Amélie Nothomb - Die Passion

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Offline Inge78

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Amélie Nothomb - Die Passion
« am: 20. November 2020, 07:46:32 »
Zitat
»Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen würden«, so beginnt Amélie Nothombs neues Buch. Hier spricht Jesus Christus in der Nacht vor seinem Tod. Mutterseelenallein in seiner Zelle, vertraut er uns seine geheimsten Gedanken an, seine Zweifel, seinen Groll. Leidenschaftlich fühlt sich Amélie Nothomb in die Leidensgeschichte Jesu ein. Hier wird Jesus tatsächlich Mensch.

Amélie Nothomb ist für mich eine Meisterin darin,  mit ihren Bücher zu provozieren, das Böse im Menschen zu beschreiben, ohne anzuklagen, ohne zu verurteilen. Und ausgerechnet Amélie Nothomb lässt Jesus seine letzten Stunden aus eigener Sicht erzählen. Ist das blasphemisch oder genial? Wie kann ich als gläubige Christin damit umgehen?
Gewohnt kurz und prägnant entwirft Nothomb auf knapp 130 Seiten ein sehr menschliches Portrait Jesu. Ein Jesus, der zweifelt, an seiner Bestimmung und selbst an seinem göttlichen Vater. Ein Jesus, der Fragen stellt und von einem anderen Leben träumt. Dabei stellt sie Jesus göttliche Herkunft und seine Fähigkeiten nie in Frage. Sehr wohl spricht hier der Heiland.
 
Ein Jesus, der philosophiert, das ist faszinierend und erschreckend zugleich. Einige Passagen des Buches waren mir zu provokant, wobei mir da schon bewusst ist, dass Amélie Nothomb auch hier beabsichtigt polarisiert.
Das macht sie gut, gar keine Frage. Auch als Gläubige hinterfrage ich meinen Glauben, denke darüber nach, was ich glaube und warum ich glaube.
Und an welchen Menschen Jesus ich glauben will. Denn das Jesus zutiefst menschlich ist in diesem Buch, das steht außer Frage. Seine Sinnbilder, gerade die Vergleiche wie sehr Durst in gläubig macht, sind einfach und genial in ihre Bildsprache. Dafür sind Gleichnisse da, zu erklären, was vielleicht nicht erklärt werden kann. Wie kann man Liebe erklären, wie den Glauben? Gerade hier schafft es die Autorin, mich wieder auf die Seite ihrer Interpretation des Sohnes Gottes zu ziehen.
Spannung baut das Buch nicht auf, dafür ist das Ende ja zu hinglänglich bekannt ;-). Dennoch bleibt man fasziniert bei der Lektüre, blättert Seite für Seite und ist am Ende fast enttäuscht, die kluge Gedankenwelt Jesu wieder zu verlassen.
Ein Buch, dass sicherlich die Gemüter spalten wird. Und ein Buch, was für mich noch sehr lange nachhallen wird und was ich unter Garantie noch mal lesen werde.
Für mich kein typischer Nothomb und kein "weglesen" Buch, aber eine klare Leseempfehlung trotz einiger Kritikpunkte. Jedoch sollte man über Glauben nicht streiten und jeder muss in diesem Buch seine eigene Wahrheit finden.
 
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.