Pisel, Angela: Du in meinem Herzen

Originaltitel: With love from the inside
Verlag:
 Goldmann
erschienen:
2017
Seiten:
448
Ausgabe:
Taschenbuch
ISBN:
3442485517
Übersetzung:
Sylke Hachmeister/Peter Klöss

Klappentext:

11 Jahre, 5 Monate und 27 Tage ist es her, dass Grace Bradshaw zuletzt die Stimme ihrer Tochter Sophie gehört hat. Und nun bleibt ihr nur noch wenig Zeit, denn der Staat South Carolina hat das Datum festgelegt, an dem die Todesstrafe an Grace vollzogen werden soll. Doch Sophie hat alle Brücken hinter sich abgebrochen, nicht einmal ihr Mann weiß, wer ihre Mutter ist und welche schreckliche Tat Grace zur Last gelegt wird. Als Graces Anwalt Sophie schließlich findet, muss sie sich entscheiden. Soll sie weiter eine Lüge leben – oder riskiert sie alles, um die Frau wiederzusehen, der einmal ihre ganze Liebe gehört hat?

Rezension:

Nach dem Lesen dieses wundervollen Buches möchte ich weinen. Dieses nichtssagende Cover, dieser schwülstige Titel. Es wird auf den Tischen der großen Buchhandlungen irgendwo bei Nora Roberts und Konsorten sein Dasein fristen. Dabei hätte es einen Platz im Hardcover Programm verdient. Mit dicker Promotion, einem supergalaktisch großartigen Cover und einem Titel, der sich auf den Bestsellerlisten festsetzt.

Als Bloggerin verbringe ich Wochen mit dem Durchforsten neuer Verlagsvorschauen und klopfe mir in diesem Fall mal selbst auf die Schulter, dass ich das Buch nicht überschlagen, sondern mal den Klappentext gelesen und es mir dann auf meine Liste geschrieben habe, denn ich hätte wirklich etwas verpasst und hoffe, dass diese Rezension wenigstens ein bisschen dazu beitragen kann, dass “Du in meinem Herzen” nicht auf den Ramsch-Tischen der Nation versauert.

Angela Pisels Debütroman spielt auf mehreren Zeitebenen.  Wir erleben, wie Grace Bradshaw im Gefängnis auf ihre Hinrichtung wartet und  ein Tagebuch für ihre Tochter Sophie schreibt, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Währenddessen erzählt die Autorin parallel von Sophies Leben, die mit einem erfolgreichen Arzt verheiratet ist, der nicht ahnt, dass sie die Tochter einer Mörderin ist. Zwischendurch gibt es kleinere Einschübe in Sophies Kindheit, so das nach und nach das Verbrechen, für welches Grace verurteilt wurde, entblättert wird.

Von der ersten Seite an, packen einen die Figuren dieses Romans, obwohl man anfangs nicht weiß, wieso Grace im Gefängnis sitzt. Sophie hat sich von ihrer Mutter abgewandt und ein neues Leben angefangen, aber eigentlich spürt man sofort wie sehr die junge Frau eine Fassade aufrecht erhält, wie sehr sie leidet und wie gefangen sie eigentlich ist. Im Prinzip genauso gefangen wie ihre Mutter, wenn auch nicht durch Gitterstäbe.

Grace, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat, sehnt sich mehr nach ihrer Tochter als nach Freiheit. Wie sie ihr in ihrem Tagebuch vom Gefängnisalltag, aber auch den großen Fragen nach Vergebung, Liebe und Hoffnung erzählt, ist ganz großes Gefühlskino. Es sind leise Szenen, die Grace beschreibt, aber vor allen Dingen in Bezug auf ihre Mithäftlinge auch voller Wärme, Bedauern und Hoffnung. Unterschiedliche Frauen sitzen mit Grace im Gefängnis. Einige davon haben große Schuld auf sich geladen, einige sind einem nicht gerade sympathisch, aber eigentlich alle tun sie einem leid, weil sie vergessen wurden, weil sie wissen, dass man sie aufgegeben hat. Vielleicht wirken deswegen die spärlichen Szenen, in denen eine Aufseherin Menschlichkeit zeigt, so unglaublich berührend, denn das Gefängnis ist ein absolut trostloser Ort.

Als Sophie glaubt, ihr Mann betrüge sie mit einer anderen und sie zudem ihr Herz an einen kleinen kranken Jungen, einen Patienten ihres Mannes, verliert, stürzen die so sorgfältig aufgebauten Mauern ein wie ein Kartenhaus und Sophie begibt sich auf eine schmerzvolle Reise in ihre Vergangenheit, die sowohl ihre Zukunft, als auch ihren Blick auf Vergebung und Vertrauen für immer verändern wird.

Im letzten Viertel des Romans waren Taschentücher meine besten Freunde. Nicht weil es kitschig war oder traurig, sondern weil mich die Wahrhaftigkeit der Gefühle richtig umgehauen hat. Ich bin niemand, der schnell bei einem Roman ein Tränchen verdrückt. Bei Filmen bin ich nah am Wasser gebaut, ein Buch muss sich schon anstrengen. Aber mich hat Angela Pisel einfach total abgeholt und ihre Worte und ihre Figuren haben mich ganz tief berührt. Hier wird nichts dramatisiert oder aufgebauscht. Ich hatte immer das Gefühl ich nehme Anteil am Leben realer Menschen und so gibt es genauso wie in der Realität nicht nur weiß oder schwarz, nicht immer Gerechtigkeit, aber trotz allem immer wieder auch viel Gutes.

Auch wenn die Todesstrafe nur eines der vielen Themen des Romans ist, hat mir gefallen, dass die Autorin keine Partei ergreift und es gerade deswegen tut. Vergleichbar in der Hinsicht mit dem Film “Dead man walking” mit Susan Sarandon und Sean Penn. Allein durch die Beschreibung der Gefühle aller Beteiligten kann man eigentlich zu keinem anderen Urteil kommen, als dass die Todesstrafe mitnichten Gerechtigkeit fördert, sondern einfach nur noch mehr Leid für alle bedeutet.

Ich habe das Buch mittlerweile zwei mal verschenkt und es meiner Mutter geliehen. Alle waren hin und weg von dem Buch. Lieber Goldmann Verlag – das nächste Buch von Angela Pisel bitte mit Pauken und Trompeten dem stationären Buchhandel schmackhaft machen. Die Autorin hat es verdient!

Note: 1

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