Elisabeth Chadwick: Das Lied der Königin (Alienor von Aquitanien 01)

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Offline Kathrin

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wichtiger Hinweis zu Beginn:
Ich fürchte die Rezension wird seeeeeehr ausführlich, aber das geht grade nicht kürzer. Da es sich hierbei um einen historischen Roman handelt, enthält die Rezi SPOILER in Bezug auf das Leben von Alienor. Wer also so gar nichts über die Protagonistin weiß und was sie geleistet hat und sich überraschen lassen will, der sollte sich gut überlegen, ob er die Rezi lesen will.  Ich werde es im Text nicht mit der Spoiler-Funktion markieren.

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"Das Lied der Königin" von Elizabeth Chadwick ist der erste Teil ihrer Alienor-von-Aquitanien-Trilogie, einer der faszinierendsten und schillerndsten Figuren des französischen und englischen Mittelalters. Als Erbin ihre Vaters und Herzogin von Aquitanien war sie Ehefrau und Mutter jeweils zweier Könige und als erfolgreiche und mächtige Frau ihrer Zeit weit voraus und erreichte ein nahezu biblisches Alter für diese Zeit von 80 Jahren. In diesem ersten Teil geht es hauptsächlich um ihre Jugend und Ehe mit dem Kronprinzen Louis, dem späteren Louis VII von Frankreich.

Wie auch alle anderen Romane der englischen Autorin hat auch "Das Lied der Königin" bei mir gemischte Gefühle hinterlassen. Es hat seine Stärken und seine Schwächen und eigentlich weiß ich, dass Elizabeth Chadwick meine hohen Erwartungen, die ich trotz der Erfahrung mit ihren Büchern immer wieder habe, nur schwer erfüllen kann. Ein Plus ist sicherlich der sehr unkomplizierte und flüssig zu lesende Stil der Autorin. Ich bin in 6 Tagen durch die 627 Seiten gerauscht und hätte es sicherlich noch schneller beenden können, wenn der liebe Job nicht wäre. Hinzu kommt, das Elizabeth Chadwick mit dieser Trilogie genau DAS geschrieben hat, was ich mir von einer anderen Autorin wünschen würde: eine SEHR ausführliche Romanbiografie über Alienor von Aquitanien. Dass ich ganz neben bei Alienors zweitem Ehemann Henry verfallen bin, dazu kann die Autorin jetzt nichts, das ging mir auch in allen anderen Romanen über seine Herrschaft so. Und tatsächlich wurde auch "Das Lied der Königin", ab der zweiten Hälfte für mich besser, als sich das Scheitern ihrer ersten Ehe abzeichnet und der von mir heißersehnte Henry in ihr Leben tritt.

Aber leider hat das Buch halt auch seine Schwächen, denn Elizabeth Chadwick schafft es erneut nicht, ihren Figuren genügend Leben einzuhauchen, dass sie auf mich die Faszination ausüben, wie ich sie mir erhofft habe. Ich habe mich zwischenzeitlich echt gefragt, was mich Anfang April geritten hat, als ich gleich 5 Bücher auf einmal von der Autorin gekauft habe. Und auch wenn ich schon sehr oft die Augen gerollt habe, so habe ich doch noch kein einziges Buch von ihr abgebrochen oder aussortiert. Aber ich bleibe bei meiner Meinung, dass die Bücher und Figuren von Elisabeth Chadwick für mich komplett emotionslos und flach sind und es ihnen an Esprit und Charme fehlt. Glücklicherweise sind wirklich grundkitschige Szene eher selten zu finden.

Von der Übersetzung bin ich leider auch nicht 100%ig begeistert. Mein schlechtes Gefühl diesbezüglich ging soweit, dass ich mir das englische Original zum Vergleich als ebook noch zusätzlich gekauft habe. Es sind zum einen Fehler oder auch Begriffe darin enthalten, die dem deutschen Lektorat auffallen hätten müssen oder einfach nicht passen. So ist zum Beispiel Alienors Pferd mal ein Hengst mal ein Walach, Altersangaben sind falsch, aus "new wife" wird zweite Ehefrau, was historisch falsch ist, denn es ist die dritte Ehefrau. Aber auch im Original gibt es Dinge, die mir nicht gefallen: "Petra" als Abkürzung von Petronilla (Alienors Schwester) oder das englische "Madam" anstelle des französischen "Madame" für die französische Königin. Über englische Könige möchte ich ja auch lieber als Henry den als Heinrich lesen.

Und auch die historische Genauigkeit von Elizabeth Chadwick, mit der sie sonst bei mir punkten konnte, macht mich diesmal nicht wirklich glücklich. Es sind z.B. Widersprüche gegenüber dem deutschen als auch dem englischen Wikipedia in dem Buch enthalten. Ich weiß, dass Wikipedia die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat, aber hier ist mir alles viel zu wischiwaschi ... wobei man das vielleicht auch nur dann feststellt, wenn man nebenbei ein wenig auf eigene Faust recherchiert. Auch hatte ich das Gefühl, dass die Autorin ihr Wissen dadurch beweisen wollte, dass sie jede hist. Persönlichkeiten in ihrem Roman erwähnt, die ihr bei der Recherche untergekommen ist, egal, ob sie nun für die Entwicklung der Story von Relevanz ist oder nicht. Auch erwähnt sie ständig die ach so nahen Verwandtschaftsgrade z.B. zwischen Alienor und Louis, ohne da jemals ins Detail zu gehen. Noch nicht mal im Nachwort geht sie darauf ein, auch wenn ich weiß, dass dieses Argument letztlich zur Auflösung ihrer Ehe geführt hat.

Gut hat mir gefallen, dass Elizabeth Chadwick im Nachwort darauf eingegangen ist, wo und warum sie von der hist. Wahrheit für ihren Roman abgewichen ist, denn das haben schon viele Autoren und Autorinnen hist. Romane gemacht. So konnte ich zum Beispiel mit der Affaire mit Gottfried (Geoffroi!) de Rancon gut leben, aber sorry (!) Alienor dann auch noch eine Schwangerschaft und Fehlgeburt aus dieser Affaire anzuhängen, das ging mir dann doch zu weit. Extrem schlimm fand ich übrigens das Cover der deutschen Ausgabe. Ich kann mir zwar vorstellen, warum der Verlag das gemacht haben könnte (nämlich um auf den ersten Blick und unübersehbar klar zu machen, dass es sich hierbei um einen hist. Roman handelt), aber wirklich, das englische Original ist echt um Längen besser!

Wenn ich mir meine Rezi bis hierhin so durchlese, dann klingt das ganz schön negativ und ich habe auch schon deutlich bessere Bücher der Autorin gelesen, aber es gibt eben auch Punkten mit denen sie mich versöhnt. Mir gefällt z.B. auch das Bild, das sie von Louis VII zeichnet deutlich besser, als in Romanen von anderen Autorinnen. Und auch die Tatsache, dass Alieinors zweiter Ehe mit Henry politische und dynastische Überlegungen zu Grunde liegen und nicht die pure Liebe und erotische Anziehungskraft, fand ich gut und wichtig, dass sie es so geschildert hat! Und im Endeffekt freue ich mich auf Band zwei der Trilogie, in der ich dann gaaaaaaaaaaanz viel Henry II von England geboten bekommen werde.

Bewertung:
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Offline nirak

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Vielen Dank für deine auführliche Rezi.
Ich habe die Trilogie auch hier stehen, aber noch ungelesen. Ich bin wirklich gespannt, wie sie mir gefallen wird. Ich lese ihre Bücher ja sehr gern und fand sie auch immer stimmig. Aber man wird ja auch älter und weiser, ich bleibe gespannt.

Offline Inge78

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Ich habe noch nie ein Buch von Elisabeth Chadwick gelesen und das macht auch gerade keine Werbung für sie

Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.

Offline Kathrin

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Ich habe noch nie ein Buch von Elisabeth Chadwick gelesen und das macht auch gerade keine Werbung für sie
Ja irgendwie stimmt das, Inge, aber ich lese sie trotzdem weiter :dong:
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Offline Christiane

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Ich hab mal 'Die normannische Braut' von der Autorin gelesen. Und damit ging es mir genau so wie Kathrin es jetzt für dies Buch hier beschreibt. Irgendwie schon interessant, aber die meisten Charaktere bleiben doch flach und wenig liebenswert.  :nixweiss1:
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)

Offline Kathrin

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Ja, Christiane, das hab ich auch gelesen.
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Offline Christiane

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Ich weiß  :->. Ich glaub, über das Buch waren wir uns auch einigermaßen einig.
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)

Offline Kathrin

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Ich weiß, dass es mein erster Chadwick war und ich ihn relativ kurz nach "Das zweite Königreich" von R. Gablé gelesen hatte. Vielleicht war alleine das schon der Fehler bei mir.
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