Tanz unter Sternen - Titus Müller

Begonnen von Kathrin, 31. Mai 2013, 14:27:02

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Kathrin

[isbn]3896674560[/isbn] Karl Blessing Verlag
ISBN: 3896674560
Seiten: 398
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 19,95

Inhalt:
ür Nele Stern wird ein Lebenstraum wahr: Als Barfußtänzerin feiert sie ihren ersten Soloauftritt im renommiertesten Varieté ihrer Zeit, dem Berliner Wintergarten. Doch sie fällt beim Publikum als zu prüde durch. Da sie auch in Paris keine Auftrittsmöglichkeiten findet, beschließt sie, nach Amerika auszuwandern: Das Geld reicht gerade noch für eine Fahrt in der 3. Klasse der Titanic. Als sie sich an Bord des Luxusliners zu einem Diebstahl hinreißen lässt, lernt sie Matheus kennen, einen ebenso liebenswürdigen wie hypochondrischen Pastor aus Berlin. Er reist mit Frau und Kind, durchlebt aber offensichtlich gerade eine Ehekrise. Ungeniert flirtet seine Frau, die aus gutem Hause kommt und deren Vater der Hofbankier des deutschen Kaisers ist, mit einem jungen Engländer, der sich höchst verdächtig benimmt. Tatsächlich ist er ein Spion der britischen Krone, und er hat sich keineswegs zufällig auf die Frau des Pastors kapriziert, sondern will über sie an geheime Dokumente des Hofbankiers herankommen. Der Zusammenstoß der Titanic mit einem Eisberg stürzt die Reisenden in einen Mahlstrom aus Wasser und Eis – und setzt Liebe und Freundschaft einer weiteren Zerreißprobe aus. In diesem ebenso brillant recherchierten wie fesselnd erzählten Roman wirft Titus Müller ein neues Licht auf die Bedeutung der Titanic in der Zeit europäischer Aufrüstung und schildert einfühlsam Menschen am Scheideweg ihres Lebens.

Meine Meinung:
Auf den Titanic-Roman ,,Tanz unter Sternen" von Titus Müller habe ich mich sehr gefreut, denn mich fasziniert das Titanic-Thema extrem. Ich finde das Schiff, den Mythos der Unsinkbarkeit, die ganze Geschichten und Schicksale einfach unendlich spannend, bewegend aber auch unendlich traurig. Auch macht mich das Verhalten mancher Menschen auf dem Schiff sehr wütend. Ich schaue mir gerne Dokumentationen zur Titanic an und habe aber auch jedesmal einen dicken Kloß im Hals dabei.

Leider hat das Buch für mich seine Höhen und Tiefen. Der Anfang ist mir beispielsweise zu ruhig. Der Lesefluss ist zwar von Beginn an gut, aber mir fehlte auf den ersten 50 Seiten die Aufbruchsstimmung, die Freude der Menschen auf das Schiff, letztlich das Schiff selbst. Es hat einige Zeit gedauert, bis wir sie endlich sehen durften – die Titanic. Aber mit dem ersten Blick auf dieses Schiff entwickelt das Buch einen unwiderstehlichen Sog auf mich. Das Kopfkino hat auch vorher schon funktioniert,  zum Beispiel bei Neles Tanzerei, da wurde mir richtiggehend schwindelig, aber  mit dem Schiff endlich wurden die Bilder ein rauschendes farbenfrohes Fest und ich war mittendrin.

Spannend finde ich viele der Romanfiguren. Zum Beispiel die Familie Singvogel – die kamen direkt bei mir an. Vor allem die beiden Erwachsenen, Cäcilie und Matheus haben von Anfang an so ein richtig schönes Profil mit Ecken und Kanten und Fehlern. Cäcilie finde ich z.B. ziemlich anstrengend. Ich habe für vieles Verständnis was sie fühlt, aber letztlich hat sie sich die Ehe mit Matheus und ihr vermeintliches Unglück mit ihm und ihrer Ehe selbst zuzuschreiben. Ich werde sogar richtiggehend wütend auf sie, wenn sie so gar kein Verständnis für ihren Mann hat und so extrem egoistisch ist. Klar, letztlich wäre Matheus mir selbst auch zu langweilig, er ist auch nicht ohne Fehler, da er zum Beispiel seine Gefühle, seine Liebe zu Cäcilie nicht zeigen kann und mit der Ehe und Cäcilie auch einfach überfordert ist. Aber alles in allem bin ich mehr bei ihm als bei ihr. Ich bewundere ihn schon fast, dass er Karten für die Titanic erwirbt, bei seiner panischen Angst, seinen Erlebnissen und seinen Alpträumen. Es ist richtig schrecklich zu sehen, dass Cäcilie das so gar nicht begreift, was er da für sie macht. Der gemeinsame Sohn, Samuel hat mich ebenfalls direkt für sich eingenommen. Aber ich mag Kinder in dem Alter in Büchern eh meist total gerne. Aber er macht mich auch traurig, weil er so allein ist und keine Freunde hat. Da musste ich öfter schwer schlucken.

Mit Nele konnte ich zunächst noch nicht wirklich viel anfangen, auch wenn ich ihren Traum, auf der Bühne zu stehen, sehr gut nachvollziehen kann. Aber sie entwickelt sich von Szene zu Szene weiter, nimmt an Profil zu und wird letztlich zu meiner Lieblingsfigur gemeinsam mit Matheus. Sie sind für mich definitiv zu Helden geworden.

Weniger gelungen finde ich allerdings den Bösewicht des Buches. Mir ist klar, dass es Menschen auf der Titanic gab, die entgegen den Anweisungen der Schiffcrew sich einen Platz in den Rettungsboten ergaunert hatten und dass unser Bösewicht dazugehören würde, okay! ch kann sogar irgendwie verstehen, dass sich jemand in so einer Situation selbst der nächste ist, aber schockierend und erschreckend ist es halt trotzdem - immer wieder! Aber Lyman ist mir in seiner Bösartigkeit, seiner Durchtriebenheit zu extrem geraten. Er hat wirklich alles an negativen Eigenschaften abbekommen, die ein Bösewicht haben kann, und dabei habe ich für Bösewichte in der Regel oft sogar viel übrig, finde sie meist auch noch einen Ticken spannender als die "Guten", aber sie müssen irgendetwas an sich haben, wofür ich sie noch bewundern oder mögen kann. Und das ist bei Lyman definitiv nicht der Fall. Und dann verliebt sich Cäcilie auch noch in ihn...

Tja, und in all dem Gefühlschaos, das wir mit unseren Figuren erleben, steht auf einmal doch der Eisberg im Weg...Shit...irgendwie hofft man ja doch immer, dass das Schiff das Ding nicht rammt, zumal man als Leser ja will, dass zumindest die Guten überleben...Was natürlich nicht komplett der Fall war, wäre auch ein zu schöner Traum gewesen und einfach nicht realistisch, aber fertig gemacht hat mich der Tod der einen Hauptfigur dann doch. Alle, nur nicht er! So schrecklich ich diesen Toten finde, um so bewundernswerter sind dann Menschen, die in solchen Situationen nicht nur an sich und ihre eigene Haut denken, sondern auch selbstlos sich für andere in Gefahr bringen. Vor solchen Menschen kann ich nur den Hut ziehen.

Was das Ende des Romans angeht bin ich genauso zwigespalten wie für den gesamten Roman. Die schnelle Zusammenfassung der Ereignisse und Schicksale nach dem Unglück war so gar nicht mein Ding. Das wirkte auf mich wie im Zeitraffer, zu sehr runtergerattert und leider dadurch auch lieblos. Nur gut, dass der Autor noch zwei Szenen in dieses unwürdige Ende gezaubert hat, die ich sehr mochte.

Bewertung:
[note2-]
Rock the Night!