützt sie dabei, rüttelt sie durch sein Schicksal auf. Auch er entwickelt sich, wird zugänglicher, öffnet seinen Schutzpanzer für Cassia. Seine Facetten sind derart umfangreich, dass man als Leser vermutlich noch nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung davon bekommen hat, wer Ky wirklich ist. Ich bin gespannt, wie er sich in der Fortsetzung machen wird. Neben Cassia ist er wohl mit Abstand die faszinierendste Figur in „Die Auswahl“. Allerdings sollte man Cassias besten Freund, Xander,  keinesfalls unterschätzen. Er zeigt im Auftaktroman unheimlich großes Potential und ich bin mir sicher, er wird noch eine große und wichtige Rolle spielen.

Fazit

„Die Auswahl“ ist ein bedrückender Jugendroman, der in all seinen Facetten berührt, den Leser packt, nachdenklich stimmt und dabei ganz ohne Vampire und Gestaltwandler auskommt. So erschreckend und deprimierend diese Vision einer möglichen Zukunft auch ist, geht die Hoffnung nicht ganz verloren und man darf gespannt auf die Fortsetzung sein!

Meine Bewertung



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Liebe Grüße
Lannie aka Cait

The Viewfinder