Inges Wanderbuch 2024 Die Stimme meiner Schwester

Begonnen von Inge78, 15. Februar 2024, 16:32:57

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Inge78

Danke für den Zwischenbericht, bin auch echt gespannt auf das Buch
Schade dass es anscheinend nicht so toll ist, wie es klang
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.
(aus "ES" von Stephen King)

Fiktion ist wie ein Spinnennetz, das, auch wenn nur vielleicht ganz leicht, an allen vier Ecke des Lebens befestigt ist.
- Virginia Woolf

Christiane

#16
Liebe Tara,
ich muss mich entschuldigen, dass ich schon wieder zu spät dran bin mit dem Päckchen  :rotwerd: . Ich hatte das Buch vor längerer Zeit ausgelesen, war aber leider nicht sofort dazu gekommen, die Rezi zu schreiben. Als ich das nun endlich in Angriff nehmen wollte, musste ich feststellen, das ich mit der Distanz der Wochen dazwischen keine Rezi zustande bringen würde, die diesem tollen Buch gerecht werden könnte. Und so hab ich es noch einmal gelesen. Nicht Wort für Wort, aber doch quer über alle Seiten, mich an meinen Notizen im Buch entlang hangelnd. Und ich bin noch einmal eingetaucht ins Buch, habe es diesmal an manchen Stellen noch intensiver durchdrungen.
Für mich ist es definitiv ein Lesehighlight 2024!

Das Päckchen geht am Montag auf die Post - ich hoffe, Du kannst es mir nachsehen  :sorry: .

Im Spoiler ist meine Rezi.

Spoiler
Mein Eindruck:

Wieder einmal hat mir die Wanderbuchrunde ein Buch beschert, dass ich sonst wohl nicht in die Hand genommen hätte. Ich hab es mit sehr gemischten Gefühlen begonnen, da meine Vorgängerinnen in der Runde eher nicht begeistert waren. Es war klar: Dies ist kein Buch, das sich fluffig runterliest. So hab ich also gleich zu Beginn für mich eine kleine Namensliste erstellt, um den Überblick zu behalten und das war eine wirklich gute Idee. Dennoch hab ich einige Zeit gebraucht, um mich in das Buch rein zu kämpfen. Habe es beim Lesen gefühlsmäßig (und wider besseres Wissen) in Afrika verortet. Das erste Drittel war wirklich Arbeit. Aber was hat die sich gelohnt! Das Buch ist ein Juwel, vielschichtig und eine wirkliche Bereicherung für mein Lesejahr!
Aber von vorn: Der Einstieg ins Buch ist sehr drastisch. Aus Sicht einer der Schwestern schildert es den schweren Unfall der Kinder mit einem Messer, der zu einer fast symbiotischen Verbindung der Mädchen führt. Dabei ist der Sprachstil doch so distanziert, dass man sich eher als Zuschauer fühlt und nicht so mittendrin im Geschehen. Bibiana erzählt die Geschichte im Rückblick, mit so ein wenig Wehmut, aber auch mit der Distanz der Erwachsenen auf die Geschehnisse in der Kindheit. Dies in Verbindung mit etlichen Zeitsprüngen, mit den sehr fremden und teils sehr ähnlichen Namen macht einem den Einstieg ins Buch wirklich nicht einfach. Man braucht Zeit. Man muss sich auf die Erzählung einlassen. Dann aber entfaltet sich vor dem Leser diese fremde Welt in all ihren Facetten: Das harte Leben der Arbeiter, die nach wie vor weitgehend rechtlos in ihren Lehmhütten leben und von den Besitzern der Fazenda ausgebeutet werden. Die sozialen Strukturen, die den Menschen einerseits Halt geben, sie aber andererseits auch in der ihnen zugewiesenen Rolle gefangen halten. Hier wird insbesondere deutlich, wie schwer das Leben der Frauen in dieser männerdominierten Gesellschaft ist. Und dennoch sind es starke Frauen wie Donana, Bibiana und Belonísia, die das, was sie nicht ändern können, mit viel innerer Stärke ertragen und immer wieder mutig ändern, was in ihrer Macht liegt. Frauen, die es schaffen, die alten Regeln und Konventionen umzustoßen und ihren eigenen Weg zu gehen. Frauen, die mit den Mitteln der althergebrachten Regeln den Schritt hinaus in eine modernere Welt schaffen.
Sehr eindrucksvoll dargestellt wird auch die spirituelle Seite im Leben der Menschen. Hier haben sich die von den schwarzen Sklaven mitgebrachten Naturreligionen mit dem aufgezwungenen christlichen Glauben der Kolonialherren verquickt. Beim Lesen verschwimmt immer wieder die Grenze zwischen Realität, Traum, Mystik und man kann so nachempfinden, wie tief verwurzelt dieser Glaube in den Menschen ist, wie sehr er ihren Alltag, ihr Leben bestimmt.
Das Kernthema des Buches ist für mich aber der Umbruch der Gesellschaft in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Auf vielfältige Weise wird gezeigt, wie die alten Machthaber, die Fazendeiros, die Nachfahren der Kolonialisten versuchen, das Herrschaftssystem über die Indigenen und die ehemaligen Sklaven aufrecht zu erhalten. Wie sie zum Beispiel mit der Regel, dass die Arbeiter nur Lehmhütten bauen dürfen, dafür sorgen, dass diese nichts aufbauen können, das von Dauer ist, das man vererben könnte, das monetären Wert hat. So wird der Friedhof zum Symbol, denn nur dort haben die Menschen ein kleines Stück Land, das – zumindest posthum – ihr Eigentum ist und damit ihre Kinder und Enkel an das Land bindet.
Das Buch lebt von Gegensätzen, vom Spannungsfeld Stadt/Land, Moderne/Tradition, alten Machtverhältnissen/neue Gedanken von Freiheit und Selbstbestimmung. Das spiegelt sich wider in den Figuren, in denen sich die verschiedenen Standpunkte manifestieren.
Hier die aus der Stadt stammende Lehrerin, die mit ihrem Unterrichtsmaterial die Kinder überhaupt nicht erreicht - dort der Vater, dessen Geschichten und Lehren genau in die Welt der Kinder passen und sie so erreicht.
Hier Zeca, der den Menschen im alten Glauben, im alten System Halt und Struktur gibt, sie vertritt und im Kleinen Veränderung durch Bildung fördert, aber oft auch durch sein Tun das Machtgefälle am Leben erhält. – Dort Severo, der mit dem Elan der Jugend auf Veränderungen drängt, der durch sein Charisma die Menschen mitreißen kann, aber ihr Leben auch in Aufruhr bringt und ihnen den Rahmen nimmt. Beide arbeiten am gleichen Ziel, aber jeder nur mit den Mitteln, die seiner Generation entsprechen.
Ebenso werden moderne, gleichberechtigte Beziehungen und alte, patriarchalisch geprägte Ehen gegenübergestellt. Moderne Medizin und die Heilkunst des Jarê-Heilers stehen sich gegenüber und auch die Thematik selbstbestimmten Sterbens wird in die Geschichte stimmig eingebunden.
Der Autor versteht es großartig, durch seine Figuren und die Perspektivwechsel unglaublich viele Aspekte dieser mitten im Wandel befindlichen Gesellschaft vor seiner Leserschaft zu entfalten.
Ich habe an diesem Buch wirklich nur wenige kleine Kritikpunkte. Im Mittelteil werden viele Jahre im Leben der Protagonisten sehr kurz und bündig abgehandelt. Das hätte man mehr auserzählen können. Die vielen Namen, der ungewöhnliche Schreibstil, die Zeitsprünge, die Perspektivwechsel, bei denen sich der Leser selbst erarbeiten muss, wer nun die ,Stimme des Buches' ist, machen einem das Lesen nicht immer leicht. Für mich passt das gut zum Buch, aber ich kann mir vorstellen, dass diese Punkte vielen Lesern den Zugang erschwert und das ist sehr schade für dieses wichtige Buch.
Daneben finde ich schade, dass sowohl der deutsche Titel als auch der Klappentext allein den Unfall mit dem Messer und seine Folgen in den Mittelpunkt stellen. Das wird dem Buch in keiner Weise gerecht.
,Die Stimme meiner Schwester' ist ein Buch über starke Frauen in einer patriarchalischen Welt, über Beziehungen, Familie, über das auf Sklaverei und Unterdrückung fußende Herrschaftssystem in Brasilien und darüber, wie schwer es ist, solche Systeme aufzubrechen. Patriarchat und koloniale Machtstrukturen stützen und stabilisieren sich gegenseitig. Der Wert dieses Buches ist in einem Land unter Bolsonaros Fuchtel kaum hoch genug einzuschätzen.
Für mich ist dies Buch sicher ein Lesehighlight des Jahres. Vielen Dank, Inge, dass Du es als Wanderbuch ausgewählt und mir so zugänglich gemacht hast.


Note: 1  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1:
[Schließen]
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
Ray Bradbury (1920 - 2012)

Inge78

ach, das klingt ja toll
Danke für die Rezi Christiane, jetzt bin ich ja richtig neugierig geworden auf mein eigenes Buch

Lustig, dass Du es noch mal gelesen hast  :respekt3:
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.
(aus "ES" von Stephen King)

Fiktion ist wie ein Spinnennetz, das, auch wenn nur vielleicht ganz leicht, an allen vier Ecke des Lebens befestigt ist.
- Virginia Woolf

Christiane

#18
Nachdem mein Mann gerade die Rezi gelesen hat, hab ich sie nochmal in einigen Punkten redigiert. Inhaltlich hat sich nichts geändert, aber ich glaube, dass sie so noch etwas runder zu lesen ist.
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
Ray Bradbury (1920 - 2012)

Christiane

Zitat von: Inge78 in 31. August 2024, 13:06:09ach, das klingt ja toll
Danke für die Rezi Christiane, jetzt bin ich ja richtig neugierig geworden auf mein eigenes Buch

Lustig, dass Du es noch mal gelesen hast  :respekt3:

Ich bin schon total gespannt wie Dir selbst das Buch gefallen wird. Ich weiß jetzt schon, dass ich im kommenden Jahr das Buch ein drittes Mal durchblättern werde, um Taras, Sisquis und Deine Kommentare zu lesen.
Nochmal danke für dies Leseerlebnis!  :kuss2:
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
Ray Bradbury (1920 - 2012)

Christiane

Ach ja, die Note, die ich vergeben hab, muss ich ja nicht im Spoiler verstecken.
Von mir hat das Buch eine glatte 1 bekommen.  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1:  :Box1:
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
Ray Bradbury (1920 - 2012)

Tara

Kein Stress! Pressiert nicht!
Sometimes you just need to lay on the couch and read for a couple of years.

With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? Oscar Wilde

Tara

Das Paket ist gerade angekommen!  Das Buch ist mir völlig unbekannt! Ich bin gespannt darauf!

Christiane, vielen lieben Dank für die ganzen Beilagen!  :schmusen:
Sometimes you just need to lay on the couch and read for a couple of years.

With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? Oscar Wilde

Christiane

Ui, das ging ja schnell! Und ich freu mich wenn Dir die Kleinigkeiten gefallen  :knuddel: .
Bei dem Buch bin ich wirklich megagespannt wie es Dir gefällt. Wo Du Dich einreihst zwischen Abbruch und Jahreshighlight.
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
Ray Bradbury (1920 - 2012)

Tara

Zitat von: Christiane in 03. September 2024, 12:29:53Wo Du Dich einreihst zwischen Abbruch und Jahreshighlight.

 :-) Da bin ich auch gespannt!
Sometimes you just need to lay on the couch and read for a couple of years.

With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? Oscar Wilde

Inge78

Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.
(aus "ES" von Stephen King)

Fiktion ist wie ein Spinnennetz, das, auch wenn nur vielleicht ganz leicht, an allen vier Ecke des Lebens befestigt ist.
- Virginia Woolf

Tara

Jetzt hab ich die ersten ca. 40 Seiten gelesen. Atmosphäre und Stil find ich recht ungewöhnlich.
Mal gucken wie die Geschichte so weiter verläuft!
Sometimes you just need to lay on the couch and read for a couple of years.

With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? Oscar Wilde

Tara

Zitat von: Tara in 03. September 2024, 12:39:36
Zitat von: Christiane in 03. September 2024, 12:29:53Wo Du Dich einreihst zwischen Abbruch und Jahreshighlight.

 :-) Da bin ich auch gespannt!

Ich bin momentan ziemlich in der Mitte zwischen Abbruch und Jahreshighlight  :dong:

und auch ziemlich mittig im Buch. Hab aber noch keine Ahnung wo das ganze hinführen soll.
Sometimes you just need to lay on the couch and read for a couple of years.

With freedom, books, flowers and the moon, who could not be happy? Oscar Wilde

sisquinanamook

Ach herrje, das klingt ja spannend....

Viele Grüße
Daniela

Inge78

Oh, das ist aber mal eine weite Range  :-)
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Im finst´ren Förenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.
(aus "ES" von Stephen King)

Fiktion ist wie ein Spinnennetz, das, auch wenn nur vielleicht ganz leicht, an allen vier Ecke des Lebens befestigt ist.
- Virginia Woolf