Christoph Marzi : London

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Offline Kathrin

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Christoph Marzi : London
« am: 23. Januar 2017, 16:43:50 »
[isbn]3453316657[/isbn]London
Christoph Marzi
Fantasy
Seiten: 703
Verlag: Heyne
Preis: 14,99 Euro

Inhalt:
Schwere Schneeflocken tanzen in der Dämmerung, als Emily Laing das erste Mal London nicht mehr findet. Doch wie kann das sein? Eine ganze Stadt verschwindet doch nicht einfach so. Mitsamt all ihren Schornsteinen, Bewohnern und Geheimnissen. Hat das vielleicht etwas mit den beiden seltsamen alten Damen zu tun, die Emily entführen? Oder hängt es mit dem Waisenmädchen zusammen, das plötzlich auf den Stufen einer U-Bahn-Rolltreppe auftaucht? Noch einmal müssen Emily und ihre Gefährten, der Alchemist Wittgenstein, Maurice Micklewhite und die kluge Ratte Minna, in die Tiefen der Uralten Metropole hinabsteigen. Denn hier, in der magischen Stadt unter der Stadt, liegt die Antwort. Und die Gefahr …

Meine Meinung:
Eigentlich war Christoph Marzi für mein Leser-Herz nach meiner persönlichen Ent-Marzifizierung durch „Die unglaubliche Geschichte der Faye Archer“ „gestorben.“ Als ich jedoch hörte, dass der Autor mit „London“ in die Uralte Metropole zurückkehren würde, erinnerte ich mich an Liliths Worte „Hoffnung gibt es immer. Niemand ist wirklich tot.“ Also startete ich einen kompletten Re-Read der Geschichten um Emily Laing und schon mit dem ersten Satz dieses Re-Reads in „Lycidas“ war mein Leserherz wieder glücklich. Schließlich ist „die Uralte Metropole wie ein Gedanke, der einen nicht mehr losließ, sobald man angefangen hatte, ihn zu denken.“

Dennoch war ich wegen der Enttäuschung  über die letzten Marzi-Romane  auch „London“ gegenüber äußerst skeptisch. Ob Christoph Marzi wohl zu seinem „alten“ zauberhaften Erzählstil zurückfinden und mich wieder begeistern konnte? Ich mach es kurz! Er hat es geschafft! Es ist wie "Nach-Hause-Kommen.“  Und ich bleibe auch bei meiner alten Aussage: Marzi sollte man wirklich im kalten, usseligen Herbst oder Winter, gemütlich eingekuschelt auf der Couch sitzend, lesen und dabei die Welt draußen einfach vergessen.

Mit „London“ entführt uns Christoph Marzi in ein neues Abenteuer von Emily Laing und ihren Vertrauten und Freunden. Während sie selbst in ihrer Arbeit nachgeht und auf den Zug nach London wartet, erfährt sie von anderen Fahrgästen, dass Oxford die Hauptstadt Englands sei und London anscheinend nie existiert habe. Keiner hat je davon gehört. Nach einer Nacht bei einem bekannten Antiquar und dem seltsamen Besuch, zweier noch seltsamerer, älteren Damen, erwacht sie in der Londoner U-Bahn und stößt dort auf ein junges Mädchen, die von dem unheimlichen Augenmann verfolgt wird und anscheinend dringend Hilfe benötigt. Emily nimmt ihrer an und gemeinsam schlittern sie in eine mysteriöse Geschichte, in der Stadtteile Londons verschwinden, dafür aber liebgewonnene Figuren, die eigentlich tot sein müssten, wieder auftauchen.

Das Gefühl nach Hause zu kommen liegt vor allem an dem Wiedersehen mit vielen, liebgewonnenen Charakteren: Emily, Tristan, Aurora, Neil, Anubis und natürlich Mortimer Wittgenstein. Allerdings hab ich gerade im Bezug auf Wittgenstein die alte Erzählform, mit ihm als Ich-Erzähler, vermisst. Ich sehe zwar ein, dass es hier nicht ganz gepasst hätte, schließlich ist Picca eher Emilys Schützling als Wittgensteins, aber auch die Tatsache, dass er Picca duzt hat irgendwie nicht ganz gepasst.

Mit Piccadilly Mayfair, dem Augenmann, Mr. Silence und Mrs Pumblechook und Mrs Pecksniff lernen wir neue faszinierende, teilweise verstörend unheimliche Figuren kennen. Oder sollte ich im Fall von Mrs Pumblechook und Mrs Pecksniff doch eher von alten Bekannten sprechen? Die beide waren jedenfalls grandios und immer zur Stelle, wenn’s mal brenzlig für Emily und Picca wurde. Vor allem Picca stellt den Leser vor so manches Rätsel, was erst spät in der Geschichte auf wundervolle Weise gelöst wird. Lediglich auf Jeeva hätte ich verzichten können, der war im Vergleich zu Emilys alten Freunden Adam und Tristan leider doch ziemlich blass und langweilig.

Die Geschichte selbst ist äußerst verzwickt und auch unheimlich und man hat das Gefühl, dass es immer mehr unbeantwortete Fragen werden, so dass ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen habe, weil ich einfach nicht aufhören konnte zu lesen. Oft habe ich mich beim Lesen gefragt, ob ich die anderen Bücher von Christoph Marzi beim ersten Lesen auch so extrem unheimlich fand, wie jetzt „London.“ Aber trotz all den unheimlichen Szenen und Figuren, hat der Autor auch wieder ganz viele wunderschöne Ideen in sein Buch einfließen lassen. Ich habe schallend gelacht, als Wittgenstein das erste Mal in Erscheinung tritt (und NEIN, er erinnert in keiner Weise an diesen Zaubertrank-Lehrer *WIEHER*) und wurde schon allein durch so wunderschöne Namen wie Piccadilly Maifair verzaubert. Und wie gerne würde ich zusammen mit Emily und den anderen der Kings Road einen Besuch abstatten. Welche Könige da wohl alles rumlungern? Henry VIII? John Lackland? Hach! So viele, so wunderbare Szenen, unheimliche, traurige, gespenstische und alle mit so viel Atmosphäre und  alles zum Greifen nah. Ich war wirklich mitten drin im Geschehen.

Ich bin extrem froh, dass Christoph Marzi in die Uralte Metropole zurückgekehrt ist, auch wenn nicht alle Fragen zu meiner Zufriedenheit gelöst worden sind. Aber wer weiß, vielleicht hat sich Marzi das ein oder andere Türchen auch noch offen gehalten für weitere Geschichten. Ich hätte nichts dagegen, wenn er uns zu einem weiteren Ausflug in die Stadt unter der Stadt entführen würde!

Bewertung:
Rock the Night!