[17. Jh.] Unter der Asche - Tom Finnek

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Offline Annette B.

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[17. Jh.] Unter der Asche - Tom Finnek
« am: 19. Juli 2011, 17:30:41 »

[isbn]3404160517[/isbn]

Taschenbuch: 656 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: 24. Juni 2011
Preis: 9,99 Euro


Zitat von: Amazon de.
Klappentext:
Ein faszinierender Roman rund um das große Feuer von London London 1666 ═ vier Tage lang verschlingt ein Feuer die Stadt. Im Armenviertel Southwark lebt der Straßenjunge Geoff, der mehr schlecht als recht versucht, seine Familie durchzubringen. Seine Schwester Jezebel, die sich in einer verruchten Spelunke als Schankmagd verdingt, birgt ein Geheimnis ═ und verschwindet eines Tages spurlos. Auf der Suche nach ihr stößt Geoff auf ein Netz aus Intrigen, Schuld und ungesühnter Rache ═ ein Gemisch, das schließlich den größten Brand der Geschichte entfachen sollte ...

Meine Meinung:

Dieses Buch hat mich noch lange beschäftigt nachdem ich es beendet hatte und darum hat es auch etwas länger gedauert bis ich wusste, WARUM ich dieses Buch so toll fand.

Das Besondere an diesem historischen Roman ist der Erzählstil, den Tom Finnek gewählt hat.
Der Autor überlässt es quasi seinen Protagonisten ihre Geschichte zu erzählen.

Während der Leser im Prolog die ersten beiden Hauptdarsteller kennen lernt und über die Ereignisse nach dem großen Brand in London informiert wird, ist er auch schon mitten drin in der Geschichte. Denn am Ende des Prologs fordert der Lehrer, den Schüler Geoffrey auf, zur Feder zu greifen.
Geoffrey ist gerade mal 13 Jahre alt und schreibt munter, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, drauf los. Diese kindliche Sichtweise der Ereignisse verzaubert den Leser und zieht ihn schnell in seinen Bann.

Der Autor erzählt hier nicht vom Adel oder von spannenden Intrigen an irgendwelchen Königshöfen. Nein, hier präsentiert ein Autor die ungeschminkte Wahrheit zu dem alltäglichen Überlebenskampf der einfachen Menschen in Londons Straßen und Gassen.
Geoffrey lebt in furchtbar ärmlichen Verhältnissen und von Familienleben kann keine Rede sein, denn er wächst zwischen Gaunern, Säufern und gewalttätigen Menschen auf. Über den Dreck, den Hunger und seine Ängste spricht er nur zwischen den Zeilen, aber da mit besonderer Intensität. Man spürt beim lesen die Gefühle des Jungen, ohne das er sie deutlich beschreibt. Man lacht und leidet mit Geoffrey, denn er ist wirklich clever. Wenn Geoffrey von seiner Familie erzählt und von seinen Erlebnissen, dann entwickelt die Handlung eine sehr emotionale Atmosphäre und dieser junge Held verleiht durch seinen lockeren und kindlich naiven Erzählstil dem Roman einen ganz besonderen Charme.

Aber auch die anderen Protagonisten kommen zu Wort und schreiben ihre Schicksale aus ihrer Sicht auf. Dabei ist ein jeder auf der Suche nach der Wahrheit.
Als Leser spürt man sehr schnell, dass diese Wahrheiten, Ereignisse und auch Schicksale der einzelnen Protagonisten irgendwie zusammen hängen. Allerdings werden die Ereignisse aus so vielen verschieden Perspektiven erzählt, dass man am Ende mehr Wahrheiten hat als einem lieb ist. Dennoch habe ich zum Schluss festgestellt, dass jede Lösung eines Rätsels, auch immer die logische Konsequenz aus der Handlung war. Von daher war auch nicht jede Lösung klug oder sinnvoll, denn sie war so facettenreich wie die verschiedenen Charakter der Hauptdarsteller und das heißt, manche Lösung war auch nicht perfekt, aber eben die einzig logische Konsequenz aus der Handlung.

Tom Finnek hat in diesem Roman ein brillantes Spiel zwischen Wahrheit und  Lüge aufgebaut, dass war spannender und unterhaltsamer als so mancher Psychothriller.
Es hat richtig Spaß gemacht dem jungen Helden Geoffrey in seine Welt zu folgen und zusammen mit ihm nach der Wahrheit zu suchen. Zumal Geoffrey direkt am Anfang mal kurz versucht hat die politischen und auch religiösen Hintergründe der damaligen Zeit zu erklären, aber dann kapituliert hat, da sich auf dem Gebiet immer so schnell etwas ändert. Somit war klar, dass der Leser sich hier auf dem „bürgerlichen Pflaster der Geschichte Londons“ bewegen wird, was mir auch sehr recht war.

Der Autor beleuchte in diesem Buch sehr eindrucksvoll das Leben auf den Straßen, in den Schänken, auf dem Land und auch an den geheimen Orten, an denen die adeligen gerne mit Masken erschienen. Das harte Leben der Künstler und die Tricks der Gauner werden in der Handlung genauso thematisiert, wie auch die Tatsache, dass ein jeder gerne mal aus der Bibel zitiert, wenn er mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert wird.

Die Schauplätze der Handlung und auch die sozialen Verhältnisse hat der Autor sehr Wortgewandt und Eindrucksvoll beschrieben. Sie wurden beim lesen so lebendig, dass man die Gerüche förmlich in der Nase hatte und die Magenwände Beifall klatschten.

Man merkt das Tom Finnek akribisch genau recherchiert hat und im Glossar, am Ende des Buches, findet man Antworten zur Währung, alten Begriffen, Titeln oder Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Auch ein Personenregister und eine kleine Karte sind in dem Buch eingebunden. Das habe ich beim Lesen als sehr hilfreich empfunden.

Dieses Buch war für mich in diesem Jahr ein echtes Highlight und ich kann es wirklich jedem historisch interessiertem Leser empfehlen, der sich gerne mal auf ein neues Lese-Abenteuer einlassen mag.

Liebe Grüße Annette

Offline nirak

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Re:[17. Jh.] Unter der Asche - Tom Finnek
« Antwort #1 am: 19. Juli 2011, 21:24:29 »
Rezension

„Unter der Asche“ ist ein Roman über das große Feuer von London aus dem Jahre 1666. Er erzählt das Schicksal der fiktiven Familie Ingram vor dem Brand. Diese Familie ist eine einfache Familie aus einer der untersten Schichten Londons. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln lässt der Autor die Jahre vor dem Brand Revue passieren.
Der 13 jährige Geoffrey darf seine Erinnerungen selbst erzählen. Er macht dies in der für Teenager typischen schnodderigen Art. Die mir sehr gut gefallen hat. Es war mal was ganz neues in einem historischen Roman und gibt diesem Buch damit seinen ganz eigenen Charme.
 
Mit dem Wechseln der Kapitel wechseln sich auch die Protagonisten ab und  auch der Erzählstil von Tom Finnek wechselt. So erfährt der Leser wie es der Familie Ingram ergangen ist. Auch einige Spitzbuben, die auf den Strassen Londons leben, kommen zu Wort.
Hier darf jeder seine eigene Geschichte bezw. Wahrheit erzählen.
Jeder der Protagonisten bastelte sich sozusagen seine eigene Wahrheit, versuchte sich selbst hinter Masken zu verstecken und so seinen Weg im Leben zu finden.
Mir hat dieser Erzählstil sehr gut gefallen, nichts war vorhersehbar oder gar durchschaubar. Auch das Leben in dieser Zeit auf den Straßen Londons hat der Autor sehr detailgetreu wiedergegeben. Die Ängste der Menschen vor der Pest und vor dem Hunger waren deutlich zu spüren.

Tom Finnek hat hier Charaktere geschaffen die facettenreich und spannend waren. Dabei spielt es keine Rolle ob es gute oder böse Protagonisten sind. Jeder auf seine Weise hat mir unheimlich gut gefallen. Beim Lesen wurde deutlich, dass jede Münze immer zwei Seiten hat. Es kommt eben auf den Betrachtungswinkel an.

Ob der Brand damals nun so entstanden ist, wie er hier beschrieben wurde, kann ich nicht nachvollziehen, aber für mich ist es durchaus eine Option. Letztendlich wird die Wahrheit darüber wohl für immer unter der Asche  verborgen bleiben.

Leider gibt es keine Nachwort des Autors, ich lese so was einfach immer sehr gern und trenne dann Fiktion und Wahrheit. In diesem Fall bleibt es aber meiner Fantasie überlassen. Dafür ist aber ein Personenregister vorhanden und am Schluss gibt es sehr interessante Anmerkungen und Übersetzungen, sowie eine Karte der Umgebung. In der HC Ausgabe gibt es auch noch einen Stadtplan Londons, der im TB leider nicht mehr vorhanden ist. Schade.

Mein Fazit: „Unter der Asche“ ist ein überaus gut recherchierter Roman aus dem 17. Jahrhundert, mit liebenswerten Protagonisten und spannenden Geschichten. Ich hatte einige fesselnde Lesestunden und war am Ende enttäuschst darüber, dass mein Buch schon zu Ende war. Ich kann nur jedem der historische Romane mag und mal etwas anderes lesen möchte, raten zu „Unter der Asche“ zu greifen.

Bewertung:

Offline Kathrin

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Re:[17. Jh.] Unter der Asche - Tom Finnek
« Antwort #2 am: 04. August 2011, 16:20:43 »
Und hier meine Meinung:

„Unter der Asche“ ist für mich der erste Roman von Tom Finnek alias Mani Beckmann und wird definitiv nicht der Letzte sein. Über den Roman „Die sieben Häupter“ des Autorenkreises Quo Vadis bin ich das erste Mal auf den Autor aufmerksam geworden und sein erster Roman unter seinem neuen Namen über die Familie Ingram im Vorfeld des großen Brandes von London 1666 hat den ersten guten Eindruck voll bestätigt.

Für mich ist bereits die Aufmachung und der Prolog ein Start nach Maß. Was will ich mehr: ich befinde mich in London (die Stadt, in der ich zwar erst zweimal kurz war, aber durch die verschiedensten Bücher - historische Romane und Fantasy - bald wie meine eigene Westentasche kenne), ich habe ein Personenregister, Anmerkungen und Übersetzungen und außerdem mit Geoff Ingram einen extrem knuffigen Ich-Erzähler, den ich auf Anhieb ins Herz geschlossen habe. Der Bezug zum Titel des Buches ist schnell klar, das Cover hebt sich vom Einheitsbrei der Buchcover für historische Romane deutlich ab, so dass ich lediglich einen kleinen Wermutstropfen habe ich finden können: im Taschenbuch fehlt leider eine der beiden Karten, die im Hardcover vorhanden sind. Schon allein wegen des fehlenden Stadtplans von London hätte ich mir das Hardcover kaufen sollen. Aber auch inhaltlich überzeugt das Buch auf ganzer Linie, so dass sich das deutlich teureres Hardcover doppelt gelohnt hätte. 

Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Ingram, die in ärmlichen Verhältnissen im Londoner Stadtteil Southwark lebt. Der Vater ist dem Alkohol verfallen, die Mutter, Eleanor hat die Familie bereits vor Jahren verlassen. Auch der ältestese Sohn Edward ist nach einem Streit mit dem Vater fortgegangen, so dass sich der 13-jährige Geoff und seine 17-jährige Schwester Jezebel mit dem trunksüchtigen Vater alleine durchschlagen müssen. Als der Vater stirbt und Jezebel ebenfalls verschwindet ist Geoff endgültig auf sich allein gestellt.

Tom Finnek erzählt den Roman aus unterschiedlichen Erzählperspektiven: Geoff, Jezebel und aus der Sicht des Gauners Ray. Wo ich Jez‘ unchronologische Erzählweise als anstrengend und unübersichtlich empfinde, so dass ich das Gefühl hatte, ich müsste ihre Passagen an einem Stück lesen um ihr und ihren Gedankensprüngen noch folgen zu können, so haben mich Geoff und Rancid Ray oft zum Lachen und Grinsen gebracht. Gerade die Passagen von Geoff, die als einzige in der Ich-Form geschrieben sind, sind herrlich lebendig, denn er schreibt frei von der Leber weg, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Und der alte Gauner Ray ist eh einfach nur genial, wenn auch weiß Gott nicht immer sympathisch, dafür umso unterhaltsamer. Wer mich kennt, weiß, dass ich auf solche gewieften und schlitzohrigen Gauner und Diebe stehe, denn das sind meist herrlich unkonventionelle Figuren.

Tom Finnek bietet mit seinem Roman alles, was mein Herz begehrt: lustige Szenen, Mord, das Glück und Unglück der „kleinen Leute“, Gauner, Dirnen, geschwisterliches Geplänkel, absolute Unsympathlinge, Verrücke, Harmlose, Scheinbar-Harmlose, Fiktion und historische Begebenenheiten. Die Grenze zwischen Fiktion und historischer Realität verwischt, sind nicht klar gesetzt, so dass man die Geschichte der Ingram schon wahrlich für bare Münze nehmen kann. Ich glaube zwar letztenendes nicht wirklich, dass sich der große Brand von London aus der Geschichte der Ingrams entwickelt hat, aber niemand weiß genau, wie es zu diesem Brand kam in der Bäckerei Farynor, warum also nicht auf Grund dieser Geschichte. Tom Finneks Rückschlüsse, Begebenheiten und Wendungen haben mich zwar mit unter überrascht, da ich mit manchen Dingen überhaupt nicht gerechnet habe, aber die Geschichte in sich ist schlüssig und logisch aufgebaut, so dass es wirklich wunderbar ist miterleben zu dürfgen, wie sich im Laufe der Zeit die einzelnen Handlungsstränge immer deutlicher zu einem Gesamtkunstwerk verweben.

Auch das Kopfkino funktioniert wunderbar, nicht zuletzt durch äußerst lebendige und facettenreiche Figuren. Jede Figur in diesem Buch – nicht nur die Hauptfiguren aus der Familie Ingram – hat ihre Hintergrundgeschichte und handelt ihrer Geschichte, ihrem Charakter und ihren Erfahrungen gemäß entsprechend logisch, wenn auch nicht immer so, wie man es sich als Leser vielleicht wünscht. Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten und sind vor Fehlern und Fehlentscheidungen nicht gefeit. Nicht nur die Hauptfiguren, auch die vermeintlich kleineren Rollen wachsen einem schnell ans Herz und man kann selbst solche Menschen hassen, die im Buch nur noch aus Erzählungen auftauchen und nicht mehr höchstpersönlich mitspielen. Und gerade weil ich so mit meinen Romanhelden und –heldinnen mitgefiebert und mitgelitten habe, war ich gerade mit Jez‘ Abgang aus dem Buch überhaupt nicht einverstanden. Ich wäre am liebsten in das Buch gesprungen und hätte das Mädel tüchtig durchgeschüttelt, da kann man nur hoffen, dass sie in dem Teil ihrer Geschichte, der nicht mehr erzählt wird, baldmöglichst aufwacht und ihren Irrtum einsieht. Dennoch finde ich es auch irgendwie gut, wenn nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen-mäßig ausgeht, denn so wirkt die Geschichte und das Schicksal der Menschen einfach auch noch einmal eine Spur realistischer.

Auch wenn das Buch über 600 Seiten dick ist, ging es doch viel zu schnell rum. Ich war richtig traurig, als ich das Buch beendet hatte und entsprechend zur Seite legen musste. Umso mehr freue ich mich auf den neuen Roman von Tom Finnek (Gegen alle Zeit, erscheint hoffentlich wie geplant im November 2011). Ich hätte nie gedacht, dass ich tatsächlich noch einmal zu einem Zeitreiseroman greifen werde, aber auf diesen freue ich mich!

Da ich die zu Beginn erwähnten Extras wie Landkarten, Personenregister etc. extrem liebe, muss ich leider doch noch einen kleinen, leisen Kritikpunkt loswerden, wobei ich gerade bei diesem Buch gelernt habe, dass ich mit dieser Meinung ziemlich allein auf weiter Flur stehe: aber mir fehlt ein Nachwort des Autor hinsichtlich Fiktion und geschichtlichem Hintergrund. Im Epilog wird zwar die Geschichte unserer Romanfiguren abgerundet und gerade zu den historischen Figuren einiges erwähnt, aber da – wie gesagt – die Grenzen zwischen Realität und Fiktion so oft verwischen, wusste ich mit dem Epilog einfach nicht mehr, was noch wahr und was Fiktion ist. Da hätte ich vom Autor gerne ein klares Wort gehabt, ohne selbst den realen Figuren auf die Spur kommen zu müssen. Für manche wäre durch so ein Nachwort vielleicht der Zauber des Buches genommen worden, aber ich persönlich kann das Ende eines Romans schon gut von einem hist. Nachwort trennen kann. Nur weil ich aufgeklärt worden bin, welche Dinge ggf. für einen Roman umgebogen werden mussten und warum, heißt das für mich nicht, dass es den Roman für mich entzaubert. 

Bewertung:
Rock the Night!