Neil Gaiman - Niemalsland

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Offline Aurian

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Neil Gaiman - Niemalsland
« am: 29. Juli 2010, 22:31:49 »
[isbn]3453137574[/isbn]

OT: Neverwhere
363 Seiten
Heyne Verlag

Inhalt
Unter den Straßen Londons gibt es in verlassenen U-Bahnhöfen und Geisterzügen, Katakomben und Kanälen eine bizarre Welt zwischen Wirklichkeit und Traum - bevölkert von Ungeheuern und Heiligen, Mödern und Engeln. Im Niemalsland erlebt der junge Londoner Geschäftsmann Richard Mayhew, was passieren kann, wenn man einem fremden, verletzten Mädchen auf er Straße zu Hilfe eilt. Als er in sein altes Leben zurückkehren will, muss er feststellen, dass er dort nicht mehr existiert.

Meine Eindrücke:
Nachdem ich schon öfters gelesen habe, dass Christoph Marzi sich bei Lycidas stark von Gaimans Buch hat inspirieren lassen, war ich sehr neugierig darauf. Die Ähnlichkeiten sind teilweise so groß, dass froh bin, dass ich Lycidas zuerst gelesen habe, denn sonst hätte ich beim Lesen sicher Frust geschoben.
Niemalsland ist eine spannende, fantasievolle und düstere Geschichte, in welcher der Autor nicht zimperlich mit den handelnden Personen umgeht. Besonders gruselig sind die Figuren Mr. Croup und Mr. Vandemar, die als Auftragsmörder und Folterknechte mit bösem Humor durch die Handlung flanieren.
Doch es gibt noch mehr markante Figuren, welche die Geschichte beleben und bereichern. Mir hat es vor allem der Maquis de Carabas angetan, ein windiger und aalglatter Typ, der davon lebt anderen einen Gefallen zu tun und der sich wiederum mit einem Gefallen bezahlen lässt.
Die Welt unter London ist eine gefährliche, aber auch fantastische Welt, die oft so düster und beklemmend beschrieben wird, dass ich sie zwar faszinierend finde, aber dort auf keinen Fall leben möchte.
Leider gibt es einige Dinge und Fragen, die bis zum Ende nicht zufriedenstellend aufgelöst werden, oder sogar offen bleiben. Man muss nach eigenen Erklärungen suchen, was ich teilweise etwas unbefriedigend fand.
Außerdem hält sich der Autor, wie schon bei Sternenwanderer, nicht mit ausführlichen Beschreibungen auf. Wenn Richard durch diese versteckte Welt stolpert, werden die einzelnen Stationen zwar beschrieben, aber für meinen Geschmack hätte das ruhig ausführlicher sein können.

Insgesamt ist das Buch ein kurzweiliges und spannendes Leseabenteuer mit einem Hauch Grusel.



LG, Aurian

Offline Kathrin

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Re: Neil Gaiman - Niemalsland
« Antwort #1 am: 18. Januar 2017, 08:20:32 »
[isbn]1472228413[/isbn]neverwhere
Neil Gaiman
Fantasy
Seiten: 435
Verlag: Headline Verlag
Preis: 14,95 Euro

Inhalt:
Richard Mayhew führt ein unaufgeregtes Leben in London, bis ihm eines Tages ein verletztes Mädchen direkt vor die Füße fällt und ihn um Hilfe bittet. Richard willigt ein und gerät dadurch in ein Abenteuer, das er sich in seinen Träumen nicht hätte vorstellen können. Denn Door ist kein gewöhnliches Mädchen, sondern gehört zum verborgenen Reich von "Unter-London". Mit ihr landet Richard in einer Welt, die weit seltsamer und gefährlicher ist, als alles, was er vorher kannte.

Meine Meinung:
„Niemandsland“ von Neil Gaiman ist die Romanversion der BBC-Fernsehserie „Neverwhere“, für die der Autor die Drehbücher geschrieben hatte. Mit der Romanversion konnte der Autor seine Geschichte so erzählen, wie er sie im Kopf hatte, im Gegensatz zur Fernsehversion, für die er Kürzungen vornehmen musste.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, in einer wunderschönen neuen Ausgabe, mit Vorwort, Zeichnungen und einer ergänzenden Kurzgeschichte über einen meiner Lieblingscharaktere, den Marquis. Was die Zeichnungen angeht, bin ich jedoch etwas zwigespalten. Auf der einen Seite finde ich es schön, dass es sie gibt, aber gerade die schrägen Figuren wie den Marquis oder Old Bailey habe ich mir in meinem Kopfkino anders vorgestellt. Für Orte wie die Night’s Bridge jedoch liebe ich die Zeichnungen. Sprachlich stellte das Buch auf Englisch kein Problem dar, im Gegenteil, ich hab es sogar sehr genossen, weil der Autor mit wunderbaren Wortspielereien aufwartet, von denen ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie man sie ähnlich schön ins Deutsche übertragen will.

Die Idee von einer Stadt unter der Stadt, einem Unter-London, liebe ich schon seit langem und auch sonst hat Neil Gaiman wirklich tolle Ideen und Figuren in seinem Roman untergebracht. Doors Zuhause ist so ein Beispiel: Die Vorstellung, dass man von der Eingangshalle in jedes Zimmer gelangen kann, die Zimmer aber alle irgendwo anders sind, also nicht zwingend "im Haus". Super, so ein Haus will ich auch mit Zimmern in Schottland, Südtirol und Tréfelin. Es gibt  extrem faszinierende aber gleichzeitig unheimliche Orte (Knightsbridge oder besser Night’s Bridge) und wunderbar skurile Figuren, die zu Helden werden können.

Generell mag ich die Figuren in der Geschichte sehr gern, auch wenn sie mir im Großen und Ganzen etwas zu schwarz-weiß gemalt sind. In den meisten Fällen sind die Bösen einfach nur böse und die Guten einfach nur gut. Grauschattierungen sind eher selten. Vielleicht fand ich Serpentine und vor allem Hunter deshalb auch so spannend, weil sie in der Hinsicht ein wenig aus der Rolle fielen. Aber trotz der klaren Zuordnung zu Gut und Böse, sind die Figuren sehr unterhaltsam, teilweise biestig böse und verabscheuenswert und dann auch wieder selten dämlich und lustig. Gerade über Mr. Croup und Mr. Vandemar, die eindeutig böse sind, konnte ich mich königlich amüsieren. Die wahren Helden des Buchs sind für mich übrigens nicht Door und Richard, die beiden Hauptfiguren, sondern der Marquis und Old Bailey.

Mein größter Kritikpunkt an „Niemandsland“ ist die Länge, oder besser gesagt, Kürze des Buches. Die ganze Geschichte ist wirklich schön erzählt, aber oft reißt der Autor Ideen nur kurz an, so dass am Ende ein paar Fäden irgendwie lose rumhängen und einige Fragen nicht zufriedenstellend geklärt sind. Diese Fragen sind bestimmt nicht schlachtentscheidend für das Buch, aber ich hätte zum Beispiel gerne mehr über Hunters Vergangenheit erfahren, oder warum die sieben Schwestern seit über 30 Jahren nicht mehr miteinander reden. Ich denke, dass solche weiteren Erklärungen den Figuren auch mehr Profil hätten geben können. Und letzten Endes sind schöne Bücher eigentlich fast immer zu kurz.

Bewertung:
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Offline Kathrin

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Re: Neil Gaiman - Niemalsland
« Antwort #2 am: 18. Januar 2017, 08:21:36 »
Nachtrag zu meiner Rezi:

Als großer Fan der Bücher von Christoph Marzi, die in einer ähnlichen Welt wie Niemandsland, nämlich der Uralten Metropole als Stadt unter der Stadt spielen, möchte ich gerne außerhalb meiner eigentlich Rezension noch ein paar Worte zu dem Vergleich zwischen Marzi und Gaiman schreiben. Und auch auf den Punkt eingehen, dass Marzi ja angeblich so viel von anderen Autoren geklaut habe.

Ja, natürlich ist die Stadt unter der Stadt nicht Christoph Marzis Erfindung und natürlich erinnern auch mich Mr. Wolf und Mr. Fox aus „Lycidas“ und Co an Mr. Croup und Mr. Vandemar aus „Niemandsland.“ Und das sind sicherlich nicht die einzigen Parallelen. Für mich ist das jedoch weniger ein Ideen-Klau als vielmehr eine Hommage an so tolle Ideen anderer Autoren, denn letztlich schreibt Christoph Marzi eine völlig andere Geschichte. Und sein Schreibstil gefällt mir sogar noch deutlich besser. Denn Christoph Marzi tut das, was mir bei Neil Gaiman fehlt. Er schmückt Ideen und Figuren noch viel mehr aus, gibt ihnen viel mehr Profil und Zauberhaftes. Auch die Uralte Metropole ist anders beschrieben als Gaimans Unter-London, bei Christoph Marzi ist alles viel plastischer, lebendiger und auch verzwickter und mysteriöser, was mich persönlich einfach total begeistert hat.

Ich weiß nicht, wie meine Meinung gewesen wäre, wenn ich zuerst „Niemandland“ und dann „Lycidas“ und Co gelesen hätte. Mag sein, dass ich das anders empfunden hätte. Vielleicht hätte ich mich doch besser von dem Vergleich zu Christoph Marzi lösen soll, aber er drängt sich nun einmal ziemlich auf. Und es ist ja auch nicht so, dass ich „Niemandsland“ nicht hätte genießen können.
Rock the Night!

Offline Aurian

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Re: Neil Gaiman - Niemalsland
« Antwort #3 am: 21. Januar 2017, 15:46:49 »
Ja, natürlich ist die Stadt unter der Stadt nicht Christoph Marzis Erfindung und natürlich erinnern auch mich Mr. Wolf und Mr. Fox aus „Lycidas“ und Co an Mr. Croup und Mr. Vandemar aus „Niemandsland.“ Und das sind sicherlich nicht die einzigen Parallelen. Für mich ist das jedoch weniger ein Ideen-Klau als vielmehr eine Hommage an so tolle Ideen anderer Autoren, denn letztlich schreibt Christoph Marzi eine völlig andere Geschichte. Und sein Schreibstil gefällt mir sogar noch deutlich besser. Denn Christoph Marzi tut das, was mir bei Neil Gaiman fehlt. Er schmückt Ideen und Figuren noch viel mehr aus, gibt ihnen viel mehr Profil und Zauberhaftes. Auch die Uralte Metropole ist anders beschrieben als Gaimans Unter-London, bei Christoph Marzi ist alles viel plastischer, lebendiger und auch verzwickter und mysteriöser, was mich persönlich einfach total begeistert hat.

In einigen Punkten kann ich dir nur zustimmen. Marzi hat einen Schreibstil, der mir besser gefällt. Seine Art, Dinge, Menschen und Orte zu beschreiben ist viel eingänglicher.
Inzwischen ist es schon Jahre her, dass ich viel Fantasy gelesen habe, und damals gab es noch mehr Bücher, bei denen ich mich sehr aufgeregt habe, wieviel sich Marzi an Ideen von anderen Autoren ausgeliehen hat. Oft hat er mehr aus diesen Ideen herausgeholt, sie lebendiger geschildert und besser ausgearbeitet. Trotzdem hat es mir damals den Spaß an Marzis Büchern genommen, obwohl es auch einige gab, bei denen ich keine Parallelen zu anderen feststellen konnte.
Nun bin ich einige Jahre älter und etwas entspannter.  :-> Vielleicht sollte ich es einfach als Marzis Talent ansehen, aus vorhandenem Material etwas Neues herauszuholen und es mit seinen Ideen zu etwas Eigenem zu machen.
Zu aktuellen Büchern von ihm kann ich nichts sagen, da ich seit Jahren nichts mehr von ihm gelesen habe.

Offline Inge78

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Re: Neil Gaiman - Niemalsland
« Antwort #4 am: 23. Januar 2017, 10:33:16 »
Ich liebe Marzis Uralte Metropole und ich empfinde es tatsächlich nicht als "Diebstahl" sondern als Inspiration denn für mich hat er neue Geschichten daraus gemacht .
Er hat so viele Ideen neu miteinander verknüpft , und da eine neue Geschichte drum gebaut.
Nur weil irgendwo Gott oder Jesus oder der Teufel vorkommt sagt man ja auch nicht der Autor hat in der Bibel "geklaut"

Und einige so kleine Dinge, wie zB die  Pequot und die immer wieder vorkommenden Anspielungen auf Charles Dickens Romane zeigen für mich seine Liebe zur Literatur
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.