Die Kalligraphin - Kirsten Schützhofer

Begonnen von Kathrin, 05. Juni 2009, 13:57:16

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Kathrin

[[isbn]3453352696[/isbn]  
Die Kalligraphin von Kirsten Schützhofer
Verlag: Diana Verlag
ISBN: 3453352696
Seiten: 653
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 9,95


Kurzbeschreibung:
Eine starke Frau zwischen Kunst und Verbrechen
1689: Als Sklavin gelangt die junge Habar aus ihrer Heimat Ungarn auf das Gut Schwarzbach in Sachsen. Dort wird das exotisch aussehende Mädchen bestaunt, aber auch wegen seiner Fremdartigkeit und seines muslimischen Glaubens angefeindet. Kraft schöpft sie aus der Kunst der Kalligraphie, die ihr Vater sie gelehrt hat. Als sie jedoch gezwungen wird, diese besondere Fähigkeit zur Fälschung von Dokumenten einzusetzen, gerät Habar in höchste Gefahr ...Ein opulenter, genauestens recherchierter historischer Pageturner - mit Zeittafel und Glossar.

Meine Meinung:
Was für ein Anfang! Direkt von der ersten Seite an zieht mit der dritte Roman von Kirsten Schützhofer ,,Die Kalligraphin" in seinen Bann. Die Eroberung des ungarischen Dorfes Budin und die schrecklichen Gräueltaten, die Habar, die Hauptfigur des Romans und ihr Bruder, wie auch wir als Leser hautnah miterleben müssen, lassen es einem direkt erst mal richtig flau im Magen werden. Auf ein großes Vorgeplänkel zum Kennenlernen der Figuren verzichtet die Autorin dabei, denn eines ist klar, das Leben von Habar und Ibrahim wird sich mit der Ermordung der Eltern und ihrem Schicksal, als Beutetürken nach Deutschland geschleppt zu werden um 180° drehen. Und dabei scheinen Habar und Ibrahim sogar noch Glück im Unglück zu haben, denn sie landen durch ein Glücksspiel bei Georg von Hartleben und der macht eigentlich von Anfang an einen recht netten Eindruck.

Und mit Georg von Hartleben bin ich eigentlich schon für diesen Roman bei dem A und O angekommen, denn wenn Kirsten Schützhofer etwas kann, dann ist es, ihre Romanfiguren lebendig werden zu lassen. Die Gefühle der einzelnen Figuren  - egal ob Hauptfigur oder Nebenfigur – sind für mich immer extrem gut nachvollziehbar. Ein Beispiel hierfür ist die Begutachtung der Kinder durch das Küchenpersonal bei den von Hartlebens und da vor allem die Gefühle von Habar und Ibrahim, sprich die Scham und die Wut über diese Behandlung, aber auch ihre Ohnmacht, dass sie sich eigentlich so gar nicht zum Wehr setzen können, gegen Erwachsene, in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen. Auch agieren die Figuren ihren Gefühlen, ihrer Vorgeschichte, ihrer Erziehung und ihrer aktuellen Situation entsprechend folgerichtig und nachvollziehbar für mich, auch wenn ich vielleicht nicht jede Aktion immer wirklich einverstanden bin und dann ggf. die ein oder andere Figur auch mal verdamme für ihre Taten. Außerdem scheinen alle Charaktere noch nicht fertig entwickelt und haben über 600 Seiten lang Zeit, sich in die ein oder andere Richtung zu drehen. Ein Beispiel hierfür ist Georg von Hartleben, der zwar noch kein ,,alter Sack" zu Beginn des Buches ist, aber eben auch kein Jungspunt mehr. Dennoch hat sein Leben immer noch Potential und ist deshalb mindestens eben so spannend zu beobachten, wie die Entwicklung von Habar, Ibrahim oder den anderen jungen Leuten. Ein anderes Beispiel ist Amalia von Schwarzbach, bei der Habar zu einem späteren Zeitpunkt als Zofe arbeitet. Amalia wirkt schon ziemlich verzogen und lässt ihre Stellung ziemlich raushängen als hochwohlgeborene Tochter und gerade ihre Arroganz und ihr egoistisches Verhalten passen 100%ig zu einer doofen, eingebildeten dummen Schnepfe! Dennoch ist auch ihre Entwicklung im Laufe des Romans hoch interessant, spannend und faszinierend.

Ich empfinde es als großes Plus in Kirsten Schützhofers Romanen, dass ich nicht nur mit den Hauptfiguren mitleiden und mitfiebern kann, sondern dass mir eben auch die Nebenfiguren nicht egal sind. In diesem Buch ist es sogar so, dass mich die Hauptfigur des Buches, Habar, weit weniger interessiert hat, als die ein oder andere Nebenfigur. Habar ist mir fast ein wenig zu passiv, wobei das schon auch wieder sehr gut zu ihrer Rolle, die sie bei den von Schwarzbachs als / Gesellschafterin der Tochter spielt, passt. Mit ihrem Bruder Ibrahim konnte ich sogar noch weniger anfangen. Ich habe mich zwar gefreut, dass er in Karl einen guten Freund gefunden hat, dennoch kann ich Ibrahims Haltung nur bedingt verstehen. Natürlich muss er nach vorne schauen, da hat er Recht, die Vergangenheit lässt sich nun mal nicht zurückholen oder die Dinge ungeschehen machen, aber irgendwie kommt es mir bei Ibrahim so vor, als ob er seine Vergangenheit regelrecht leugnen würde.

Jemand, der das Buch gerade erst begonnen hat, wird mich nicht verstehen können, dass ausgerechnet Rupert von Hartleben, Georgs Neffe, sich im Laufe des Buches zu meinen absoluten Lieblingscharakter entwickelt hat. Denn Rupert macht auf den ersten Blick einen ziemlich vom Hass zerfressenen Eindruck und ich könnte mir vorstellen, dass der noch richtig fies wird. Allerdings ist er für mich einfach nicht der typisch böse Charakter des Buches, denn er hat ja auch einen gewissen Grund, manchmal unsympathisch zu reagieren und eigentlich hatte ich auch von Anfang an immer ein wenig Mitleid mit ihm und seiner Situation, denn das Leben war nun wirklich auch nicht sehr fair mit ihm. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass grade durch den frühen Tod der Mutter ihm eine ganze Menge an Liebe in seiner Kindheit gefehlt hat und allein scheint er auch zu sein.

Auch der geschichtliche Hintergrund des Buches war für mich wieder sehr gut dargestellt und interessant. Ich kannte zwar das ein oder andere Buch in dem es um den Krieg/ die Schlachten gegen das osmanische Reich ging, aber über das Schicksal (oder eine mögliches Schicksal) von Beutetürken, die nach Deutschland verschleppt worden sind, habe ich bislang noch nicht gelesen. Auch wenn ich weiß, dass unsere Habar eine fiktive Figur ist, so kann ich der Autorin guten Gewissens glauben, dass so ein Schicksal von Beutetürken in Deutschland ausgesehen haben könnte. Kirsten Schützhofer hat für diesen Roman sehr gut recherchiert und sich in die damalige Zeit und Situation sehr gut hineinversetzt. Dies wurde meiner Meinung nach belohnt, denn die Autorin erzählte in unserer Leserunde, dass sie nach dem Schreiben der Szene über die Eroberung Budins auf einen Wandteppich gestoßen ist, auf dem ein Teil ihrer Szene, für den sie keine hist. Belege hatte, abgebildet ist.

Alles in allem ist es ein wunderbar runder Roman. Die ein oder andere Wende mag vielleicht vorhersehbar gewesen sein, aber sie war vom Verhalten der Charaktere her einfach stimmig. Der Roman bietet viel: tolle Charaktere, spannende, grausame Momente, gut recherchierten hist. Hintergrund, Momente in denen die Zeit still zu stehen scheint und in denen man eine Stecknadel fallen hören könnte und auch eine zarte Liebesgeschichte, ohne Kitsch und Friede-Freude-Eierkuchen-Happy End bekommt man geboten. Kirsten Schützhofer ist für mich eindeutig zu einer "Auto-Buy"-Autorin geworden. Ich bin vielleicht kein großer Fan (mehr) von den ,,Die ...-in"-Romanen, aber wenn Kirsten Schützhofer als Autor auf dem Buch steht, dann sehr sehr gerne auch wieder ein Buch wie ,,Die Kalligraphin". Apropos Titel: die Kalligraphie spielt in diesem Buch lange nicht die Rolle, die ich bei dem Titel erwartet hätte und das ist gut so!!! Einen klitzekleinen Wehrmutstropfen gibt es übrigens doch bei dem Buch: ich finde es schade, dass Wilhelmina und ihre hoffnungslose Liebe so in den Hintergrund rücken muss. Vermutlich hätte diese Geschichte zu viel Platz eingenommen, aber ich hätte nix dagegen gehabt, wenn das Buch dicker gewesen wäre und ich etwas mehr über Wilhelmina hätte lesen dürfen.

Bewertung:
[note1]

lg
kathrin
Rock the Night!