Grab my pussy – das Frauenbild in der Unterhaltungsliteratur

grab

In wenigen Stunden wird die Sonne aufgehen. Fünf Uhr in Deutschland. Gerade ist das letzte TV Duell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton zu Ende gegangen. Das war so gehaltvoll, dass man nebenher prima eine Kolumne schreiben konnte. Ich habe mich schon immer für amerikanische Politik interessiert und verfolge so etwas, wenn ich es kann. Das erste Duell habe ich verpasst, das zweite Anfang Oktober aber wie das heutige live gesehen. Etwas ungläubig schaut man ja dieser Tage über den großen Teich und fragt sich, was man den Amerikanern wohl ins Leitungswasser kippt, dass sie ernsthaft in Erwägung ziehen, das fleischgewordene Toupet zum Präsidenten zu wählen.

Auch der Sextalk-Skandal scheint an seinen Wählern abzuprallen, wie das Frühstücksei von der Teflonpfanne. Wenn in Amerika bei Wahlveranstaltungen Frauen mit „Trump can grab my“ auf dem Shirt rumlaufen (mit Pfeil in Richtung Unterleib, damit auch jeder weiß, wo alles is…), dann steh ich als Frau da wie der Ochs vorm Berg und frage mich, was in Gottes Namen stimmt mit der nicht. Im Prinzip grinst sie in die Kamera und sagt mit ihrem Shirt, komm her und vergewaltige mich.

Und ich überlege mir, wie kann so etwas eigentlich passieren und dann fällt mein Blick auf die Bestsellerliste, auf Verlagsprogramme für junge Frauen und ich denke mir, tja, viele Leserinnen finden das doch auch alles irgendwie super und zwar auch hier in Deutschland.

Seit „Shades of Grey“ haben ähnliche Bücher den Buchmarkt überschwemmt. Der Buchtrend „New Adult“ hat noch mal einen drauf gesetzt. In der Regel geht es immer um eine junge Frau (meist Studentin), die eher schüchtern und zurückhaltend ist, weil sie eine schlimme Vergangenheit hat (meist Missbrauch, Vergewaltigung, etc.) und ausgerechnet die verliebt sich dann in den Badboy des Ortes (beliebt auch Rockstars und Co). Der benimmt sich wie das letzte Arschloch und behandelt sie wie den letzten Dreck, aber das geht schon in Ordnung, weil eigentlich liebt er sie ja und muss nur mit seinen inneren Dämonen fertig werden (weil auch Missbrauch, etc. … klingt schon doof, wenn man das jetzt hier so aufschreibt). Am Ende ist natürlich alles überwunden und die beiden reiten auf einem Einhorn in den Sonnenuntergang.

Und jetzt kommt der Clou! Wir Frauen regen uns über mangelnden Respekt auf, über Sexismus in den Medien, am Arbeitsplatz, etc. Wir regen uns auf über Body-Shaming, über das perfekte Bild, was man als Frau abzugeben hat, weil wir ja das schöne Geschlecht sind. Und was machen wir, wenn wir uns aufgeregt haben und uns umdrehen? Genau, wir gehen los und kaufen uns „Hardwired“, „After Passion“ und Konsorten.  Geschrieben von Frauen! Vielleicht sollten wir erstmal bei uns selber anfangen, bevor wir von Männern Respekt fordern. Wer als Wählerin wie eine läufige Hündin nach Befummelung der primären Geschlechtsteile schreit, darf sich nicht wundern, wenn das nächste Mal keiner fragt, sondern es einfach tut.

Was für ein Frauenbild verkaufen wir damit eigentlich? Wollen wir das als Vorbild für uns selbst? Für unsere Töchter? Aber das ist doch nur Unterhaltungsliteratur, höre ich die Fans unken. Und ich möchte ganz laut schreien: JA EBEN! Immer und immer wieder lest ihr das. Einmal vielleicht noch spannend, aber beim 120. Aufguss muss ich mich doch fragen, wieso das hübsche intelligente Mädchen aus dem neuesten Bestseller, sich immer wieder benutzen lässt, als wäre sie wertlos. Fragt man sich nicht irgendwann, wieso dieses großartige Mädchen nicht einfach losgeht und die Welt erobert? Stattdessen lässt sie sich so lange klein machen, bis der bombastisch aussehende Held zur Besinnung kommt und am Ende handzahm wird wie ein Hündchen. Sexy Hündchen natürlich, weil normal hat man ja zu Hause sitzen.

fight freedom

Wir lachen über den amerikanischen Wahlkampf und über das oben gezeigte Foto, aber wir sind doch eigentlich nicht viel besser. Ich liebe Unterhaltungsromane. Ich mag auch gerne mal einen schmalzigen Liebesroman und natürlich darf auch mal ein schweres Schicksal darin vorkommen. Aber in obiger Literatur werden alle diese Schicksalsschläge banalisiert. Sie sind nur Mittel zum Zweck, die Gefühle der Figuren in Bezug darauf sind unwichtig und werden kaum beleuchtet. Sie sind nur dazu da, den Protagonisten eine gebrochene Aura zu verleihen, die Leserinnen irrsinnigerweise anziehend finden.

Und fragt ihr euch nicht, wieso es solche Art von Literatur nicht für junge Männer gibt? Die lesen mit Anfang zwanzig Krimis, historische Romane, Fantasy, Klassiker, etc., während wir quietschend vor Begeisterung mit Mr. Grey ins Bett gehen. Ich frage mich, liebe Leserinnen, träumt ihr eigentlich wirklich davon, dass euch jemand schlecht behandelt?

Ich habe zu diesem Thema schon einmal eine Kolumne geschrieben, aber mein Blick darauf hat sich in den letzten Wochen und Monaten noch mal verschärft. Auch in Deutschland hatten wir dieses Jahr aufgrund der Silvesterereignisse in Köln eine (fadenscheinige) Sexismuss-Debatte. Ich finde es verstörend, wie wir uns in vielen Dingen zurück entwickeln. Ich glaube nicht, dass die Frauen, die einmal für unsere Rechte gekämpft haben, ein „Grab my pussy“ T-Shirt im Sinn hatten. Und ich wiederhole etwas aus der anderen Kolumne. Wer glaubt, dass Literatur keine Bedeutung hat, wer glaubt, dass etwas, was man täglich oder zumindest oft konsumiert, nicht unser Denken und Handeln beeinflusst, der glaubt auch an die Wachstumskurve aus der Alpecin Werbung.

Ich für meinen Teil halte es lieber mit Astrid Lindgren: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“