Uta Seeburg - Der falsche Preuße

Begonnen von Annette B., 07. Februar 2023, 20:43:36

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Annette B.

Der falsche Preuße von Uta Seeburg

Herausgeber ‏ : ‎ HarperCollins; 2. Edition (20. Juli 2021)
Sprache ‏ : ‎Deutsch
Taschenbuch ‏ : ‎352 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎3749902852

Klappentext:

»Im Bier wie im Tod sind in Bayern alle gleich.«

München zur Jahrhundertwende. Es ist die Zeit der pferdegezogenen Trambahnen, der riesigen Bierpaläste und der gebratenen Kapaune. Und es ist der Beginn einer jungen Wissenschaft namens Kriminalistik. Wilhelm Freiherr von Gryszinski zieht von Preußen nach Bayern, um als Sonderermittler für die Königlich Bayerische Polizeidirektion tätig zu werden und den Beamten Errungenschaften wie den Fingerabdruck und die Spurensicherung am Tatort näherzubringen. Sein erster Fall: Ein stadtbekannter Bierbeschauer wird tot an der Isar gefunden – eingehüllt in einen kostbaren Federumhang, daneben der Abdruck eines Elefantenfußes. Gryszinski kommt bald einer Verschwörung nationalen Ausmaßes auf die Spur, die ihn vor eine unsägliche Wahl stellt: Ist er eher bereit, seine Ehre als bayerischer Beamter zu verletzen oder als preußischer Offizier?

Meine Meinung:


»Der Eifer und der gute Willen, etwas zu leisten, hat uns mitgerissen, das langsam fortschreitende, kühl überlegende Sondieren haben wir unterlassen, und alles war umsonst. Da gibt es nur ein einziges Mittel: Mitten im ruhigen Gange, im Laufe, im Sturmschritte einer Untersuchung müssen Ruhepausen gemacht werden, in welchen man nicht vorwärts drängt, sondern nach rückwärts sieht...«
                 Hans Groß: Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte,
                                            Gendarmen usw., 1. Auflage, 1893



Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat aus diesem Handbuch von 1893. In der heutigen Zeit bringen diese Zitate den Leser eher zum schmunzeln, aber damals,1894 waren diese Weisheiten wohl die reinsten Offenbarungen.

Viele Informationen ziehen sich , zusammen mit Erklärungen zu Gesetzen über das Reinheitsgebot beim bayrischen Bier oder gewissen Verkehrsregeln für Pferdekarren, die der ,,modernen" Dampfbetriebenen Trambahn begegnen, durch das Buch.
Auch bekommt der geneigte Leser Weg-Beschreibungen zum Viktorialen Markt oder ausführliche Beschreibungen zu der Einrichtung des Spezialitäten Hauses Dallmayr. 
Die Beschreibungen der einzelnen Kuchen Spezialitäten oder zünftigen Brotzeiten werden auch mitgeliefert.
Die Autorin hat hier wirklich akribisch genau recherchiert.

Da bleibt die Leiche und die Aufklärung des Mordes eher nur ein Nebenschauplatz in der Handlung.

Das Privatleben des Preußen:
Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski wird dagegen angenehm in Szene gesetzt.
Dieser ist jung verheiratet und Vater eines 7 Monate alten Sohnes. 
Die unterschiedliche Lebensart zwischen dem zackigen Preußentum und der Lebensweise der eher gemütlichen Bayern, hat die Autorin auch immer wieder in der Handlung  thematisiert.

Dieses Buch hat 352 Seiten und ich schätze mal, dass es höchstens 100 - 130 Seiten zu dem Mordopfer und der Aufklärung des Mordes beinhaltet.

Von daher würde ich dieses Buch zwar als historischen Krimi bezeichnen, jedoch auch als historischen Unterhaltungsroman mit vielen  Details zur Münchener Lebensweise 1894.

Im Taschenbuch und HC  gibt es einen Stadtplan von München um 1894. Leider gibt es diesen Stadtplan nicht in der Kindle-Ausgabe die ich gelesen habe.
Bei manchen Strecken, die Gryszinski zu Fuß zurück legt hätte ich mir das tatsächlich gerne mal auf dem Stadtplan genauer angesehen. Ich hatte stellenweise den Verdacht, dass dieser Hauptmann Gryszinski verdammt gerne marschiert.
München war damals schon keine Kleinstadt.

Mit den meisten Figuren hier im Buch bin ich gar nicht warm geworden, nur mit der Ehefrau von Gryszinski und der Haushälterin Frau Brunner, konnte ich mich anfreunden. Ansonsten hatte ich den Eindruck, dass die vielen detaillierten Beschreibungen der kulinarischen Spezialitäten, ein besseres Kennenlernen der Figuren eher blockiert haben.
Auch haben die vielen Beschreibungen für mich keine besondere Atmosphäre geschaffen. Ich fand das Buch manches mal eher langweilig und habe es auch schon mal beiseite gelegt. An zwei oder drei Stellen habe ich das Buch auch nur noch Kopfschüttelnd beiseite gelegt, weil Gryszinski sich total blöd von den verdächtigen Personen austricksen lies.

Es mag sein das  Ende des neunzehnten Jahrhundert die Kriminalistik noch in den Kinderschuhen steckte, aber Verbrecher hat man auch damals schon mit einem Gürtel oder ähnlichem gefesselt, wenn man sie überrumpelt hat und nicht sofort zu einer Polizeistation bringen konnte.
Gryszinski kommt dieser Gedanke gar nicht, dass der Bösewicht vielleicht alles daran setzt um zu fliehen! 
Dies ist nur ein Beispiel für Gryszinskis unerfahrener Arbeitsweise.
Da dies der erste Teil einer Serie ist, werden derartige Fehler vielleicht in weiteren Büchern nicht mehr so oft vorkommen. Diese Fehler dürfen im ersten Teil durchaus einmal vorkommen, aber in diesem Buch kamen sie mir dann doch etwas zu oft vor.

Na ja, nachdem ich die Auflösung des Krimi-Anteils zum Schluss gelesen hatte, war für mich jedoch klar:

Teil 2 wird auf meinen Kindle garantiert nicht mehr einziehen !

Ich möchte das Buch nicht schlecht reden, denn die Handlung war flüssig erzählt und die Aufklärung des Mordes bildete bis zum Schluss einen roten Faden im Buch. Jedoch fehlte mir ein konstanter Spannungsbogen und durch die vielen Beschreibungen wirkte die Handlung eher seicht und unaufgeregt.
Auch hat sich die Autorin mit einigen Nebenschauplätzen, die wohl als falsche Fährten dienen sollten, etwas verzettelt.

Dennoch kann man das Buch allen Lesern empfehlen die gerne seichte Krimis ohne Grausamkeiten und schreckliches Blutvergießen lesen.

Note: 3-
Liebe Grüße Annette

Kathrin

Schade Annette, dass Dir das Buch nicht so gut gefallen hat.
Kennst Du die Bücher von Nicola Hahn, die in Frankfurt spielen und zu einer ähnlichen Zeit? Ich meine Band 1 heißt "Die Detektivin." Fand es immer schade, dass die Reihe nicht weitergeführt wurde.
Rock the Night!

Annette B.

Zitat von: Kathrin in 08. Februar 2023, 08:32:17Schade Annette, dass Dir das Buch nicht so gut gefallen hat.
Kennst Du die Bücher von Nicola Hahn, die in Frankfurt spielen und zu einer ähnlichen Zeit? Ich meine Band 1 heißt "Die Detektivin." Fand es immer schade, dass die Reihe nicht weitergeführt wurde.

Nein Kathrin, diese Bücher kenne ich nicht, aber ich bin für jeden Tipp dankbar und werde mir das Buch gerne mal anschauen.
Grundsätzlich finde ich Krimis aus dieser Zeit gut. Es ist ja eine spannende Zeit gewesen und das Buch von Alex Beer - Der Häftling aus Moabit- hat mich für diese Zeit begeistert.
Wie ich jetzt aber grade sehe, hängt es sehr vom Erzählstil und Schreibstil der Autorin oder des Autors ab, ob diese Zeit das Interesse des Lesers weckt.
Aber wir wissen ja auch aus Erfahrung, dass man immer wieder kleine Perlen zwischen den vielen Bücher findet.
Liebe Grüße Annette

Kathrin

Zitat von: Annette B. in 08. Februar 2023, 19:04:52Wie ich jetzt aber grade sehe, hängt es sehr vom Erzählstil und Schreibstil der Autorin oder des Autors ab, ob diese Zeit das Interesse des Lesers weckt.
Ja, das ist und bleibt so! Ich glaube, zwei Autor*innen könnten vom Grundsatz die gleiche Geschichte sdhreiben und trotzdem wird man Unterschiede im Erzählstil finde und oft genug liegt einem der eine Stil mehr als der andere.
Rock the Night!