Nina George - Südlichter

  • 0 Antworten
  • 201 Aufrufe

Offline Sagota

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 97
Nina George - Südlichter
« am: 10. Oktober 2019, 23:02:41 »
"Südlichter" von Nina George erschien (HC, gebunden) im Droemer-Knaur Verlag, 2019 und knüpft an den Weltbestseller der Autorin "Das Lavendelzimmer" an: Bereits damals ist ein Buch erschienen, an dem sich Jean Perdu orientierte, als er sein Bücherschiff ins Südfranzösische, nach "Sanary" steuerte...
Südlichter würde ich jedem Menschen wärmstens empfehlen können, der den Bestseller las - es steht jedoch auch eigenständig für eine begnadete Autorin, die es versteht, "die Liebe selbst durch ihre Feder erzählen zu lassen" und damit etwas, was den Menschen sein ganzes Leben über beschäftigt, beflügelt, beschwingt, glücklich macht - und zuweilen auch das Gegenteil davon....

In "Südlichter" spielt die Liebe (sowie ihre Geschwister, die Todin (schwächer als die Liebe); das Schicksal (oftmals nicht gerecht); das Begehren und die Lust - und einige weitere, die Nebenrollen besetzen, die Hauptrolle - weitere HauptprotagonistInnen sind ein Olivenbaum, ein kleines Mädchen (Marie-Jeanne), ein Ehepaar (Francis Meurienne und seine Frau Elsa) und weitere meist sehr sympathische Figuren, die noch benannt werden sollen. Weitere Hauptrollen spielen Bücher - und die Liebe zur Literatur, die jede/n Bibliophile/n begeistern und bezaubern wird, da die Worte und die Handlung, in die Nina George diese Literaturliebe gebettet hat, wirklich wundervoll beschrieben werden.....

In "Wortmagie" und fantastischem Erzählstil folgen wir Nina George in die liebliche Provence, wo Marie-Jeanne das Licht der Welt erblickt (1958) und sich fortan an der Liebe festhält: Keinem Menschen ist es gelungen, die Liebe zu berühren, doch diesem kleinen Menschenkind, dessen Großmutter gerade starb, konnte die Liebe sich nicht entziehen (sie kommt und geht gewöhnlich, wann sie es will) - und das sollte Folgen haben, um die es in diesem poetischen Roman geht: Marie-Jeanne sieht einen "Blink", ein Leuchten an jener Körperstelle aller Menschen, denen sie begegnen soll, wo diese einst von der Liebe berührt wurden. So kann sie auch die Fäden spüren, die sich von einem Menschen zu jenem, den er oder sie lieben kann, entrollen und macht es sich zu ihrer liebevollen Aufgabe, die Fäden zueinander hinzuführen.

Wir begleiten Marie-Jeanne durch ihre Kindheit und begreifen, dass dies ein ganz besonderes Mädchen ist: Trotz aller Schicksalsschläge ist es voller Liebe, für Francis, den Dingesammler und Lieferanten im Tal zwischen den Bergen, die dieses beschützen und der "Petitpa" für Marie-Jeanne ist; für Elsa, seine gelinde ausgedrückt unsentimentale Frau, die in steter Angst, ihren (doch geliebten) Francis zu verlieren, eher knotternd ihre Liebe zum Ausdruck bringt und freuen uns über den Entschluss von Francis, künftig mit Marie-Jeanne eine Überlandbibliothek zu führen, was zur Anschaffung weiterer véhicules (Kasten 2CV namens "Louis") führt und dazu, dass es Francis gelingt, die Bauern zu überzeugen, dass Bücher nicht gefährlich sind (auch wenn die Studenten, die gerade - wir schreiben das Jahr 1968 - in Paris für große Unruhen sorgen, sicher viel gelesen haben) und arbeitet mit dem Buchhändler, Herrn Mussigmann, eng zusammen. Im Verlauf dieser Fahrten lernt der Leser mit den Figuren viele Facetten der Liebe kennen (wovon einige sicher nicht unbekannt sind): Sei es Madame Colette Brillant, eine Kalligrafin und Handschriftenleserin, die kluge Sätze zur persönlichen Handschrift und der eigenen Persönlichkeit von sich gibt; sei es Madame Valérie Montesquieu, eine Dame Anfang 60, die Francis als Angestellte der Überlandbibliothek unterstützen wird und sich mit dieser Arbeit selbst befreit; sei es Madame Chatelet, bei der wir die unerfüllte, unglückliche Liebe (und die Einsamkeit) erkennen, wobei die Liebe beschämt daneben steht:

Herrliche Dialoge auf den Akquisetouren des Monsieur Francis Meurienne: Man wünscht sich bei den Beschreibungen von Nina George zur wunderschönen südfranzösischen Landschaft, man säße ebenfalls im Kasten 2CV und würde den nächsten Hof oder sogar die Kommune des Professors aus Paris ansteuern, der ein Buch in "Louis dem Dritten" entdeckt, das er kennt, da er es vor langer Zeit gelesen hat - und das Gefühl ausspricht, dass Bücher wie ein vergessener Freund sein können - über deren Wiederauftauchen man sich ebenso freut wie über einen Menschen, den man lange nicht gesehen hat. Eine weitere Spielart der Liebe - die Freundschaft - entsteht, da sich Francis und der Professor viel zu erzählen haben.

Die Liebe zur Literatur gipfelt schließlich (um die Liebenden zusammen zu bringen) in einem Buchclub, dem "Littéramour", der - im Hotel "La Dolce Vita" tagen soll - nachdem Valérie und Marie-Jeanne sogar noch eine Fahrt nach Sanary-sur-Mer unternehmen, um einen Koch ausfindig zu machen, der die Kalligrafin schon seit Jahren liebt...
Natürlich lässt es sich Pierre, jener Koch aus dem Süden, nicht nehmen, ein ausgezeichnetes Mahl für alle zu kochen (die Liebe schaut ihm dabei schmunzelnd über die Schulter, denn sie ist schon immer ein großer Anhänger von gutem Essen und Lebensfreude gewesen).

Schließlich begleiten wir alle sehr fein gezeichneten, sympathischen ProtagonistInnen (natürlich ist die Liebe dennoch immer anwesend, sie muss ja evtl. eingreifen) durch die "Nacht der Wünsche" und lassen uns mit Marie-Jeanne von all den leuchtenden Südlichtern bezaubern, die die Sehnsucht und die Liebe der Menschen, die jedem innewohnt, sichtbar werden lässt und deren Fäden in dieser Nacht zusammenfinden....

Der Sprachstil der Autorin ist brillant, berührend und sehr poetisch; auch atmosphärisch und zuweilen sinnlich (Stichwort Kirchenglocken). Auch gefiel mir der emanzipatorische Ansatz, der typisch für Nina George ist: So geht es z.B. um die Todin, die Hexenmeisterin etc. - auch die kreativen Wortschöpfungen wie "Zungenwonnen" und "Augenschönheiten" konnten mich im Roman sehr begeistern; standen sie genau an der richtigen Stelle.

Ein kluges, ein magisches, ein bezauberndes Buch über die Liebe, die hier in persona durch die Feder von Nina George fließt und sich prächtig und in all ihren Spielarten portraitiert: Auch eine Hymne auf die Magie der Worte und die Literatur, die dazu beitragen kann, dass der Mensch "kompletter, ganzer" wird.

Eine absolute Leseempfehlung von mir, ein Chapeau an die Autorin - und 5* am Bücherfirmament in Südfrankreich und auch hierzulande für einen funkensprühenden Roman über (bzw. von der) Liebe, die in jedem von uns wohnt. In einem Interview hält es Frau George mit Francis, das Geheimnis der Liebe betreffend:
"Liebe ist. Das ist das einzig sichere, was wir über sie wissen".
(Quelle: Büchermenschen)