Wer ist eigentlich Paul? Maries Tagebuch - Anette Göttlicher

Begonnen von Tintagel, 31. Januar 2008, 22:16:09

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Tintagel



,,Paul ... Wer ist eigentlich Paul?"

Diesen Satz kennen die meisten von uns. Allerdings eher im Zusammenhang mit einer TV-Werbung als im Zusammenhang mit einem Buch. Im Grunde ist es nicht mal ein Buch, denn Wer ist eigentlich Paul? ist das erste Buch zu der Romanreihe Maries Tagebuch.

Marie ... Wer ist eigentlich Marie?...

... wäre dann die wohl nächste logische Frage. Marie ist eine Münchner Single-Frau und damit eigentlich recht zufrieden. Sie hat eine hübsche kleine Wohnung, mehrere Jobs mit denen sie sich ein doch recht gutes Leben inklusive Studium finanziert, einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, und nicht zuletzt hat sie Paul. Jedenfalls immer mal wieder. Denn Paul zeichnet sich vordergründig dadurch aus, lediglich Stippvisiten in Maries Leben zu geben.

Paul hingegen ist groß, blond, hat breite Schultern und ein charismatisches Äußeres. Ein Blick (oder eine SMS) von ihm genügen, um Marie immer wieder den Boden unter den Füßen zu entziehen. Charakteristisch für Maries Beziehung zu Paul sind kurze Augenblicke des Glücks und dann wieder lange Monate ohne auch nur dem geringsten Lebenszeichen von ihm.
Marie schwankt: Entweder es ist ihm was schlimmes passiert (Mord und Totschlag / Unfall) oder aber er kann sich schlicht nicht melden (Geheimdienstaktivitäten die so geheim sind, dass selbst Paul nicht weiß, was er eigentlich macht). Am unwahrscheinlichsten ist doch wohl, das er sich schlicht nicht bei ihr melden mag. Oder doch nicht? Also beschließt Marie, Paul rigoros aus ihrem Leben zu streichen. Mit Hilfe von Freunden funktioniert das auch recht gut, bis ... ja ... bis sich Paul wieder meldet.

Tagebuch schreiben – ein Mittel gegen alles ?!


So kommt es, das Marie beginnt, ihr Leben mit und um Paul aufzuzeichnen. Diese schriftlichen Selbstgespräche bieten dem Leser einen Blick in Maries Kopf. Da Marie auch vor sich selbst nichts beschönigt in ihren Aufzeichnungen und sich nicht zu schade ist, auch die größten –vermeindlichen- Fehler vor ihrer Leserschaft darzulegen, fällt es auch nicht schwer, sich mit Marie zu identifizieren. Oftmals führen die einzelnen Begebenheiten dem Leser seine eigene Vergangenheit vor Augen, und schnell stellt man beim schmökern fest: ,,Ich habe ja auch einen Paul!"

Der flüssige Stil, in dem Anette Göttlicher Maries Tagebuch verfasst hat, macht es dem Leser leicht, seine unmittelbare Umgebung zu vergessen und sich mit Marie zusammen ins Großstadtleben zu stürzen. Die vielen örtlichen Begebenheiten, die vielen Großstadteindrücke, und die vielen Plätze, die in Maries Tagebuch eingebracht, verarbeitet und vorgestellt werden, vermitteln dem Leser das Gefühl, München und Umgebung selbst zu kennen, auch wenn man noch nie selbst dort war.

Sicherlich ist Maries Tagebuch an manchen Stellen ein wenig überspitzt, und Marie selbst hier und da ein wenig sehr naiv dargestellt. Aber dennoch hat das Buch einen hohen Selbsterkennungswert bei dem Leser. Immer wieder wird man – oder Frau – für sich selbst feststellen, eine ähnliche Situation auch schon mal durchlebt zu haben. Dieses alltägliche in einer weniger alltäglichen Form zu finden, macht Spaß und bereitet ein paar sehr angenehme Lesestunden.

Marie selbst wird zu einer Art Freundin. Man lernt sie und ihre Eigenarten kennen, mag ihre Verrücktheiten und ist auch fähig, sie manchmal maßlos zu bedauern. Marie ist keine Fremde mehr und am Ende des ersten Bandes freut man sich auf ein Wiedersehen mit ihr – und vielleicht auch auf ein Wiedersehen mit Paul. Auch wenn man zum Schluß immer noch nicht so recht weiß, wer zum Geier Paul eigentlich nun ist...

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