Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne

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Offline Lannie

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Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« am: 04. Juli 2008, 15:42:12 »
[isbn]3442367174[/isbn]  Verlag: blanvalet
ISBN: 978-3-442-36717-7
Seiten: 672
Ausgabe: Taschenbuch
ET: 05.2008
Preis: € 12,00


Kurzbeschreibung

England im 16. Jahrhundert

Die junge Catherine Parr hat zwei Herzenswünsche: Sie will eines Tages ein Buch schreiben - ein für eine Frau undenkbares Vorhaben! Und sie will Tom Seymour, ihren Freund aus Kindertagen, heiraten. Doch alles kommt ganz anders: Am Hof Heinrichs des VIII. geraten Catherine und ihr Liebster in den Strudel einer stürmischen Zeit. Freie Geister leben gefährlich in dieser Ära dramatischen Wandels, und so muss Catherine mit Klugheit und Geschick darum kämpfen, sich und Tom vor Kerker und Fallbeil zu bewahren ...

Meine Meinung

„Die zwölfte Nacht“ erzählt die wunderbare  und ergreifende Lebensgeschichte einer faszinierenden Frau, der letzten Ehefrau Heinrich VIII. von England - Catherine Parr. „Die zwölfte Nacht“ ist geprägt vom Kampf  um die  Gründung der Anglikanischen Kirche, einer melodramatischen Liebesgeschichte, die tief ans Herz geht und einem eindrucksvollen Einblick in das Hofleben Heinrichs und dessen Persönlichkeit.

Die Handlung ist in zwölf Teile gegliedert, die zwölf Nächte, was ich persönlich wunderschön fand, da diese zwölf Nächte eng mit dem Brauch der zwölften Nacht verwoben sind, die in der Handlung einen ganz besonderen Platz einnimmt. Allein dadurch ergibt sich ein einprägsamer roter Faden. Charlotte Lyne erzählt berauschend tief gehend, lässt ihre Figuren Zwisprache mit sich und Gott aber auch Freunden halten, lässt den Leser an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben und ist dabei äußerst anspruchsvoll.  Das Buch hat mich äußerst emotional berührt und mich so manche Träne vergießen lassen. Der Schreibstil und die Sprache fordern Zeit, Zeit ,die man diesem wunderschönen Roman schenken sollte, er muss wirken können, sich entfalten und den Leser berühren. „Die zwölfte Nacht“ hallt lange nach, noch Tage danach musste ich an Catherine Parr denken, noch ein wenig mehr über sie lesen, in Erfahrung bringen, wo sie bestattet ist, mir Bilder ansehen. Der Roman macht Lust auf mehr, setzt ein gigantisches Interesse an dieser Epoche frei. Ich habe mich auch vorher schon für Heinrich VIII. interessiert, aber dieses Buch hat mich süchtig nach ihm und seinen Ehefrauen, seinen Nachkommen gemacht.

Die Figuren sind eindrucksvoll und mit viel Liebe und Sinn fürs Detail ausgearbeitet. Oberflächlichkeit und schwarz/weiß-Malerei sind für Charlotte Lyne Fremdwörter. Sie sind facettenreich, unglaublich lebendig und überzeugend. Jeder einzelner Charakter konnte mich restlos überzeugen. Und die Hauptfiguren Catherine und Thomas, aber auch der König, kamen mir unglaublich nah, Catherine vielleicht ein wenig zu nah. Besonders gelungen ist die Entwicklung der einzelnen Figuren. Wie sie wachsen oder verkümmern, wie sie brechen oder an Selbstbewusstsein gewinnen, wie sie versuchen sich selbst zu zerstören oder lieber mit der Masse mitlaufen, um ihr Leben zu retten. Je nachdem was das Leben für sie bereit hielt, entwickeln sich die Charaktere bis ins letzte absolut überzeugend.

Auch wenn Charlotte Lyne das Leben Catherine Parrs erzählt, vergisst sie dabei nicht auf innen- und außenpolitische Ereignisse einzugehen und widmet gerade den religiösen Entwicklungen viel Zeit, nicht zuletzt, da Catherine Parr selbst eine recht treibende Kraft war und sich für die Anglikanische Kirche stark machte. Dabei trifft man auf bedeutende und eindrucksvolle Persönlichkeiten dieser Zeit. Auch die Entwicklungen am Hofe betrachtet die Autorin immer wieder, so dass man über Heinrich und seine Persönlichkeitsentwicklung sehr gut ins Bild gesetzt wird. Und dabei wirkt nichts aufgesetzt oder konstruiert, sondern man bekommt den Eindruck, es könne sich ganz genauso zugetragen haben. 

Charlotte Lyne ist es gelungen, eine ausgewogene, äußerst ansprechende, packende und faszinierende Geschichte zu erzählen, wobei sie sich eng an die historischen Fakten gehalten hat. Dort, wo sie sich Freiheiten heraus genommen hat, wird in ihrem sehr persönlichen Nachwort extra eingegangen. Ein ganz besonderes Bonbon ist das wunderbare Personenverzeichnis, das unheimlich viel Aufschluss über Verwandtschaftsbeziehungen gibt und mich in nur einem Satz endlich hat begreifen lassen, warum Lady Jane Grey glaubte, einen Anspruch auf den Thron zu haben. Aber Vorsicht, wer sich in der Geschichte dieser Epoche noch nicht so auskennt, sollte lieber erst zum Schluss einen Blick hinein werfen, da auch Todestage verzeichnet sind.

Fazit: Charlotte Lyne hat uns eine wirklich spannende und erzählenswerte Geschichte mit einer sehr tragischen Hauptfigur, die man einfach nur ins Herz schließen kann, geschenkt. Ich habe das Buch wirklich genossen und freue mich schon sehr auf mehr von dieser äußerst viel versprechenden und sympathischen Autorin.

Meine Bewertung

« Letzte Änderung: 09. September 2008, 16:53:23 von Lannie »
Liebe Grüße
Lannie aka Cait

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Offline Meike

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Re: Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« Antwort #1 am: 04. Juli 2008, 21:42:33 »
Hallo Lannie,
danke für die super Rezi  :festknuddel:. Ich will mir das Buch auch unbedingt besorgen. Kannst du mir nur vielleicht sagen was dich gestört hat, dass du keine volle Punktzahl gegeben hast?

Danke schon mal!
Liebe Grüße,
Meike
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Offline Lannie

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Re: Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« Antwort #2 am: 04. Juli 2008, 23:12:52 »
Hallo Meike,

ich glaube, das ist einfach nur ein Bauchgefühl und kann man gar nicht begründen. Wenn ich dazu zwingend eine Begründung liefern MUSS, dann ist der kleine Punktabzug dafür, dass man das Buch nicht in einem Rutsch lesen kann. Dafür ist es zu anspruchsvoll.  :->

LG
Lannie
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Lannie aka Cait

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Offline Meike

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Re: Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« Antwort #3 am: 05. Juli 2008, 09:55:47 »
Hallo Lannie,
ach nee, ich wollte dich auf keinen Fall zwingen, sorry! Dachte nur, ich hätte da was überlesen. Aber danke, dass du es mir doch begründet hast und nach deiner Rezi will ich es jetzt bald haben!

Liebe Grüße,
Meike
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Offline uschi

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Re: Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« Antwort #4 am: 05. Juli 2008, 11:01:31 »
Hallo Lannie,

ich habe das Buch ja schon seit Wochen hier liegen und wollte es auch schon längst lesen, aber ich bin inzwischen zur Leseschnecke mutiert,  :heul: aber nun will ich es endlich auch bald lesen.
Mir ging es übrigens ähnlich wie Meike, nach deiner begeisterten Rezi dachte ich auch, warum gibt sie dann keine 5 Sterne.  :-> Weil das Buch anspruchsvoll und nicht in einem Rutsch zu lesen ist, wäre für mich allerdings kein Grund, einen Punktabzug vorzunehmen.  :knuddel: Kennst du auch schon die Glocken von Vineta von ihr? Das fand ich auch klasse.

Liebe Grüße
Uschi
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Ein schönes Buch ist wie ein Schmetterling. Leicht liegt es in der Hand, entführt uns von einer Blüte zur nächsten und lässt den Himmel ahnen. (Lao-Tse)

Offline Lannie

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Re: Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« Antwort #5 am: 05. Juli 2008, 13:30:53 »
Uschi,

ohje, jetzt wurde meine Begründung absolut falsch aufgenommen.  :->
Ich kann keine Begründung abgeben, da mir nur mein Bauch gesagt hat, für eine 1 reiche es nicht ganz. Diese "Zwangbegründung" war das einzige, was mir eingefallen ist und man beanstanden KÖNNTE. Mich hat das auch überhaupt nicht gestört, hab ja geschrieben, dass man sich eh unbedingt Zeit für das Buch nehmen muss. Aber ich glaube, es gibt Leser, die das vielleicht abschrecken könnte. ;-)
Achja, mir fällt doch ein Grund ein und vielleicht hat mir deswegen mein Buch gesagt, gib "nur" eine 2+. Das Buch ist zu kurz.  :-> Ausserdem muss ich mir bei Charlotte Lyne noch Raum nach oben lassen, da es das erste Buch von ihr ist, das ich gelesen habe.
So, ich hoffe, alle Missverständnisse sind ausgeräumt und ich wünsche Euch viel Spaß damit!

LG
Lannie
Liebe Grüße
Lannie aka Cait

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Offline Kathrin

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Re: Die zwölfte Nacht - Charlotte Lyne
« Antwort #6 am: 16. November 2008, 14:49:22 »
Und hier jetzt noch schnell meine etwas längere Meinung zu Charlies Roman "Die zwölfte Nacht":

Die englische Geschichte hat mich wieder und „Schuld“ daran hat Charlotte Lyne und ihr Roman „Die zwölfte Nacht“. Für mich war es der erste Roman von Charlotte Lyne, aber mit Sicherheit nicht der letzte. Ich freue mich jetzt schon auf ihre weiteren Romane, bin mir aber auch sicher, dass ich „Die zwölfte Nacht“ noch ein zweites Mal lesen werde.

Eigentlich viel zu müde zum Lesen habe ich die ersten Seiten des Romans morgens im Zug gelesen und war von Anfang an gefesselt und wollte das Buch nicht aus der Hand legen. Eine der berühmte Lesemomente, in denen die Deutsche Bahn ruhig mal wieder Verspätung hätte haben können.

Für mich ist dieser Roman nicht nur ein Buch über Catherine Parr, die sechste und letzte Ehefrau des englischen Königs Henry VIII, sondern vor allem ein Roman über die Familie Seymour. Mit der ersten Szene auf dem Familienbesitz Wulf Hall fühlte ich mich bei den Seymours geborgen und wohl. Ich mochte sie alle ohne Ausnahme extrem gerne, vom Vater John, der auch für Cathie viel mehr Vater war als ihr leiblicher Vater Thomas Parr, bis zu den Kinder, darunter Jane, die dritte Ehefrau von Henry VIII, und vor allem aber die Söhne Edward und Tom, die Unzertrennlichen. Auch wenn Tom und Ned unterschiedlicher nicht sein können, so liebe ich sie doch beide, den ruhigen und eher besonnenen Ned, dem man wirklich alles Glück und alle Liebe dieser Welt wünscht, aber eben auch den laut durch das Leben polternden und das Leben genießenden Tom. Von Jane hatte ich im Vorfeld gar kein Bild, da ich mit Henry VIII erstmal nur Anne Boleyn verbinde und dass er zwei seiner Frauen hinrichten lies. Mein Bild von Jane ist jetzt sehr durch dieses Buch geprägt worden und ich mag es wirklich total gerne. Sie ist eine wundervolle Persönlichkeit, die leider viel zu kurz an der Seite des Königs verweilen durfte, da ich inzwischen felsenfest davon überzeugt bin, dass Henry mit ihr ein anderer Mensch hätte werden können. Aber leider lässt sich die Geschichte nun mal nicht umschreiben, auch wenn ich mir das an so mancher Stelle im Roman gewünscht hätte. Die Seymours zeichnet in meinen Augen ein wunderbarer Familienzusammenhalt aus, die gemeinsam feiern, aber auch gemeinsam trauern und dabei ungeheuer normal, lebendig und herzlich sind. Diese wunderbare Atmosphäre in der Familie Seymour wird vor allem immer dann besonders deutlich und spürbar, wenn die Geschichte auf Wulf Hall spielt. Da hätte ich mich am liebsten in das Buch gebeamt, um Teil der Familie und des Treibens auf Wulf Hall zu sein. Cathies Gedanken „Dieses Wulf Hall aber kann von dieser Erde nicht sein. Es ist die Insel Utopia, die Burg Camelot.“  Sagt für mich so viel  und eigentlich alles aus. Wulf Hall ist ein kleines Paradies, eine Zuflucht, ein Zuhause, selbst für die, die dort nicht aufgewachsen sind.

Aber es ist nicht nur ein Roman über die Seymours, es ist ein Roman, der so viele wunderbare Aspekte umfasst: die englische Geschichte, Religion, Liebe, Verrat, Hass Tod…vor allem aber Freundschaft. Gerade die Szenen in denen beispielsweise die tiefe Freundschaft zwischen Cranmer und Edward oder auch zwischen Kate und Cathie deutlch wurde, haben mir sehr gut gefallen.

Die Gestaltung der Geschichte und Erzählweise von Charlotte Lyne hat mir im großen und Ganzen sehr gut gefallen, auch wenn ich ein paar kleine Kritikpunkte habe. Grundsätzlich halte ich den Roman für hervorragend recherchiert, allerdings hätte mir die ein oder andere wichtige Begebenheit und/ oder Verbindung bzw. Verwicklung in historischer Sicht etwas klarer rüberkommen können. Dies ist mir vor allem bei der Figur von Anne Boleyn und den damaligen Intrigen und Zuständen am englischen Königshof aufgefallen. Ich wollte weiß Gott keinen weiteren Anne-Boleyn-Roman haben, aber ein paar erklärende Abschnitte oder Seiten mehr hätten mir für die Klarheit der Geschichte gut getan. Gerade bei den geschichtlichen Begebenheiten auch um die Gründung der anglikanischen Kirche hatte ich auch öfter das Gefühl, dass ich hellwach sein muss, um alles zu verstehen. Es ist ein anspruchsvoller Roman, den man lieber in großen Abschnitten und hellwach lesen sollte, weil sonst vielleicht auch die ein oder andere feine Nuance nicht im Gedächtnis haften bleibt, Vielleicht ist auch die zwischenzeitliche Müdigkeit und Abgelenktheit daran schuld, dass ich mich mitunter zu sehr als Beobachter gefühlt habe und zu wenig in die Geschichte eintauchen konnte. Auf der anderen Seiten will man vielleicht den Schrecken, die Willkür und Grausamkeit, die Henry VIII während seiner Regierungszeit teilweise verbreitet hat auch nicht wirklich miterlebt haben.

Grundsätzlich aber liebe ich den Ansatz der Autorin die Regierungszeit von Henry VIII durch die Augen der Seymours und seiner sechsten Ehefrau betrachten zu können. Allerdings waren es mir doch teilweise zu viele Sichtweisen, denn es kam ja auch noch die Sichtweise eines Cranmers und einer Anne Stanhope (Edward Seymours Frau) und einer Elisabeth, hinzu. Natürlich bekommen wir so ein besonders breites und ausführliches Spektrum der Geschichte geboten, aber es war mir einfach teilweise ein wenig zu viel Perspektivenwechsel.

Ganz hervorragend fand ich hingegen, wie Charlotte Lyne den Brauch von Twelfthnight wie einen roten Faden durch das ganze Buch zieht. Charlotte Lyne macht dem Lust darauf, eine Zwölfnacht in England mitzuerleben, auch wenn die Bräuche heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so exzessiv gelebt werden wie im 16. Jahrhundert. Auch das wunderbare, alte englischen Weihnachtslied über die 12 Weihnachtsnächte spielt im Roman immer eine wichtige Rolle und wird vor allem in Cathies Angst vor den Trommeln de 12. Nacht deutlich. Auch wenn das Ende des Romans unendlich traurig ist in meinen Augen, bin ich doch froh, dass die Autorin an der tatsächlichen Geschichte nichts geändert hat, auch wenn das für die Hauptfiguren Cathie und Tom mitunter wirklich bitter, traurig und vor allem total ungerecht ist.

Die Liebesgeschichte von Catherine Parr und Thomas Seymour fand ich absolut wunderbar, tief bewegend aber auch unendlich traurig. Von Anfang an war sehr deutlich zu spüren, dass die beiden auch eine tiefe Freundschaft verbindet. Dennoch die Entwicklung ihrer Liebe und ihres gemeinsamen Glückes hätte ich mir anders gewünscht, auch wenn es den hist. Tatsachen nicht entsprochen hätte, aber immer wieder habe ich mich dabei ertappt, dass ich mich gewünscht habe, dass Charlotte Lyne die Geschichte umschreiben kann, auch wenn ich natürlich wg. der Glaubhaftigkeit und meiner Vorliebe für die Geschichte England froh bin, dass sie es nicht getan hat, aber Gott ist da eindeutig sehr ungerecht vorgegangen mit Cathie und Tom und dass Tom da zwischenzeitlich seinen Glauben verliert ist nur zu gut nachvollziehbar. Genauso wenig wie ein Robin of Waringham in "Die Hüter der Rose" sterben darf, darf der olle Henry Tom seine Cathie wegnehmen. Das geht gar nicht !!! Ich habe so sehr mit Tom und Cathie gelitten, dass mir allein bei der Erinnerung wieder die Tränen in die Augen treten. Von den beiden Hauptfiguren ist mir Tom lieber als Cathie. Ich mag Cathie zwar, und ich bewundere sie dafür, wie sie ihr Schicksal trägt, wie stark sie ist, aber sie ist mir oft nicht lebendig genug, an und für sich von ihrem Charakter her schon, aber sie springt nicht aus dem Buch heraus, wie es ein Tom  tut.

Tom hingegen ist so lebendig, wie es eine Romanfigur nur sein kann. Ich kann ihn nicht immer leiden, verachte ihn für sein Verhalten der holden Weiblichkeit gegenüber, aber ich bin sicher, dass ich seinem Charme ebenfalls verfallen wäre, weil er halt einfach doch ein ungeheuer faszinierendes Mannsbild ist.. Dennoch gerade im ersten Drittel des Buches war ich mir seiner nicht sicher und ich wusste auch nicht, ob er gut für Cathie wäre, ob er wirklich vertrauenswürdig ist. Oftmals verstehe ich ihn und seine Handlungen auch nicht, er ist so lebendig und vital, aber ich frage mich, warum er nicht mehr für seine Liebe zu Cathie gekämpft hat. Er wirkte da auf mich echt manchmal ein wenig tatenlos, was eigentlich gar nicht zu ihm passt. Und sich immer nur auf den Spruch der Seymours „Unser Tag wird kommen“ zu berufen, kann irgendwann auch zu spät sein und in die Hose gehen. Nichtsdestotrotz, Cranmers Satz über Tom sagt eigentlich alles aus, denn genau so ist Tom; „Manche Menschen zwingen uns sie ein wenig mehr als andere zu lieben. Mir gefällt der nicht unblasphemische Gedanke, Gott habe gelächelt, als er sie schuf.“ Und dennoch ein Mensch mit Ecken und Kanten und Fehlern.

Generell haben mir die Figuren des Romans sehr gut gefallen. Sie haben alle eine Entwicklung durchgemacht, sind nicht stehengeblieben, auch wenn man mit dem Weg, den sie manchmal eingeschlagen haben, als Leser nicht immer einverstanden ist. Die Entwicklung des Königs, der nicht nur immer dicker, sondern auch immer mehr zum Pulverfass wird, das kurz davor ist, in die Luft zu gehen und alles mit sich zu reißen, wie auch die erschreckende und schockierende Entwicklung eines Edward Seymours oder einer Anne Stanhope waren sehr spannend zu beobachten. Auch wenn ich eine Anne Stanhope wirklich verachte, so habe ich bei ihr aber auch immer noch im Hinterkopf, was bzw. wer sie zu dem gemacht hat und ein winziger Rest Verständnis habe ich mir doch für sie bewahren können.

Mein persönlicher Liebling des Romans war Prinzessin Elisabeth. Sie tat mir so leid, wie sie nach Anerkennung lechzt, die sie wahrlich verdient hätte. Sie ist im Laufe des Romans erwachsen geworden, ein Mensch, über den ich von Charlotte Lyne gerne mehr lesen würde.

Alles in allem ist „Die zwölfte Nacht“ von Charlotte Lyne ein wundervoller hist. Roman, der Lust auf einen Besuch in England zu den Schauplätzen der Geschichte macht, die Geschichte Englands lebendig macht und ein wundervolle, aber auch traurige Liebesgeschichte erzählt. Auch wenn ich mir den letzten Abschnitt, „die zwölfte Nacht“ gerne geschenkt hätte um den Gedanken genießen zu können, dass Cathie und Tom bis an ihr Lebensende glücklich und zufrieden weiterleben konnten, so war das Ende für mich zwar entsetzlich traurig, aber es war in sich stimmig. Das Buch wird in meinen Augen durch ein wunderschönes Cover und einen mehrseitigen Anhang mit Glossar, detailliertem Personenverzeichnis und einem Nachwort der Autorin abgerundet.

Bewertung:
1-


lg
kathrin
Rock the Night!