Federica De Cesco- Der englische Liebhaber

  • 0 Antworten
  • 415 Aufrufe

Offline Firnsarnwen

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 912
  • Ich habe keine Macken, das sind Special Effects.
Federica De Cesco- Der englische Liebhaber
« am: 22. Juli 2018, 19:11:55 »
Gebundene Ausgabe: 360 Seiten
19,90 EUR
Verlag: Europa Verlag; Auflage: 1. (29. Juni 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3958900801
ISBN-13: 978-3958900806

Münster, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Stadt ist zerstört, es ist Winter, die Menschen kämpfen um ihre Existenz. Die junge Anna hält ihre Familie mit einer Stelle als Dolmetscherin bei der britischen Besatzungsmacht über Wasser. Als sie eines Tages mit Fieber bei der Arbeit erscheint, bietet ihr der englische Captain Jeremy an, sie nach Hause zu bringen – es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liaison, die im Nachkriegsdeutschland verpönt ist, denn mit dem Feind lässt man sich nicht ein. Doch als Anna schwanger wird, ist Captain Jeremy verschwunden, und die Engländer verweigern ihr jede Auskunft. Vierzig Jahre später findet Annas Tochter Charlotte Tagebuchaufzeichnungen und alte Tonbandaufnahmen – und sie macht sich daran, das Geheimnis der großen verbotenen Liebe von Anna und Jeremy zu lüften. Warum verschwand er eines Tages spurlos aus Annas Leben, obwohl sie seine große Liebe war? Was ist das Geheimnis des charismatischen und so undurchschaubaren Mannes, der ihr Vater ist? Und was ist der Grund für Annas Selbstmordversuch Jahrzehnte später? Je mehr Charlotte in die Geschichte ihrer Familie eintaucht, desto lebendiger wird für sie – und die Leser – auch die deutsche Nachkriegszeit, als die europäischen Völker einander als Feinde galten und in vielen Familien das Gespenst des Nationalsozialismus noch lebendig war.

Wer aufgrund des schönen Covers und des Titels einen bittersüßen Liebesroman erwartet, muss sich bewusst sein, dass er zwar genau das bekommt, aber auch viel mehr.
Es geht um Anna, die ihre uneheliche Tochter Charlotte in der Nachkriegszeit alleine großgezogen hat. An der entbehrungsreichen Vergangenheit, an ihr kurzes Glück mit Charlottes Vater, einem britischen Spion, lässt Anna ihre Tochter nicht teilhaben und so ist das Verhältnis der beiden sehr distanziert. Charlotte hat sich damit abgefunden und ist geprägt von diesem Verhalten und der Abwesenheit des Vaters, gehört also zu der Generation, deren Eltern an den Kriegserlebnissen litten.
Die Geschichte springt scheinbar willkürlich zwischen den Jahren hin und her: Gegenwart, Kriegsende, die Zeit, in der es zur Machtergreifung Hitlers kam, die Zeit des kalten Krieges. Beim Lesen habe ich das ein klein wenig als störend empfunden, aber am Schluss zeichnet sich ein gesamtes Bild ab und es ist egal, welches Puzzleteil als erstes aufgedeckt wurde. Nach und nach enthüllt sich die ganze Geschichte und man möchte weinen angesichts eines so grausam vergeudeten Lebens. Dass dies nur ein Schicksal ist, das für Millionen weitere auf allen Seiten steht, macht die Schrecken des zweiten Weltkriegs umso tragischer.
Ich kann nicht sagen, dass ich gut unterhalten wurde, denn das trifft es wahrlich nicht. Die Geschehnisse werden sehr realistisch beschrieben und so friert man mit Anna, hungert mit ihr und leidet mit ihr am gebrochenen Herzen. Einzig ihre große Liebe Jeremy bleibt ein wenig nebulös, aber auch das passt zu dem Spion der britischen Besatzungsmacht. Ich hatte mir ein anderes Ende für Anna und auch Charlotte gewünscht, aber so, wie es ist, passt es. Das insgesamt schwierige Thema und die sperrigen Menschen, zu denen Anna und Charlotte geworden sind, werden nicht jedem Leser gefallen, aber ich finde es rückblickend gut, dass Federica de Cesco nicht die starke Story durch weichgezeichnete Charaktere verwässert hat.

 8/10
What we do in life, echoes in eternity