Lilli Tollkien - Mit beiden Händen den Himmel stützen

Begonnen von Inge78, 26. August 2026, 08:35:42

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Inge78

ZitatEine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird.


Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.


Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft.


»Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt – und gerade deshalb lesen muss.« Mareike Fallwickl


»Nach der ersten Seite war ich erschüttert, nach dem ersten Kapitel gefesselt. Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.« Edgar Rai


Lale wächst in einer Berliner Männerkommune der frühen 1980er-Jahre auf, in einer Welt, in der Freiheit, Selbstverwirklichung und politische Ideale großgeschrieben werden. Doch hinter dieser vermeintlich grenzenlosen Freiheit erlebt sie als Kind vor allem Orientierungslosigkeit und Vernachlässigung, und ja auch Missbrauch, körperlich wie seelisch. Während die Erwachsenen ihre eigenen Vorstellungen von einem anderen Leben verfolgen, bleibt Lale mit ihren Ängsten und Bedürfnissen weitgehend allein.

Besonders eindringlich fand ich, dass die Geschichte konsequent aus Lales Perspektive erzählt wird. Dadurch erlebt man ihre Kindheit nicht mit dem Wissen und der Distanz eines Erwachsenen, sondern versucht gemeinsam mit ihr zu verstehen, was um sie herum passiert. Vieles wird von ihr als normal wahrgenommen, obwohl wir als Leserinnen und Leser längst erkennen, wie verstörend und belastend ihre Lebenssituation tatsächlich ist. Gerade diese Diskrepanz hat mich beim Lesen immer wieder getroffen.

Auch die Sprache hat mir sehr gut gefallen. Sie ist bildhaft und teilweise poetisch, gleichzeitig aber erstaunlich nüchtern. Die Autorin beschreibt schwierige und teilweise erschütternde Situationen, ohne sie unnötig dramatisch auszuschmücken. Gerade dadurch wirken manche Szenen besonders nach.

Das Buch hat bei mir vor allem die Frage hinterlassen, was Freiheit eigentlich bedeutet, wenn diejenigen, die sie für sich beanspruchen, dabei die Verantwortung für ein Kind vergessen. Die alternative Szene der 1980er-Jahre wird hier nicht einfach verurteilt, aber ihre Schattenseiten werden sehr deutlich sichtbar. Für Lale bedeutet die Freiheit der Erwachsenen lange Zeit vor allem, dass niemand wirklich für sie da ist.

Ein teilweise schwer zu lesendes, aber sehr beeindruckendes Buch über eine ungewöhnliche Kindheit, Vernachlässigung und den schwierigen Weg, sich irgendwann selbst ein Zuhause und eine eigene Identität zu schaffen. Ich kann gut nachvollziehen, warum dieses Buch auf der Longlist gelandet ist.

[note 2]
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.
(aus "ES" von Stephen King)

Fiktion ist wie ein Spinnennetz, das, auch wenn nur vielleicht ganz leicht, an allen vier Ecke des Lebens befestigt ist.
- Virginia Woolf

Esmeralda

Life is too short to read bad books. 

Kathrin

Danke Dir, Inge für Deine Meinung zu dem Buch. Ich habe es auch auf meiner WuLi.
Rock the Night!