Veronika Peters - Die Dame hinter dem Vorhang

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Offline Sagota

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Veronika Peters - Die Dame hinter dem Vorhang
« am: 08. November 2019, 13:42:19 »
"Die Dame hinter dem Vorhang" von Veronika Peters erschien (HC, gebunden) 2019 im Verlag Wunderraum (Randomhouse) und ist in die Kategorie biografische Romane einzuordnen, da der Roman einer schillernden Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts gewidmet ist, deren Lebensverlauf sich die Autorin annimmt und, wie sie im Anhang schreibt, zahlreiche Motive und Begebenheiten aus dem Leben der Dichterin und Schriftstellerin verwendete, sich aber auch alle Freiheiten der Literatur nahm, was in diesem Fall auf die Weise geschieht, dass sie

Edith Sitwell (1887-1964)

ein fiktives Dienstmädchen zur Seite stellt. Der Leser betrachtet nun "Dame Edith", die aus aristokratischem Hause kommend, bereits zu Lebzeiten durch ihr exzentrisches Auftreten, aber auch ihr dichterisches Können Furore machte, durch die Augen der Jane Banister, die bereits in der dritten Generation der Ladyschaft dient und deren Vater einst leitender Gärtner im Anwesen der Sitwells in Scarborough, Grafschaft North Yorkshire, England war.

Bereits als Kind entwickelt Edith, die Erstgeborene, einen expressiven Charakter, der sich (laut ihrer Mutter ist sie ein häßliches Baby) auch im Alter von 12 Jahren nicht durch einen sog. "Korrigierapparat", der sowohl die Nase als auch den schiefgewachsenen Rücken "begradigen" soll, verändern lässt und der sich später in einen messerscharfen Verstand und in eine Scharfzüngigkeit entwickelten, gepaart mit einem starken Drang und Willen zu einer Unabhängigkeit (in dieser Zeit für eine Frau eher die Ausnahme), die für ihren Erfolg im schriftstellerischen und dichterischen Bereich sorgen würden. Diese starken inneren Kräften von Dame Edith sind außergewöhnlich ausgeprägt und man kann sie dafür nur bewundern: Nachdem sie das Elternhaus verlassen konnte (im Gegensatz zu ihren beiden Brüdern Osbert und Sachevell, denen sie sehr zugetan war und auch Stücke gemeinsam aufführte in London, hatte sie von ihren reichen Eltern nicht viel zu erwarten), empfand sie die erste Zeit in London als ungeheuer befreiend, "eine Erlösung für ihren sprühenden Geist, der sich fortan in die Dichtung stürzte", so berichtet sie Jane während ihrer Jahre in Paris, wohin sie mit Helen Rootham und Jane, der Dienstbotin und Erzählerin, übersiedelte. Es sollten Jahre skandalumwitterter Aufführungen, Lesungen und Vortragsreihen folgen (teils auch in Amerika) und die Meinungen der Kritiker waren geteilt. Ein Markenzeichen von Dame Edith war jedoch, dass sie sich gerne mit diesen stritt und recht unverblümt ihre Meinung kundtat.

Während man im Buch diese Jahre verfolgt, den Tatendrang teils auch in sehr bescheidenen Verhältnissen sowohl in London als auch später in Paris bewundert und ihr dichterisches Schaffen (im Krieg verfasste sie Gedichte, die zu ihren besten gehören sollten, in dem sie ihre Gedanken und Gefühle - wie sicher auch Ängste - "in Verse goss", begleitet man das Trio (Edith, Jane und Helen, die zur besten Freundin neben Jane von Edith wurde und der sie sehr verbunden war) auch nach Italien, da Helen schwer erkrankte und nach ihrem Tode stellt man als Leser fest, wie sehr Dame Edith um diese Freundschaft trauert. In Liebesdingen hat die Exzentrikerin, die sehr groß gewachsen ist und nicht dem "Schönheitsstandard" der damaligen Zeit entspricht, wenig Glück: Der Künstler Pavel Tchelitchew, den sie sehr fördert, nutzt sie aus und hier ist sie ausnahmsweise einmal eine recht willenlos "Ergebene", sonst überhaupt nicht ihrer Persönlichkeit entsprechend. Er sollte später nach Amerika auswandern, weshalb sie lange Zeit litt. Doch in Freundschaftsbeziehungen ließ sie niemals jemanden im Stich, der ihr freundschaftlich verbunden war, was mir Dame Edith sehr sympathisch machte. Auch war ihr Ton gegenüber Jane nie herrisch und das einander Brauchen schaut aus vielen Seiten hervor.

Etwas schade fand ich, dass die Persönlichkeit von Jane Banister so gut wie keine Rolle spielte; jedoch ließ die Autorin die Gefühlsregungen und Gedanken der Bediensteten von Dame Edith bewusst aus. So entstehen bei mir zwei vollkommen unterschiedliche Frauenbilder des 20. Jahrhunderts; während die eine ihre Neigungen und ihr schriftstellerisches Leben, ihre zahlreichen guten Kontakte auslebt, bleibt die andere - dienend bis zur Selbstaufgabe - im Hintergrund.

Fazit:

Ich nehme an, dass Edith Sitwell in England sehr bekannt ist; mir war die Dame zuvor nicht bekannt, doch ich konnte sie beim Lesen dieses sehr flüssig und atmosphärisch geschriebenen, tiefgründigen Romans ein wenig kennenlernen: Intelligent, eigenwillig und charakterstark trotz schwierigster Kindheit, verletzbar, selbstbewusst - entwickelte sich Edith nicht grundlos zur Exzentrikerin und genialen Schriftstellerin ihrer Zeit. Gesellschaftliche Hintergründe und der Zeitgeist, die Kriegsjahre und Politik fließen ebenfalls mit ein und werden aus Sicht der Familie Sitwell beleuchtet. Der Autorin gelingt so ein bildhaftes Portrait von Edith Sitwell, der sie damit ein Denkmal setzt. Lesenswert! 4*