Hunt, Laird: Die Zweige der Esche

Originaltitel: Neverhome
Verlag:
btb
erschienen:
2017
Seiten:
 288
Ausgabe:
Hardcover
ISBN:
3442754887
Übersetzung:
Kathrin Razum

Klappentext:

Sie nennt sich selbst Ash, doch das ist nicht ihr wahrer Name. Eigentlich ist sie Constance, die treusorgende Ehefrau eines Farmers in Indiana. Aber sie ist die bessere Schützin und die mutigere von beiden. Also schneidet sie sich die Haare ab und verbirgt ihre weiblichen Formen unter der Uniform der Nordsaaten, um für die Freiheit zu kämpfen. Doch was treibt sie wirklich in den Krieg?

Warum verlässt sie ihren Ehemann, um den Terror des Krieges in seiner ganzen Grausamkeit zu erleben? Und wird es ihr gelingen, jemals wieder zur heimischen Farm zurückzukehren?

Rezension:

Kriegsromane kommen meist ohne weibliches Personal aus. Besonders bei historischen Romanen halten die Damen höchstens als daheim gelassene Ehefrauen oder wenn es hochkommt als Lazarettschwestern her. Das ist ja auch durchaus realistisch, erklärt aber auch, wieso „Die Zweige der Esche“ so anders ist, als die zugegeben wenigen Kriegsromane, die ich bisher gelesen habe.

Anstatt ihres Mannes, beschließt Constance in den Krieg zu ziehen. Sie verkleidet sich, kürzt ihre Haare und verlässt sich ganz auf ihren Mut und ihre Waffenkünste, um im amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Nordstaaten für die Freiheit zu kämpfen. Und nein, wer jetzt ein typisches Bürgerkriegsdrama erwartet, der wird ebenfalls enttäuscht. Keine Reifröcke, keine Plantagen, kein Herz-Schmerz.

Stattdessen erzählt unsere Heldin Ash alias Constance von den Gräueln eines Krieges, von ihrem Leben als Farmersfrau und ihrer Kindheit. Langsam entblättert sich dabei, wieso Constance wirklich bereit war ihren Mann und ihr Zuhause zu verlassen. Man beginnt zu verstehen, wie aus der jungen Frau eine solche Kämpferin wurde. Dabei macht es der Autor dem Leser nicht leicht, denn Ash weckte mehrfach ambivalente Gefühle in mir. Sie ist hilfsbereit und gutherzig und die Schrecken des Krieges machen ihr zu schaffen, aber in manchen Situationen ist sie auch kalt und berechnend. Es erfordert fast ein wenig Mut sich auf die ungewöhnliche Heldin einzulassen, aber tatsächlich ergibt letztendlich alles einen Sinn.

Stilistisch nähert sich Laird Hunt seiner Protagonistin und dem Geschehen mit distanzierter Kühle. Vielleicht, um die Handlung nicht überdramatisch erscheinen zu lassen, vielleicht aber auch, weil weder Ash, noch der Krieg dies benötigen. Obwohl Ash ihre wahre Identität verschleiern muss, bleibt sie während des ganzen Romans, wer sie ist. Sie gibt vor jemand anderes zu sein, um in den Krieg ziehen zu können, aber sie ist trotzdem die ganze Zeit sie selbst. Es ist Hunts Kunststück eine Frau als Mann zu beschreiben und sie dennoch die ganze Zeit Frau sein zu lassen.

Der amerikanische Bürgerkrieg ist trotz allem nicht das Hauptthema des Romans. Natürlich gibt es einige grausame Schlachtenszenen, aber die wirkliche Grausamkeit von „Die Zweige der Esche“ kommen aus einer anderen Richtung und schleichen sich fast hinterrücks an. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete und nimmt einen mit seiner Düsternis komplett gefangen. Für mich ist Laird Hunt eine positive Überraschung und ich hoffe, dieses kleine aufwühlende Buch findet jede Menge Leser.