Wer gab dir, Liebe, die Gewalt - Viola Alvarez

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Offline Lannie

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Wer gab dir, Liebe, die Gewalt - Viola Alvarez
« am: 17. Juli 2007, 17:05:24 »
Verlag: Lübbe
ISBN: 3-7857-1557-9
Seiten: 603
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 22,90
ET: 03.2005

[isbn]3785715579[/isbn]

Seine Geburt ist geheimnisumwittert, seine Kindheit die eines Wunderkindes. Er wird der Hofsänger und Dichter des Mittelalters – geschätzt von Fürsten und Königen, begehrt von Frauen. Man nennt ihn Walther von der Vogelweide. Als enfant terrible und auf dem Höhepunkt seines Schaffens nimmt er sich jede Freiheit, jeden Rausch. Doch sein Herz ist einsam, Genie und Wahnsinn sind nah beieinander. Walthers ganze Liebe gehört einem Mädchen, das er nicht haben kann: Anna. In ihr sieht er das Gute, Reine in einer Welt, die ihm feindlich und verlogen zu sein scheint. Sie ist der einzige Mensch, dem sich der sensible Dichter öffnen kann. Sie begleitet ihn durch seine dunkelsten Nächte – und bis in den Tod. Ein großer Roman über einen Mann, dessen Namen jeder schon einmal gehört hat und dessen Leben doch weitgehend unbekannt und voller Geheimnisse ist. Spannend und mit großem Einfühlungsvermögen in Mensch und Zeit füllt Viola Alvarez diese historische Lücke und macht Walther zu einer kinskihaft zerrissenen Persönlichkeit, die zwischen genialem Wahn und der Sehnsucht nach Liebe schwankt.

Meine Meinung

„Wer gab dir, Liebe, die Gewalt“ erzählt die fiktive Lebensgeschichte von Walther von der Vogelweide. Nur seine Gedichte und ein Dokument, das den Kauf eines Pelzmantels für den Dichter belegt, sind uns erhalten geblieben und daraus hat Viola Alvarez eine wunderschöne, ergreifende Geschichte gewebt. Vor allem seine berühmten Gedichte dienten der Autorin als Quelle, die sie wunderbar in den Roman eingeflochten hat. So wirkt das Leben Walthers von der Vogelweide absolut glaubhaft und ich musste mir immerzu in Erinnerung rufen, dass es nur eine Möglichkeit ist.

Stilistisch und vor allem sprachlich hebt sich der Roman deutlich von den durchschnittlichen historischen Romanen ab. Man muss sich auf das Buch einlassen können, es wirken lassen, damit es all seine Facetten entfalten kann. „Wer gab, dir, Liebe, die Gewalt“ ist auf keinen Fall „mal schnell weg zu lesen“, man sollte sich Zeit für diesen anspruchsvolleren Roman nehmen, damit einem nicht nur die Handlung und die Figuren nahe kommen können, sondern auch die Sprache und die Feinheiten ans Herz gehen können.

Viola Alvarez schreibt sehr weich, einfühlsam, ergreifend und vor allem sehr berührend. Mehr als einmal musste ich vergeblich gegen meine Tränen ankämpfen und zum Ende brachen alle Dämme. Aber ich habe auch viel gelacht, denn die Autorin erzählt teilweise sehr bissig und ironisch. Wütend war ich, enttäuscht, traurig, glücklich, ich habe alle möglichen Emotionen durchlebt und dabei war mein Herz immer vollkommen dabei.

Walther ist eine sehr interessante, kaum greifbare Figur. Äußerst facettenreich und mit sehr viel Tiefe. Wenn man glaubt, ihn endlich zu kennen, ihn zu durchschauen, handelt er so widersinnig, dass man feststellen muss, dass man keine Ahnung hatte, wer er ist und was in ihm vorgeht. Nur selten kann man in seine Seele sehen und das macht den Reiz der Figur aus. Er ist grob, in sich gekehrt, scheinbar ohne Liebe. Er sucht sein ganzes Leben nach sich selbst und den Sinn seines Lebens, zweifelt an sich, doch ist in seiner Dichtkunst von sich überzeugt, er liebt nicht, doch wird er von den großmütigsten Menschen geliebt. Er ist ein Sonderling, aber für mich ein sehr liebenswerter.
Aber nicht nur Walther ist als Figur großartig gelungen. Die Nebenfiguren, allen voran die, die Walther geliebt haben und alles für ihn taten, sind ebenso wichtig für die Handlung und vor allem für Walthers Leben, und so hat Viola Alvarez sie auch geschaffen. Figuren mir unglaublich viel Güte und Zuversicht, aber mit eigenen Sorgen und einer eigenen schweren Vergangenheit. Alle haben sie ihr Päckchen zu tragen und doch geben sie noch dem schwierigen Walther Kraft und Mut und ihre Liebe.
Diese Figuren haben mich sehr beeindruckt und eine ist mir ungeheuer ans Herz gewachsen: Dietrich.

Charakterisierungen und äußerliche Beschreibungen sind so treffend und prägnant, dass man sich jede Figur, sofort vorstellen konnte. Besondere Spitznamen wie z.B. „das Murmeltier , Umschreibungen wie „Maikäferpersönlichkeit“  oder der schwäbische Dialekt Philipps von Schwaben zeichnen ein unverwechselbares Bild der Figuren.

Walthers Leben ist aufregend, abwechslungsreich und wurde mir nie langweilig. Im Gegenteil, das Buch hätte gerne nochmal so viele Seiten haben können und es wäre mir immer noch nicht genug gewesen. Walthers ewige Suche durchläuft verschiedene Stufen und auch Welten. Seine Begegnungen mit den historischen Persönlichkeiten haben mir sehr gefallen, allen voran seine Begegnung mit Philipp von Schwaben und dessen Frau Irene. Ein tolles Pärchen, das ich sofort ins Herz geschlossen habe. Alle Lebensstationen Walthers empfand ich als sehr spannend und ergreifend.

Die in die Geschichte eingewobenen Gedichte bekommen in dem Roman einen besonderen Platz und sind in Mittelhochdeutsch und einer Übersetzung von der Autorin abgedruckt. Ich persönlich finde, Viola Alvarez hat diese wunderbar ausgewählt und uns durch sie einen wahren Einblick in Walthers Seele ermöglicht. 
„Wer gab, dir, Liebe, die Gewalt“ hat mich sehr ergriffen und wird mir unvergesslich in Erinnerung bleiben. Es ist ein Highlight und für jeden Liebhaber historischer Romane absolut zu empfehlen, auch wenn einem das Leben des großen Dichters zunächst nicht als erzählenswert erscheint. Auch ich wurde eines Besseren belehrt und bereue es nicht, im Gegenteil, mir wäre etwas ganz Besonderes entgangen.

Eines meiner Lieblingszitate zum Abschluss (gebundene Ausgabe 2005, Seite 385):

„Vielleicht war das Alleinsein gar nicht das Schlimmste am Leben, wenn man das Alleinsein mit jemandem teilte, und dann war dieser Jemand nicht mehr da. Das Schlimmste am Leben, dachte Walther in der Dunkelheit, ist, wenn man jemanden gern hat, der stirbt und zu dem man nie wieder zurückgehen kann.“

Meine Bewertung

Note: 1 mit Sternchen

« Letzte Änderung: 09. September 2008, 18:01:41 von Lannie »
Liebe Grüße
Lannie aka Cait

The Viewfinder

Offline Annette B.

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Re: Wer gab dir, Liebe, die Gewalt - Viola Alvarez
« Antwort #1 am: 17. Juli 2007, 20:16:52 »
Hallo Lannie,
ich habe jetzt in der letzten Woche schon eure LR verfolgt und das Buch auf meine "Weihnachtswunschliste" geschrieben, weil ich ein sooo tolles Buch unbedingt als HC haben will! :zwinker:
Deine Rezi hathat meinen Wunsch nur noch als Richtig unterstrichen.
Viola scheint auch eine sehr nette und sympathische Autorin zu sein, die sich viele Gedanken beim schreiben gemacht hat.
Liebe Grüße
Annette
Liebe Grüße Annette

Offline Kathrin

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Re: Wer gab dir, Liebe, die Gewalt - Viola Alvarez
« Antwort #2 am: 21. Juli 2007, 19:45:46 »
Hallo,

eigentlich gibt es bei Lannies wunderbarer Rezi nichts mehr hinzuzufügen, aber ich hab dennoch auch eine geschrieben, die ich Euch natürlich nicht vorenthalten will.

Meine Meinung:
Steht Viola Alvarez als Autorin auf einem Buch, kann ich mich als Leser und Liebhaber historischer Romane entspannt und beruhigt zurücklehnen, denn ich kann sicher sein, dass ich auf hohem schriftstellerischem Niveau auf’s Allerbeste unterhalten werde. Nachdem ich von der Autorin bereits „Das Herz des Königs“ und „Die Nebel des Morgens“ mit voller Begeisterung gelesen habe, konnte ich mich auch mit „Wer gab Dir, Liebe, die Gewalt“ auf wunderbare Lesestunden freuen und meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.

Das Buch zog mich von der ersten Seite an in seinen Bann. Der Prolog, in dem eine Frau ihrem Leben ein Ende setzt, erfüllt meiner Meinung nach den Zweck eines Prologs: er macht neugierig, als Leser will man wissen, wie das soeben erzählte im Zusammenhang mit der gesamten Geschichte steht. Dass ich nebenbei auf diesen wenigen ersten Seiten sowohl kräftig schmunzeln als auch direkt mit den ersten Anwallungen aufsteigender Tränen kämpfen musste, bewies mir, dass ich es auch hier wieder mit einem wunderbar tief-emotionalen Buch zu tun habe. Ich liebe diese wunderbare Mischung von Viola Alvarez’ Büchern: Melancholie, Traurigkeit, oft genug auch tragische Entwicklungen, aber trotzdem immer wieder genügend Dinge, die mich einfach zum lachen bringen.

Viola Alvarez’ Sprache und Stil ist wunderbar intensiv. Sie malt Bilder, die sich durch das ganze Buch hindurchziehen, lässt uns Leser die Geschichte hautnah miterleben. Sie schreibt fesselnd, es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen, weil man immer wissen will, wie es weitergeht und dennoch gibt es auch viele Sätze und Begebenheiten, die einen ein wenig verweilen und nachdenken lassen. Es steckt unendlich viel in diesem Buch, das es einfach wert ist, dass man darüber spricht und sich austauscht. Insofern habe ich mich auch sehr gefreut, dass ich das Buch in einer Leserunde mit Autorenbegleitung lesen durfte

In „Wer gab Dir, Liebe, die Gewalt“ erzählt Viola Alvarez die Geschichte von Walther von der Vogelweide, dem bekannten Dichter und Minnesänger des 12. und 13. Jahrhundert. Über das Leben von Walther von der Vogelweide ist nicht viel bekannt bzw. historisch überliefert, einzig seine Werke und ein Beleg über den Kauf eines Mantels für Walther sind überliefert. Aus diesen wenigen Fakten bastelt uns Viola Alvarez eine Geschichte, wie das Leben des Dichters gewesen sein könnte und webt diese wenigen Fakten geschickt darin ein, stellt einen Zusammenhang her, wann und wieso die Gedichte entstanden sein könnte. So erweckt sie mit Herrn Atze und Dietrich zwei Gedicht-Figuren aus Walthers Werken zum Leben und gerade für den wunderbaren Dietrich, der zu meinem erklärten Liebling geworden ist, gebührt der Autorin mein allerherzlichster Dank!

Auch wenn mit Dietrich für mich mein persönlicher Held des Buches feststeht, sind mir auch viele andere Figuren des Romans ans Herz gewachsen, gerade auch die Hauptfigur Walther und diese nach 600 Seiten gehen zu lassen tut ein wenig weh und fällt schwer. Die Figuren sind sehr lebendig, sehr vielschichtig, sie sind gut durchdacht und ihr Handeln nachvollziehbar. Selbst die weniger sympathischen Figuren wirken echt und ich glaube fest, dass es Menschen gibt, die so reagieren, leben, agieren, wie es beispielsweise Walthers Mutter Gunis in diesem Roman hier tut. Es wirkt alles sehr rund und in sich geschlossen, weshalb ich auch den Eindruck hatte, dass die Autorin nicht nur eine genaue Vorstellung von Walthers möglichen Leben hat, sondern auch die komplette Lebensgeschichte der Nebenfiguren im Kopf hatte, selbst wenn sie im Buch nicht erzählt oder nur angeschnitten werden.

Wie bereits erwähnt empfinde ich dieses Buch als tief-emotional, was sich besonders gut an den Figuren ausmachen lässt: sie sind vielschichtige Personen, die alle ihre Fehler, ihr Päckchen zu tragen haben. Sie haben alle ihre Träume, Selbstzweifel, Sehnsüchte, kennen Liebe, Freundschaft, Treue, Hass. Als Leser ist man mittendrin im Geschehen, mal lacht, weint, leidet mit, hasst, liebt mit ihnen. Gerade die tiefen Gefühle, die Walthers Weggefährten und Freunde für ihn empfinden, sind unheimlich gut gelungen und rübergebracht. Die Art, wie Viola Alvarez Liebe, Freundschaft, Zuneigung schildert, geht für mich viel tiefer, sie ist für mich viel feiner, als in so vielen andern Romanen, egal aus welchem Genre. So wie hier lese ich auch gerne von Liebe und Romantik, Liebe und Romantik auf einem ganz anderen Niveau und vor allem auf einem sehr hohen, aber sehr tief eindringenden Niveau und dass, ohne die geringste Spur von Kitsch.

Ich weiß, dass es sich hier um eine fiktive Geschichte handelt, nur um eine Möglichkeit, wie das Leben des großen Dichters gewesen sein könnte, genauso wie ich weiß, dass es Mittelerde und andere Fantasy-Welten nicht  gibt und die Geschichten in historischen Romanen historisch nicht immer korrekt sind, aber ich finde es schön, wenn ich mir vorstellen kann, dass es so (gewesen) sein könnte. Und genau das hat Viola Alvarez mit diesem Buch wieder geschafft. Es ist ein wunderbares Buch und ich bin traurig, dass ich jetzt noch solange warten muss, bis ich Nachschub von der Autorin in den Händen halten kann.

Auch von mir kann das Buch nichts anderes als eine 1 mit Sternchen *** bekommen


lg
kathrin
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