Attenberg, Jami: Die Middlesteins

Originaltitel: The Middlesteins
Verlag:
btb
erschienen:
2016
Seiten:
272
Ausgabe:
Taschenbuch
ISBN:
3442713803
Übersetzung:
Barbara Christ

Klappentext:

Über dreißig Jahre lang haben Edie und Richard Middlestein ein ganz normales Familienleben in einem Vorort von Chicago geführt. Auf einmal drohen die Dinge auseinanderzubrechen, nicht ganz unschuldig daran ist Edies enormer Umfang. Essen ist für sie eine Sucht – und wenn sich das nicht ändert, hat sie nicht mehr lange zu leben. Als Richard ihren Eigensinn nicht mehr aushält und Edie verlässt, machen ihre Tochter Robin, ihr Sohn Benny und dessen Frau Rachelle es sich zur Aufgabe, Edie zu retten. Doch statt bei dieser heiklen Aufgabe an einem Strang zu ziehen, stehen sich alle gegenseitig im Weg. Und so steuert diese aberwitzige Familiengeschichte unerbittlich auf die spektakuläre Bar-Mizwa-Party der Zwillingsenkel zu, die ein Fiasko zu werden droht

Rezension:

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich dieses kleine, aber feine Buch genossen habe. Aus mehreren Perspektiven wird das Leben der Familie Middlestein beschrieben. Es gibt Rückblenden, Gespräche und vor allen Dingen eine unglaubliche Bar-Mizwa-Party zu feiern. Dabei dreht sich alles ums Essen und dabei besonders um das Gewicht von Mutter Edie, deren Sucht die ganze Familie bedroht.

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Wunderbar lakonisch erzählt Jami Attenberg und trifft dabei genau den richtigen Ton aus Drama und Humor, denn eigentlich ist an Edies Situation überhaupt nichts witzig. Edie hat ein unglaubliches Essproblem. Sie isst nicht, sie frisst und obwohl ihre Gesundheit angeschlagen ist, nimmt sie sich weder die Ratschläge ihrer Ärzte, noch die ihrer Familie zu Herzen. Tatsächlich hegte ich beim Lesen sehr ambivalente Gefühle ihr gegenüber. Natürlich tut sie einem leid, aber sie nimmt einen so großen Einfluss auf ihren Mann und ihre Kinder, die mit in ihre Sucht hineingezogen werden, dass ich sie oft verflucht habe. Aber letztlich gilt dies auch für ihren Mann, der sie einfach mit ihren Problemen hängen lässt. Wobei man sich unwillkürlich fragt, wie lange man selbst diese Situation an seiner Stelle ausgehalten hätte.

Die Kinder kommen durch die Perspektivwechsel ebenfalls sehr unmittelbar zu Wort und es entspinnt sich ein feingliedriges psychologisches Netz, welches besonders durch pointierte Dialoge brilliert. Immer wieder pendelt Attenberg dabei zwischent Tragik und Komik. Wer sich auf jeder Seite totlachen möchte, für den ist dieses Buch nichts, wer allerdings den Humor hinter den Zeilen erkennen kann, der wird viel Vergnügen mit diesem Buch haben.

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Natürlich dreht sich aufgrund von Edie in dem Buch sehr viel ums Essen. Es wird zu viel gegessen, zu wenig gegessen, sich als Gesundheitsapostel aufgespielt und ermahnt. Es ist immer Teil des Leben der Middlesteins. Aber eigentlich stellt sich im Laufe der Zeit die Frage, was diese Familie zusammhält und wie das eigentlich bei unseren Familien und Beziehungen ist. Was ist Verpflichtung? Was ist Liebe, Treue, Freundschaft, Geborgenheit oder der Wunsch nach Anerkennung. All dies packt die Autorin in nicht mal 300 leichtfüßige Seiten.

„Die Middlesteins“ sind keine perfekte Familie. Sie sind neurotisch und chaotisch, aber bestechen doch auch durch viel Wärme und Liebe. Nicht immer heißt man ihre Handlungsweisen gut oder findet sie sympathisch, aber sie wirken wie echte Menschen, die uns wichtige Themen wie Liebe, Krankheit und Tod näherbringen. Familien sind anstrengend, aber sie sind letztlich doch jede Mühe wert.

Note: 1