China Miéville: UnLonDun

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Offline Kathrin

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China Miéville: UnLonDun
« am: 07. Juni 2017, 15:39:49 »
[isbn]340420588X[/isbn]UnLonDun
China Miéville
Fantasy
Seiten: 591
Verlag: Bastei Lübbe

Inhalt:
Die Mädchen Zanna und Deeba gelangen durch Magie nach UnLondon: in eine Wunderstadt, wo alle verlorenen und kaputten Dinge Londons enden. Hier laufen alte Regenschirme wie bedrohliche Spinnen umher, streifen gefährliche Giraffen durch die Straßen und wuchern dichte Dschungel gleich hinter den Eingangstüren von ganz normalen Häusern. UnLondon lebt in Angst. Ein finsteres Wesen bedroht die Stadt. Die Bewohner verlangen von den Mädchen, die Stadt zu retten, schließlich ist eine von ihnen die Auserwählte! Plötzlich lastet alle Verantwortung auf den beiden, und der dunkle Feind rückt immer näher ...

Meine Meinung:
„UnLonDun“ von China Miéville war für mich nicht nur der erste Roman des britischen Autors, sondern auch eines der absoluten Lesehighlights des Jahres 2017. Und wieder einmal spielt eines meiner Lieblingsbücher in meiner Lieblingsstadt, auch wenn das bekannte London mit seiner Vis-à-vis-Stadt Unlondun vermutlich ähnlich wenig gemein hat, wie Noneroma mit Rom oder N’est-Paris-Pas mit Paris.

Und schon sind wir mittendrin in Miévilles ganz besonderer Buchwelt. Das Buch strotzt nur so von verrückten, verschrobenen aber auch wundervollen Ideen wie dem Scheider, der aus Buchseiten Kleidung näht oder dem Milchkarton Krissel, der für Deeba zu einer Art Schoßhündchen wird. Ich liebe das Buch der Prophezeiungen, das an sich selbst zweifelt, weil zumindest eine wichtige Prophezeiung sich als falsch herausstellt oder Mr. Speaker, der fremde Worte sammelt und aus ihnen Schwaflinge formt. Es sind so viele verrückte und auch wundervolle Ideen in dem Buch zu finden, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann, denn das würde den Rahmen der Rezension sprengen. Außerdem wirken diese Ideen vielleicht auch nur, wenn man wirklich in das Buch versunken ist. Viele der Ideen sind in dem Buch durch Zeichnungen bildlich dargestellt, was das Kopfkino sehr schnell anspringen lässt. Der Film, der in meinem Kopf abläuft, ist eine Mischung aus „realen“ Menschen und  Trickfilmfiguren wie aus Dr. Snuggles, was sicherlich auch daran liegt, dass das Buch in meinen Augen schon eher ein Jugend- wenn nicht gar Kinderbuch ist. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass auch meine achtjährige Nichte über viele der Ideen laut gelacht hätte. Aber das stört mich in diesem Fall überhaupt nicht. Allerdings sind Deeba, Zanna und Hemi für mich auch noch keine rumpupertierenden nervigen Teenies, was es mir hilft, das Buch zu genießen.

Die eigentlich als Heldin auserwählte (Schwasie/ Choisi)) Zanna lernen wir kaum kennen, sie spielt in dem Buch auch gar nicht die Hauptrolle. Diese Rolle wird von ihrer besten Freundin Deeba übernommen, einer absolut untypischen Heldin (Unheldin), die mit beiden Füßen im Leben steht, nicht lang rumlamentiert und Dinge anpackt, ohne viel Zeit zu verschwenden. Ca. in der Mitte des Buches hat es z.B. den Anschein, als ob es doch noch zu einer klassischen Queste kommen könnte, doch dann überspringt Deeba einfach einige der Queste-Stationen, denn letztlich ist die letzte Station die Ausschlaggebende. Einfach ein cleveres Mädel. Generell mag ich die (sympathischen) Figuren des Buches alle sehr, auch wenn ich zwischenzeitlich allein aufgrund der großen Anzahl an Figuren etwas überfordert war. Aber gerade diejenigen, die zusammen mit Deeba gegen den Smog kämpfen, wie der Geist Hemi, oder Skool und Cavea habe ich schnell ins Herz geschlossen. Einige von diesen Figuren sind auch eher stille Helden, was ich als sehr angenehm empfunden habe, die ich aber auch sehr vermisst habe, als das Buch letztlich doch seinem Ende entgegen ging.

Das Buch liest sich mit seinen appetitlich kurzen Kapiteln weg wie nix, auch wenn ich zu Beginn an der Übersetzung ins Deutsche etwas gezweifelt hatte. Doch im Gespräch mit einer Originalleserin hat sich mir dann doch schnell gezeigt, was für einen tollen Job die Übersetzerin gemacht hat, denn China Miéville ist mit seinen vielen Wortspielen und Wortkreationen sicherlich nicht einfach zu übersetzen. Es war bestimmt spannend und schön für sie, dass sie selbst ein wenig kreativ sein durfte beim Übersetzen. Das hat bestimmt auch viel Spaß gemacht. Ich bin letztlich froh, dass ich das Buch nicht im Original gelesen habe, denn ich hätte glaube ich zu viele der unbekannten Worte und Wortspiele nachschlagen wollen und das hätte Zeit geraubt und den Lesefluss und Lesespaß vermutlich gehemmt.

Das Ende des Buches fand ich fast schon scheiße...... aber nur weil es das Ende eines wunderschönen Fantasy-Schmökers für Jung und Alt ist, mit vielen spannenden Ideen und Figuren und einer tollen Unheldin mit Deeba. Ein Buch, das niemals zu Ende gehen sollte!!! Eines meiner Highlights des Jahres, obwohl - oder gerade weil - es ein Jugendbuch ist. Ich liebe es und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von China Miéville sein, das ich lesen werde.

Bewertung:
*********
Rock the Night!