Edward Carey - PETITE

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Offline Christiane

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Edward Carey - PETITE
« am: 11. Juni 2020, 13:36:24 »
[isbn]978-3406739484]/isbn]

Klappentext:
1761 wird ein winziges Mädchen namens Marie Grosholtz im Elsass geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern wird sie Gehilfin des exzentrischen Wachsbildners Doktor Curtius in Bern, der sie mit nach Paris nimmt, wo sie mit der dominanten Witwe Picot und ihrem stillen Sohne Edmond in einem leerstehenden Affenhaus Quartier beziehen. Sobald sie das Gebäude in einen Ausstellungsraum für Wachsfiguren und Wachsköpfe verwandelt haben, wird ihr Handwerk zur Sensation und führt Marie bis an den Königshof in Versailles. Das Geschäft mit den Wachsköpfen berühmter und berüchtigter Zeitgenossen, großer Philosophen und notorischer Verbrecher blüht. Doch in Paris werden die Paläste gestürmt und das Volk verlangt nach Köpfen – genau das, was die Wachsbildner liefern!
Der zauberhafte, mit vielen Zeichnungen Careys versehene, feinsinnige und lebenspralle Roman erzählt die abenteuerliche Geschichte der Frau, die als Madame Tussaud zu Weltruhm gelangte: eine unschuldig-weise kleine Madame Courage zwischen Philosophen und Häftlingen, Helden und Schurken, die sie allesamt in Wachs zu fassen vermochte.

Mein Eindruck:
‚Petite‘ erzählt die Geschichte der Madame Tussaud, die das weltberühmte Wachsfigurenkabinett in London gegründet hat. Wer nun aber von einem Besuch dort oder aus diversen Berichten darüber Bilder im Kopf hat vom britischen Königshaus, von Promis wie den Beatles über Trump bis zu George Clooney oder Jack the Ripper, und nun einen netten, lockeren biographischen Roman im Stile der leichten Boulevardpresse erwartet, der wird sein blaues Wunder erleben.
Der gelbe Schutzumschlag mit einer Zeichnung und ganz viel Text ist wirklich schön. Aber der ausufernde Titel, aus dem nur das Wort ‚Petite‘ durch Größe, Farbe und Schrifttyp hervorgehoben ist, ist ein erster Hinweis darauf, dass man hier ein besonderes Buch in Händen hält. Denn eigentlich heißt das Buch „Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens Petite besser bekannt als Madame Tussaud“. Und dieser Titel wird als Einstieg im Buch noch einmal aufgegriffen, um ein Komma und eine seitenfüllende Aufzählung von Fakten aus Petites Leben ergänzt, die lapidar endet mit „Niedergeschrieben von ihr selbst.“
Da bekommt man quasi die Zusammenfassung der folgenden 490 Seiten vor die Füße gekippt. Ebenso beginnt jedes Kapitel mit einem Wort oder Satz, der dem Leser erklärt was ihn als nächstes erwartet. So ist beispielsweise das erste Kapitel überschrieben mit „In welchem ich geboren werde und meine Mutter und meinen Vater beschreibe.“
Dieser Satz ist in mehrfacher Hinsicht bezeichnend für das Buch. Zum einen ist es ein gutes Beispiel für die trockene, distanzierte Sprache der Ich-Erzählerin. Zum anderen weist es auf eine Kernkompetenz der Madame Tussaud hin, ohne die sie ihr Lebenswerk nie hätte erschaffen können: sie ist eine Beobachterin der Menschen, sie nimmt Abstand und beschreibt was sie sieht ohne jede Wertung, ohne eigene Emotionen einzubringen. Das zumindest suggeriert der Autor. Ob das allerdings tatsächlich so war lässt sich kaum noch herausfinden.
Denn eines habe ich während der Lektüre gelernt: es gibt zwar von ihr selbst verfasste Memoiren, es gibt einen Chronisten aus Paris, der wohl viel über sie und die bewegten Zeiten der französischen Revolution berichtet hat, aber an vielen Stellen ist kaum mehr zu belegen, wie verlässlich diese Quellen sind, bzw. in wie weit hier auch ein Wunschbild gemalt wurde. So hat sich der Autor einige Freiheiten herausgenommen, mit denen ich beim Lesen schon sehr gehadert habe. Hierzu muss ich sagen, dass ich bei Büchern über historische Personen oder Geschehnisse gern parallel ein wenig im Internet schaue, was es rundherum so zu lesen gibt. Und wenn ich dann gleich als erstes darüber stolpere, dass Wikipedia erklärt, Petites Vater sei zwei Monate vor ihrer Geburt gestorben, in Kapitel zwei aber die kleine Marie berichtet wie ihr Vater, als sie etwa 5 Jahre alt ist, aus dem Krieg heimkehrt, wie sie ihn erlebt, wie er dann bald darauf stirbt – das finde ich zunächst mal irritierend. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, die ich hier anführen könnte. Was mich dabei wirklich sehr stört ist, dass es kein Nachwort, keinen Anhang gibt, in dem der Autor erklärt, wo belegbare Fakten aufhören und wo seine Fantasie anfängt. Das finde ich extrem schade und es hat mir einiges an Freude an diesem wirklich außergewöhnlichen Buch genommen.
Abgesehen davon hat man hier schon ein literarisches Schmuckstück in Händen. Es gelingt Edward Carey mit seinem besonderen Schreibstil eine dichte, oftmals düstere Atmosphäre zu schaffen, die einen eintauchen lässt in die brutale unheilvolle Zeit der Revolution mitten in Paris. Er lässt den Leser dies außergewöhnliche Leben der kleinen Marie Grosholtz, genannt Petite, verheiratete Madame Tussaud, miterleben, lässt ihn mit ihr Größen ihrer Zeit wie Benjamin Franklin, König Louis XVI und seinen Widersacher Robespierre kennenlernen, gibt ihm Einblicke in das Leben der Menschen der damaligen Zeit. Viele kleine, prägnante Zeichnungen des Autors bereichern das Buch zusätzlich.
Nein, man kann sich am Ende des Buches nicht sicher sein, nun die Fakten von Petites Leben zu kennen. Aber man konnte, wie ich glaube, ein Gespür entwickeln für sie und die Zeit, in der sie lebte, sich gegen widrigste Umstände durchsetzte, Erfolg hatte und eine bis heute bestehende und erfolgreiche Institution gründete.


Fazit:
‚Petite‘ ist ein Buch, das es mir nicht einfach gemacht hat. Ein sperriger, sehr besonderer Schreibstil und viele Fragen zur Faktenlage in einem Buch, das als Biografie in Romanform daherkommt, noch dazu mit einer Ich-Erzählerin. Und auf der anderen Seite ein Autor, der so viel Atmosphäre schaffen kann, der skurrile Figuren malt, der einen mitnimmt in eine turbulente Zeit, dessen sehr besondere kleine Zeichnungen dem Buch noch das i-Tüpfelchen aufsetzen.
Letzten Endes hat mich ‚Petite‘ sehr bewegt, hat mir interessante Stunden verschafft und mich zu einigen Expeditionen kreuz und quer durchs Internet angeregt. 


Note: 

Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)

Offline Inge78

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Re: Edward Carey - PETITE
« Antwort #1 am: 11. Juni 2020, 16:56:47 »
Hm, das liest sich jetzt besser als ich erst dachte
Es wandert doch nicht so tief auf den SUB
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.