Christoph Marzi - Lycidas

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Offline Mobi

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Christoph Marzi - Lycidas
« am: 22. September 2007, 19:01:43 »
Hallo!

Ich möchte euch meine Rezi zu Lycidas nicht vorenthalten:


Ich bin nicht mit allzu großen Erwartungen an das Buch herangegangen, weil ich schon sehr unterschiedliche Rezensionen gelesen hatte. Das war auch gut so, denn das Buch hat mich nicht richtig gepackt. Ich fand es zwar teilweise ziemlich spannend, aber sobald ich es weggelegt habe, habe ich nicht mehr darüber nachgedacht und ich hatte auch nicht dieses 'Ich-muss-sofort-weiterlesen'...

Besonders gut gefallen an diesem Buch, haben mir die Charaktere. Wirklich sehr einfallsreich und vor allem weiß man bei ihnen nie, woran man ist. Als man die am Anfang durch und durch böse geglaubten Figuren näher kennenlernt, stellt sich heraus, dass sie aus sehr nachvollziehbaren und teilweise guten Motiven gehandelt haben.
Genauso kann es passieren, dass eine sehr sympathische Person als eine intrigante und herzlose Person entlarvt wird. Das macht das Ganze sehr spannend und man weiß bis zum Schluss nicht, wie man die einzelnen Figuren einschätzen soll. Es gibt überhaupt keine Schwarz-Weiß Malerei und das hat mich sehr beeindruckt.

Die Sprache wurde von vielen kritisiert, vor allem Wittgensteins 'Dieses Kind!' und 'Fragen Sie nicht!'. Am Anfang fand ich es etwas befremdlich, aber diese Ausdrücke passen einfach super zu Wittgenstein und ohne sie wäre er nicht derselbe. Ich fand sie an sich eigentlich nicht so lustig, aber als Emily dann anfängt, ihn nachzumachen und im passendsten Augenblick sagt: 'Fragen Sie nicht!', das war einfach göttlich

Die Idee der uralten Metropole ist sehr ungewöhnlich, vor allem was die Zeit betrifft. Das macht die Geschichte sehr interessant, allerdings hat mir die Verwendung von bekannten Geschichten und Figuren nicht gefallen. Hin und wieder eine Anspielung wäre ok gewesen, aber Marzi hat seine Geschichte mehr oder weniger aus bekannten Motiven zusammengeschustert. Sehr viele Ideen sind einfach nur übernommen (zB. Lucifer oder der Golem) und ich erwarte bei Fantasy eigentlich schon, dass der Autor seine eigene Welt und auch seine eigenen Figuren erschafft. Nichtsdestotrotz sind die verschiedenen Elemente gut zusammengefügt und wer sich bei sowas auskennt und das Suchen Spaß macht, wird damit wahrscheinlich seine Freude haben.

Oft wird die Geschichte rückwärts erzählt, dh. eine Bemerkung fällt und dann wird dazu erst die Vorgeschichte erzählt. Das macht es teilweise mühsam und nach einigen Malen fand ich es nicht mehr spannend sondern eher nervig. Einmal fand ich es geradezu langweilig, weil man schon wusste, wie der gerade erzählte Erzählstrang enden würde.

Insgesamt jedoch eine gute Unterhaltung und vor allem in der Leserunde schön, durch die interessante Diskussion und die Verweise auf bekannte Elemente (die ich überlesen hätte *g*).

Das Buch bekommt von mir eine 3+ :

Lg, Andrea

Offline Lannie

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Re: Christoph Marzi - Lycidas
« Antwort #1 am: 23. Juli 2008, 13:02:32 »
[isbn]3453530063[/isbn]  Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-53006-5
Seiten: 864
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 14,00
ET: 12.2004


Kurzbeschreibung

Als die kleine Emily eines Nachts Besuch von einer sprechenden Ratte erhält, weiß sie, dass nichts in ihrem Leben so bleiben wird, wie es einmal war. Nicht, dass sie ein gutes Leben in dem kleinen Waisenhaus in einem Armenviertel Londons führen würde. Doch dass sie auf der Suche nach dem Geheimnis ihrer Herkunft eine phantastische Stadt unter den Straßen Londons entdecken würde und schon bald von den seltsamsten Wesen verfolgt wird – das hätte sich Emily selbst in ihren kühnsten Träumen nicht ausgedacht.     

Meine Meinung

„Lycidas“ ist der Auftakt zu der Fantasy-Reihe um die Uralte Metropole. Es ist der erste Roman, den ich von Christoph Marzi gelesen habe und ich bin äußerst vorsichtig an das Buch heran gegangen, da ich mit Fantasy doch häufig so meine Probleme habe. Mit Marzis Fantasy habe ich scheinbar keinerlei Schwierigkeiten, denn mir hat das Buch wirklich ausnehmend gut gefallen, selbst an den unterschiedlichsten Fantasygestalten und -elementen habe ich mich kein einziges Mal gestört. Somit ist wohl klar, dass ich demnächst mit der Fortsetzung „Lilith“ wieder in die Uralte Metropole hinabsteigen werde.

Sprachlich und stilistisch hat mir das Buch bis auf ein paar Kleinigkeiten äußerst gut gefallen. Der Autor schreibt erfrischend anders, oft in sehr kurzen, prägnanten Sätzen, die in meinen Augen unheimlich viel Tempo und Schwung in die Geschichte bringen. Auch sind viele Dialoge mit sehr sympathischem und greifbaren Humor gespickt, was mich wirklich oft zum Schmunzeln brachte. Zwar ist es zunächst verwirrend, dass der Ich-Erzähler nicht die vermeintliche Hauptfigur ist und die Perspektiven unglaublich schnell und überraschend gewechselt werden, aber hat man sich erst daran gewöhnt, dann ist diese Art des Erzählens ein wirklich großer Gewinn für den Roman. Auch hat Christoph Marzi ein wunderbares Talent, greifbare und dichte Atmosphären zu schaffen und lässt den Leser ganz und gar in seiner Welt eintauchen. Allerdings wiederholt der Autor gerne und ausführlich bereits eingehend behandelte Ereignisse des Romans, was mich gerade in der zweiten Hälfte doch öfters gestört hat. Wären Ereignisse und Begebenheiten aus „Lycidas“ in den Fortsetzungen „Lilith“ und „Lumen“ nochmal aufgerollt worden, hätte ich dies als sinnvoll und nachvollziehbar angesehen. Hier hat es mich gestört, da es in meinen Augen nicht einmal als Stilmittel wirklich gewirkt hat. Aber ansonsten kann ich an Sprache und Stil nicht das geringste aussetzen. Christoph Marzi konnte mich mit seinem Erzähltalent die meiste Zeit absolut verzaubern und in eine phantastische Welt entführen, der ich mich kaum entziehen konnte.

Die Handlung selbst ist verwirrend aber absolut genial ausgeklügelt, und am Ende entwirren sich auch alle Fäden der Geschichte. Der Autor knüpft Verbindungen zu historischen Persönlichkeiten, verwebt diese mit seiner phantastischen Handlung und das derart plausibel, dass man versucht ist, dieses Fantasy-Gebilde für bare Münze zu nehmen. Auch finden sich für den aufmerksamen Leser in der Handlung immer wieder Querverweise zu Märchen, Mythen, Legenden und anderen Romanen wieder, so dass das Lesen das reinste Erlebnis ist, voller Überraschungen und Wendungen, die man nicht ein Mal voraussehen kann. Spannend, packend, nicht mehr los lassend erzählt der Autor seine Geschichte. Humorvoll ist sie, aber auch düster, geheimnisvoll und grausam, bedrückend, aber auch erheiternd und berührend und schlussendlich einfach nur genial mit unglaublichen Ideen gespickt.

Die Figuren erfassen fast die ganze Bandbreite der Phantasie. Egal ob Mensch, Elf, Lykanthrop oder sonstige Phantasiegestalt, alle Figuren konnte ich mir nahezu perfekt bildlich vorstellen und alle wirken greifbar und ausgefeilt. Allerdings konnte ich keine eindeutige Bezugsperson für mich finden. Zwar waren mir viele Figuren äußerst sympathisch und einige habe ich wirklich ins Herz geschlossen, aber keine kam mir emotional so richtig nah. Das finde ich etwas bedauerlich, denn Marzis Figuren sind umwerfend und je nach charakterlicher Anlage auch durchaus vielschichtig. Aber ich habe Freunde unter ihnen gefunden und vielleicht baut sich ja in einer der Fortsetzungen eine emotionale Beziehung zu einem der Protagonisten auf. Warten wir es ab...

Fazit: Ein umwerfendes Buch, mit wahrlich genialen Verwicklungen, sympathischen Helden und einem ausnehmend erfrischenden und Tempo reichen Stil. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen in der Uralten Metropole...

Bewertung

(Note: 2)
« Letzte Änderung: 09. September 2008, 15:26:17 von Lannie »
Liebe Grüße
Lannie aka Cait

The Viewfinder