Louise Kennedy: Übertretung

Begonnen von Kathrin, 11. Januar 2026, 11:56:10

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Kathrin

Übertretung von Louise Kennedy

Herausgeber ‏ : ‎ Steidl Verlag
Erscheinungstermin ‏ : ‎ 10. August 2023
Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3969992591

Inhalt
Jeden Tag, während Cushla Lavery ihrer alkoholkranken Mutter das Frühstück macht, sich im Garten mit dem Nachbarn unterhält, ihre Grundschüler unterrichtet oder in der Bar ihrer Familie aushilft, werden die Toten und die Verletzten gezählt. Es ist 1975, und in Belfast eskaliert der Bürgerkrieg. Die katholischen Laverys betreiben ihren Pub in einer überwiegend protestantischen Vorstadt. Sie müssen vorsichtig sein – ein falsches Wort, schon findet man sich auf einer Todesliste wieder. In diesem »Höllenloch« gibt es vieles, was man besser nicht tut. Sich in einen verheirateten Mann verlieben, der nicht nur ein wohlhabender, angesehener Prozessanwalt ist, sondern auch noch Protestant. Sich einmischen, wenn ein Schüler schikaniert und sein Vater fast totgeprügelt wird. Gegen jede Vernunft beginnt Cushla eine leidenschaftliche Affäre mit dem deutlich älteren Michael Agnew, gegen jede Vernunft setzt sie sich für den kleinen Davy ein – und bezahlt einen hohen Preis. Louise Kennedys international gefeierter Roman erzählt von einer tief gespaltenen Gesellschaft, von einem Konflikt, dessen Wunden bis heute nicht geheilt sind, von Menschen, die versuchen, inmitten täglich stattfindender Gewalt ein normales Leben zu führen. Ein herzzerreißendes, bittersüßes, unvergessliches Buch.

Meine Meinung:
Mit ,,Übertretung" von Louise Kennedy fing ein leider etwas zäher und unbefriedigender Leseherbst für mich an und somit wurde dieses Buch zu einem der enttäuschendsten Bücher für mich im Lesejahr 2025, vermutlich aber auch, weil ich aufgrund des thematischen Hintergrunds so viel mehr davon erwartet habe.

Wir befinden uns in den 70er Jahren in Nordirland und der Nordirlandkonflikt fordert viele Tote und Verletzte. Wir sind an der Seite von Cushla Lavery  eine Katholikin, deren Familie ein Pub in einer überwiegend protestantischen Vorstand Belfasts betreibt und deren Mutter alkoholkrank ist. Cushla während dieser politisch so unruhigen Zeit zu begleiten, wie sie sich als Lehrerin um den kleinen Davy und dessen Familie kümmert und eine Affaire mit einer verheirateten Protestanten eingeht, wie auch die ganze Situation insgesamt in Nordirland birgt viel Potenzial, doch leider hat die Autorin mit ihrer Art diese Geschichte zu erzählen mich nicht erreichen können.

Schwierig ist für mich vor allem, dass die Gefühlswelt der Figuren zu kurz kommt und das Buch zu emotionslos erzählt wird. Das Buch zeigt zwar sehr deutlich, wie sich der bereits seit Jahrzehnten schwelende Nordirlandkonflikt auf das Leben der Menschen auswirkt, egal welche Gesellschaftsschicht, welchem Glauben sie angehören. Aber es wirkt, als ob der Terror, die Gewalt fast schon als Normalität, als Selbstverständlichkeit von den Menschen hingenommen werden.  Sie wirken abgestumpft und das ist vielleicht sogar verständlich und ein Stückweit realistisch dargestellt. Aber so etwas darf niemals Selbstverständlichkeit sein, und unsere Protagonistin Cushla versucht ja auch mit ihren Mitteln etwas zu unternehmen, indem sie sich z.B. um den kleinen Davy und seine Familie kümmert. Aber Cushla kommt mir nicht nahe. Eigentlich müsste sie mir unendlich sympathisch sein, ich müsste sie gerne begleiten, aber leider ist sie mir mehr oder weniger einfach egal und nach 4-5 Monaten ist nicht wirklich viel von ihr, ihrer Familie und ihrer Geschichte bei mir hängen geblieben. Auch hat die Autorin in meinen Augen in den ersten beiden Dritteln viel zu viel Zeit vor allem mit Cushlas Liebesgeschichte vergeudet. Das Buch hätte zwar ohne diese Liebesgeschichte vermutlich nicht wirklich funktioniert, aber wenn schon Liebesgeschichte, dann will ich diese wenigstens halbwegs fühlen können.

Auch der geschichtliche, politische Hintergrund ist in meinen Augen nicht gut über diesen Roman rübergekommen. Wir werden eiskalt in die Geschichte des Buches und des Nordirlandkonflikts hineingeworfen,  Es wird zu viel Hintergrundwissen vorausgesetzt, was nicht weiter schlimm ist, wenn denn Hintergrundinformationen z.B. in einem erklärenden Nachwort oder einer Zeittafel geliefert worden wären. Aber alles, was ich nun über den Nordirlandkonflikt hinzugelernt habe, habe ich nicht über das Buch erfahren, sondern musste ich mir nebenbei über eigene Recherche aneignen. Auch die ergänzende Eigenrecherche ist nicht tragisch, das mache ich schon auch gerne, aber von der Autorin kam dieser Hinsicht so gut wie nichts und leider waren auch die Anmerkungen zu deutschen Übersetzung, die sich hinten im Buch befinden, nur bedingt hilfreich. Das war mir letztlich einfach zu wenig.

Alles in allem war es wohl nicht mein Buch oder das falsche Buch für mich für eine falsche Zeit, in der mein Kopf zu vollgestopft war und wohl etwas Leichteres brauchte.

Bewertung
 :Box1:  :Box1:  :Box_grau1:  :Box_grau1:  :Box_grau1:
Rock the Night!