Philipp Schwenke- Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste: Ein Karl-May-Roman

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Offline Firnsarnwen

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7. September 2018
Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch (7. September 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462051075
ISBN-13: 978-3462051070
EUR 23,00

Monatelang reist Karl – der angeblich 800 Sprachen spricht, alle Kontinente durchstreift hat und Gegner mit einem Fausthieb niederstreckt – mit dem Reiseführer in der Hand durch den Orient. Doch alles ist ihm eine Enttäuschung. Die Länder, die Sehenswürdigkeiten und am allermeisten der Mann, den auch er für Old Shatterhand gehalten hat: er selbst. Dann aber blasen die Zeitungen daheim zur Jagd auf ihn, und unterwegs muss Karl May plötzlich ein noch größerer Held werden als der, den er immer gegeben hat. Denn vielleicht kann er so noch seinen Ruf retten. Oder zumindest die Welt.
Philipp Schwenkes Roman ist eine irrwitzige Erzählung über Briefe aus dem Jenseits, Sexskandale und die Lügenpresse, über eine Goldader im Dschungel und Winnetous Haare. Die Geschichte von Karl Mays Orientreise 1899 beruht dabei auf Tatsachen. Und auf alternativen Tatsachen. Und auf Tatsachen, die auf jeden Fall wahrer sind als alles, was Karl May selbst je behauptet hat.


          Den Titel "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste" finde ich genial. Das Cover erinnert schon von den Farben her an so manche alte Ausgabe der May-Bücher und wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Aber das ist die Geschichte und der Schreibstil vor allem ja auch.
Der Name "Karl May" weckt sofort Kindheitserinnerungen, an Lesen mit Taschenlampe weit nach der Zubettgehzeit, an Abenteuer in der Wüste, an Indianerfolklore. Und natürlich an Winnetou, der berühmte Häuptling der Apachen. Ich erinnere mich sehr gut, dass viele Bücher in der "Ich-Form" geschrieben worden sind und aus "Karl" in den Büchern "Charlie" wurde.Jahre später erst bekam ich mit, dass die Geschichten nur ausgedacht waren. Für mich hat das deren Reiz nie geschmälert. Es ging in der Kindheit nicht um Authentizität, sondern darum, dass die Bücher spannend waren.
In "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste" erleben wir Karl May in verschiedenenen Lebenssituationen. Auch wenn die Reise in den Orient, zu der er alleine aufbricht, um den stetig wachsenden Anzahl an Zweiflern Paroli zu bieten, den grössten Anteil des Buches beinhaltet, erleben wir doch auch den 20-jährigen Karl, der aus Unüberlegtheit auf die schiefe Bahn gerät.  Mit dem Mittfünfziger hingegen, einem Prahlhans, der immer im Mittelpunkt stehen möchte und dafür seine Mitmenschen hemmungslos belügt, bangt man trotz dessen mit und möchte nicht, dass er auffliegt. Im Orient angekommen, prallen nun schonungslos Fiktion und Realität (Old Shatterhand und Karl May) aufeinander und es ergeben sich viele skurrile Situationen, in der Humor und Entsetzen manchmal dicht aufeinander folgen. Beide Figuren agieren teilweise gemeinsam, was mit zunehmender Reisedauer immer tragischere Züge annimmt. Die Kapitel zwischendrin, in der es um Karls Beziehungen zu seiner ersten und zweiten Ehefrau geht, sind, obwohl nicht minder interessant, da manchmal eine Bremse im Lesefluss.
"Philipp Schwenkes Roman ist eine irrwitzige Erzählung über Briefe aus dem Jenseits, Sexskandale und die Lügenpresse, über eine Goldader im Dschungel und Winnetous Haare."
Der Satz aus dem Klappentext trifft das ungewöhnliche Buch wirklich genau und so hatte ich ein Leseerlebnis der anderen Art.
7/10
What we do in life, echoes in eternity