Darf dat überhaupt?

diskussionGerade habe ich für den Bücherkisten-Instagram-Feed meine aktuelle Lektüre für die Nachwelt festgehalten und während ich so die Bücher neben dem Laptop drapierte und das Handy mit der Instagram-App zückte, fiel mein Blick zurück auf den Stapel, ich ließ das Handy sinken und fragte mich laut: „Darf dat überhaupt?“

Gemeint ist, darf ich Kurzgeschichten von Hilary Mantel lesen oder einen feministischen Frauenroman einer Türkin und gleichzeitig aber einen Young Adult Roman aus dem Carlsen Verlag? Darf ich schottische Hochländer anschmachten und mit David Copperfield durch die Straßen schlendern, wärend auf dem Nachttisch Cormoran Strike seinen ersten Fall löst? Darf ich eine Autorin lesen, die (oh Gott oh Gott) gar keinen Verlag hat und sich selbst verlegt, während ich in der Mittagspause die neueste Manesse Ausgabe von „Washington Square“ aus meinem Rucksack nehme? Darf ich einen christlichen Familienroman auf den neuesten Crossfire Band von Sylvia Day legen oder gibt es dann Blitz und Donner?

Ich denke seit einigen Wochen über die Ausrichtung meines Blogs nach. Die letzten zwei Jahre bin ich auch aufgrund einiger privater Stürme nicht so wirklich dazu gekommen, die Bücherkiste zu füttern. Aber gerade in den letzten zwei Jahren hat sich auch unglaublich viel in der Bloggerszene getan. Die Bücherkiste hat vor 15 Jahren (ich bin alt….) als Rezensionsseite angefangen. Damals gab es noch keine Blogs. Damals gab es kein Facebook. Herrgott… damals gab es Handys, wo man die Antenne rausziehen musste und wenn man sich ins Internet einwählen wollte, konnte man sich einen Kaffee kochen, bis das Modem mit seinen merkwürdigen Geräuschen fertig war.

Irgendwann bin ich dann jedoch zu wordpress gewechselt. Allerdings nur aus praktischen Gründen, weil ich von nun an von überall auf der Welt meine Seite bearbeiten konnte. Der Look  einer Rezensionsseite blieb, bis ich mich letztes Jahr für ein neues Layout entschied und die für mich richtige Mischung aus Rezensionsseite und Blog fand.

Die ersten  knapp drei Wochen des neuen Jahres habe ich so intensiv an der Bücherkiste gewerkelt, wie seit einer Ewigkeit nicht mehr. Rezensionen geschrieben, Instagram Account eingerichtet, Graphiken erstellt, Ideen gesammelt, Layout weiter verfeinert und viel gelesen. Weil ohne Bücher lesen, kein Inhalt für das Literaturblog. ;-)  Und dann habe ich mich in der Bloggerwelt umgesehen und neben ein paar Highlights, auch vieles entdeckt, was mich zum Nachdenken gebracht hat.

Gefühlt gibt es zwei verschiedene Arten von Blogs. Die stylischen minimalistischen und aufgeräumten Blogs, die in der Regel zeitgenössische Belletristik besprechen und die meist etwas bunteren und überladeneren Blogs, die naja… alles andere besprechen. Vornehmlich Fantasy, Jugendbücher und Liebesromane sämtlicher Spielarten. Vermischungen gibt es da selten. Und ich frage mich, wieso ist das so?

Wieso ist man ein literarischer Snob, wenn man lieber Gordimer als Kinsella liest und wieso ist man doof, wenn man die umgekehrte Reihenfolge bevorzugt? Und wieso geht nicht Beides? Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kommilitonin, mit der ich gemeinsam Literaturwissenschaften in Bochum studierte. Wir kannten uns noch nicht lange und sie fragte mich nach einem Seminar, was ich denn privat lesen würde. Ich nannte ihr dann ein paar Autoren und Titel und sie schaute mich an und meinte, dann liest Du also nur U- und gar keine E-Literatur. Ja, sie hatte offensichtlich das Einführungsbuch in die Literaturwissenschaften unseres Professors auswendig gelernt. Das „U“ steht hier für Unterhaltung und das „E“ für Ernsthaftigkeit. Damals mit 19 Jahren, habe ich glaube ich nur schulterzuckend gelächelt und nichts gesagt. Heute würde ich wohl mit einem aufmüpfigen „weder noch“ antworten, denn tatsächlich sind mir sämtliche Schubladen und Etikettierungen vollkommen egal.

Ich lese ein Buch aus vielen Gründen. Weil es von meinem Lieblingsautor ist. Weil der Klappentext spannend klingt. Weil das Cover wunderschön ist. Weil der Titel sperrig ist und mich irgendwie anspricht. Weil der Verlag in der Vorschau die richtigen Worte gefunden hat. Weil ich mich nach einer Leseprobe in eine Figur, die Handlung oder die Sprache verliebt habe (oder sogar in alles gleichzeitig). Weil ich es geschenkt bekommen habe. Weil es mir jemand empfohlen hat. Weil es ein Bestseller ist. Weil es kein Bestseller ist. Weil grad nix anderes da ist.

Die Quintessenz ist, irgendwas hat mich an dem Ding mit den vielen Seiten gepackt und es ist mir total egal, ob Elke Heidenreich sagt, ich darf keine Fantasyromane lesen, weil das blöder Schund ist. Es ist mir vollkommen egal, dass manche Leute glauben, man dürfe keine Nackenbeißer lesen. In der Öffentlichkeit schon mal gar nicht! Und es ist mir egal, wenn man als wunderlich gilt, weil man sechs Ausgaben von „Feuer und Stein“ von Diana Gabaldon und fünf Ausgaben von „Vom Winde verweht“ besitzt und in der Vitrine anstatt Weingläser Tolkien-Prachtausgaben mehreren Sprachen stehen. Es ist mir egal, dass ich nach 20 Seiten „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“, schon 10 Sätze rausgeschrieben haben, weil sie so unglaublich schön sind, dass man vor Freude Purzelbäume schlagen möchte.

Natürlich verändert sich in einem langen Leseleben der Geschmack.Wenn man vieles schon mal gelesen hat, braucht es manchmal etwas mehr um  noch zu begeistern. Ich persönlich habe zudem noch immer Phasen, in denen ich ein Genre bevorzuge, aber grundsätzlich weiß ich mittlerweile eine schöne Sprache besser zu würdigen, als vor zwanzig Jahren, wo es mir vielleicht doch fast ausschließlich um eine gute und schlüssige Handlung ging

Doch die Frage bleibt, was will man auf seinem Blog. Kann man mehr oder weniger alles besprechen oder ist man gesichtslos und beliebig, wenn man keine Auswahl trifft. Davon mal ganz abgesehen, dass keiner alles lesen kann – jedenfalls nicht so lange „Gilmore Girls“ gucken und Bücher lesen kein anerkannter und gut bezahlter Beruf ist und selbst dann, wird es zeitlich knapp jedes Jahr mehrere tausend Neuerscheinungen zu lesen. :mrgreen: 

Aber wie gesagt, wie gibt man dem eigenen Literaturblog ein Gesicht in einer Bloggerwelt, in der es fast nur schwarz und weiß zu geben scheint. Die Antwort ist offensichtlich. Einfach wie in vielen anderen Lebenslagen, dem Bauchgefühl vertrauen. Die Bücherkiste ist vielleicht nicht ganz so hipp und cool und auch nicht so niedlich und bunt, aber das ist wohl auch so ganz richtig, wenn die Bloggerin all das auch irgendwie nicht ist. ;-) 

Klischees zu bemühen, finde ich von jeher langweilig. Ich verfolge seit längerer Zeit das Fashion- und Reiseblog Josie Loves von Sarah Eichhorn. Normalerweise finde ich Fashionblogs unglaublich öde. Entweder es sind Kindergarten-Blogs, wo jeden Tag der billige Kram von H&M und Primark abfotographiert wird oder die Bloggerinnen spielen sich wie Supermodels auf, was sie teilweise sogar tatsächlich sind. Chiara Ferragni hat zum Beispiel über 3 Millionen Follower auf Instagram und ist mit ihrem Blog zur Millionärin geworden und arbeitet sogar mittlerweile als Designerin. Nun haben Mode und Beautyblogs noch andere Vermarktungsmöglichkeiten, aber auch davon abgesehen ist dieses Beispiel so fernab jeder für uns Bücherblogger erreichbaren Realität. Trotzdem gefällt mir z.B. an Sarahs Blog etwas, was viele andere Modeblogs eben nicht haben und das ist Persönlichkeit. Ihre Texte strahlen Warmherzigkeit aus und trotz des Modethemas ist sie auf dem Boden geblieben und scheut sich nicht auch unbequeme Wahrheiten über Magerwahn, Oberflächlichkeit der Branche, etc. auszusprechen. Auch das Layout ihres Blogs ist vollkommen untypisch. Ein bisschen verspielt und fernab der hippen Coolness, die ernstzunehmende Modeblogs ansonsten umweht.

Warum nun dieses ausufernde Beispiel? Um zu zeigen, dass es geht. Man kann sein eigenes Ding machen und es scheint sogar anderen Leuten zu gefallen. Immerhin bestreitet Sarah von ihrem Blog ihren Lebensunterhalt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diesem Beispiel folgen würden. Egal über welches Thema ihr bloggt, traut Euch, Euch von den Klischees der Bloggerszene zu befreien. Ihr müsst nicht mit Nerdbrille und zufällig ins Gesicht fallendem Pony rumlaufen.Wenn ihr das wollt, könnt ihr das natürlich. Es ist auch nicht wichtig, ob man mehr Facebook-Follower hat, als das Blog XY. Wer sich treu bleibt und interessanten Content schreibt, wird sich auf Dauer ohnehin durchsetzen, seine Nische und auch seine Leser finden. Gerade in der heutigen Welt – bleibt Euch treu. Seid ihr selbst!

Und nun geh ich ich einen weiteren Satz in Ece Temelkurans Buch markieren. Wundervoller Roman!

Waiting on Wednesday – Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street

Vorschauen sind doch wirklich der Tod eines jeden Büchernarrs. Früher, als es noch kein Internet gab (also in der Steinzeit) , ist man einfach losgezogen und hat ein Buch gekauft oder höchstens mal in einem Katalog geblättert. Heute habe ich eine ellenlange Liste von Büchern, die in sechs Monaten erscheinen! :roll: Auf der anderen Seite ist es widerum egal, wann oder wie man ein vielversprechendes Buch entdeckt. Ob in der Vorschau, im Buchladen oder lange, bevor es erscheint. So ging es mir vorhin bei der neuen Suhrkamp und Insel Vorschau, wo es plötzlich beim Umblättern „Badda Boom“ gemacht hat und deswegen ist dieser Titel auch das heutige „Waiting on Wednesday“:

New York, 1913. Die kleine Malka lebt mitten im Trubel der dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen im Einwandererviertel auf der Lower East Side. Die meisten hier sind arm, haben zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, leben von der Hand in den Mund. Doch listig und raffiniert, wie sie ist, lernt Malka schnell, sich im Viertel durchzuschlagen. Und genau da, mitten im abenteuerlichen Gemenge, wo die jiddischen und italienischen Rufe der fahrenden Händler durch die Straßen schallen, wendet sich Malkas Schicksal. Denn dort trifft sie Papa Dinello, der sie in das köstlichste Geheimnis der Welt einweiht: das Wunder der Eiscreme, die Verführung der süßen Magie. Für Malka beginnt eine wahre Tour de Force durch das Leben – und aus dem pfiffigen und erfinderischen Mädchen wird die Grand Dame Lillian Dunkle, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium …
Dieser Roman fegt wie ein Wirbelwind durch das 20. Jahrhundert und erzählt die außergewöhnliche Geschichte einer ungezähmten Heldin, eines turbulenten Lebens und der Entdeckung der süßen Magie.

Waiting on Wednesday – Mechthild Gläser: Die Buchspringer

Das habe ich schon auf einigen Blogs gesehen und möchte die Idee auch gerne auf meinem Blog fortführen. Ein noch nicht erschienendes Buch zu benennen, auf das man sehnsüchtig wartet, finde ich eigentlich ziemlich einfach. Die Schwierigkeit ist wohl eher, sich auf eins zu beschränken!

Ich habe mir für die Premiere „Die Buchspringer“ von Mechthild Gläser ausgesucht:

Klappentext: Während des Sommerurlaubs auf einer vergessenen Shetlandinsel erfährt Amy, dass sie als Mitglied der Familie Lennox of Stormsay über die Fähigkeit verfügt, in Bücher zu reisen und dort Einfluss auf die Geschichten zu nehmen. Schnell findet Amy Freunde in der Buchwelt: Schir Khan, der Tiger aus dem Dschungelbuch, hat stets wertvolle Ratschläge für sie, während Goethes Werther zwar seinen Liebeskummer in tintenhaltigen Cocktails ertränkt, Amy aber auch ein treuer Freund ist, seit sie ihn vor den Annäherungsversuchen der Hexen aus Macbeth gerettet hat. Lediglich die Idee, Oliver Twist Kaugummi zu schenken, war nicht die beste …

Doch bald merkt Amy, dass die Buchwelt nicht so friedlich ist, wie sie zunächst scheint. Erst verschwindet Geld aus den Schatzkammern von Ali Baba, dann verletzt sich Elizabeth Bennet auf dem Weg zum Ball mit Mr Darcy, sodass eine der bekanntesten Liebesgeschichten der Weltliteratur im Keim erstickt wird. Für Amy ist klar: Sie muss den Störenfried stellen! Doch erst, als sich die Zwischenfälle auch auf die Realität auswirken und schließlich sogar ein Todesopfer fordern, wird Amy klar, wie ernst die Bedrohung ist. Worauf hat es der geheimnisvolle Attentäter wirklich abgesehen?

Klingt das nicht einfach wunderbar? Bücher über Bücher, die zudem ein bisschen verrückt erscheinen, sind einfach genau mein Ding. Und , wenn ich dann noch Oliver Twist, Mr. Darcy und Konsorten lese, dann setzt bei mir alles aus. Sprich, ich laufe eigentlich direkt wie ein ferngesteuerter Zombie (stellt es Euch vor wie bei „The Walking Dead“… Arme nach vorne…komische Geräusche, striktes Geradeausgehen) in die nächste Buchhandlung. Blöderweise gibt’s das Buch ja noch nicht! GRMPF!

Lesetagebuch #1

Momentan lese ich mal wieder einen ganzen Haufen Bücher gleichzeitig.

Auf meinem Reader lese ich „Der Ruf der Trommel“ von Diana Gabaldon. Ungefähr mein 37980. Re-Read, um dann endlich mit Band 5 zu starten, der für mich inklusive der folgenden Bände dann eine Premiere sein wird. Dann habe ich eine ziemliche 80er Jahre Anwandlung, denn ich lese die Casteel-Saga von V.C. Andrews. Übrigens ebenfalls ein Re-Read. Ich bin bereits im zweiten Band und bin mal wieder fasziniert, dass Andrews so einen hanebüchenen Kram schreibt, dem man sich aber komischerweise trotzdem nicht entziehen kann. Schreiben kann sie wirklich!

Seit gestern kommt das – nur geliehene – „Not that kind of girl“ von Lena Dunham dazu. In den USA ist Schauspielerin und Produzentin Lena Dunham Everybodys Darling, weil sie sich gegen das Schönheitsideal und Frauenbild in Hollywood wehrt. Ich kenne ihre Serie „Girls“ zwar nicht, da ich die amerikanischen Filmbranche aber recht intensiv verfolge, weiß ich jedoch um ihre momentane Rolle. Angefangen vom „Skandal“ im letzten Jahr, als sich die eher moppelige Lena in ihrer Serie gerne mal im Adamskostüm zeigte oder ihre mehr als merkwürdigen Klamotten auf diversen Preisverleihungen. Ich finde ja sympathisch uneitel in diesem ganzen Kosmos von gebotoxten Weibern immer super, aber die gute Frau scheint einen merkwürdigen Hang zur Hässlichkeit zu haben, den ich auch nicht verstehe (einfach mal nach Lenas Outfit der diesjährigen Emmy Verleihung googeln, dann weißte Bescheid …)

Trotzdem dachte ich mir, liest du mal das, was Miss Dunham so zu sagen hat und nach 50 Seiten, kann ich nur sagen… ach Gott… das ist alles? Neurotisch und total Ich-bezogen? Und das nicht mal besonders witzig und neu schon mal gar nicht. Ich unterdrücke ein müdes Gähnen und warte noch mal 50 Seiten. Bisher kann ich nur sagen, ganz schön viel Schall und Rauch, um ein weißes Mädchen, welches sich in banalen Kleinigkeiten suhlt und aus allem ein Drama macht. Also das schaff ich auch und ich würd mich dabei besser anziehen! :mrgreen: 

 

Zur Lage der (Buchhandels)Nation – ein Kommentar

Die Bücherkiste war von jeher mit dem Partnerprogramm von amazon verknüpft. Einfach, weil es lange, lange der einzig ernstzunehmene Internethändler war, den man ohne große Arbeit verlinken konnte. Dies ist allerdings schon lange nicht mehr so und so tat ich es eigentlich nur noch aus Gewohnheit. In den letzten Wochen und Monaten ist viel über amazon berichtet worden und so habe ich heute beschlossen auf der Bücherkiste nicht mehr zu amazon zu verlinken. Allerdings habe ich mich auch dazu entschieden, amazon nicht durch einen anderen Händler zu ersetzen, denn ich möchte, dass IHR selbst entscheidet, wo ihr Euer Buch kauft. Thalia, Amazon, Weltbild, Mayersche, kleine inhabergeführte Buchhandlung? Jeder so, wie er oder sie gerne möchte. Nur ich möchte mich einfach vor keinen Karren mehr spannen lassen, auch wenn mir dadurch vielleicht ein paar Euro Provision durch die Lappen gehen. Aber wer eine Literaturseite zum Geldverdienen betreibt, hat sowieso was falsch gemacht! ;-)

Ich möchte jedoch auch ein paar weitere Worte zum Thema verlieren. Ich habe in einer klitzekleinen inhabergeführten Buchhandlung meine Ausbildung gemacht. Leider existiert diese Buchhandlung schon lange nicht mehr, weil die Mayersche Buchhandelskette es vor knapp 10 Jahren für eine ganz tolle Idee gehalten hat, in den Dortmunder Vorort Hombruch zu gehen. Das war damals ein Novum, weil die Ketten eigentlich nur in die Innenstädte ziehen, aber die zwei kleinen Buchhandlungen in Hombruch waren der Mayerschen anscheinend ein Dorn im Auge, zumal der Dortmunder Süden der einkommensstärkste Bevölkerungsteil in Dortmund ist. Das war für uns damals ziemlich schlagartig das aus. Mittlerweile arbeite ich seit 8 Jahren bei Weltbild – also dem genauen Gegenteil, einer Kette.

Beide Seiten haben ihre Vor- und Nachteile. Ich habe die Zeit meiner Ausbildung geliebt, aber es ist auch ein hartes Brot, wenn man keinen Konzern hinter sich stehen hat. Die Freiheiten sind wunderbar. Man muss eben keinen halben Tisch voll mit Dieter Bohlen und Akif Pirinçci bestücken, sondern hat halt für den Kaufwilligen eins im Regal stehen, dafür aber Stapel von Büchern auf dem Tisch, hinter denen man steht und die man empfehlen kann und will. Es ist toll, wenn man einen Großteil seiner Kunden mit Namen kennt, ihre Familiengeschichte, ihre Vorlieben in Sachen Literatur. Ja, es war tatsächlich eiin bisschen so wie wie in „Email für dich“, auch wenn das bei dem ein oder anderen ein Augenrollen hervorruft. Ja, ich weiß, früher hatten wir auch nen Kaiser und sind in Kutschen gefahren. Trotzdem war es toll. Übrigens für die Stammkunden UND die Mitarbeiter.

Denn auch letztere sind menschliche Wesen, die als solche wahrgenommen werden möchten. Und ja, es macht mehr Spaß, wenn einem ein Kunde ein Eis mitbringt, anstatt immer nur seinen Frust bei einem abzuladen, weil man für ihn das anonyme Wesen ist, das stellvertretend für alles Übel des jeweiligen Konzern steht. Aber es ist auch für den Kunden schön, wenn er seinen prall gefüllten Zettel voller Nackenbeißertitel abgeben kann und anstatt schräg angeguckt zu werden, sich mit der Buchhändlerin über die Vor- und Nachteile von Schotten in Kilts austauschen kann, während man der nächsten Kundin einen ungefragt zurückgelegten Thriller mit den Worten „ist richtig blutig, so wie sie es mögen“ in die Hände drückt und sie sozusagen augenblicklich anfängt zu lesen.

Ich weiß, alles niedliche Geschichten, die man irgendwann mal seinen Enkeln erzählen kann, die einem aber nicht helfen, sich den Realitäten des heutigen Buchhandels zu stellen. Ich wollte es trotzdem mal gesagt haben. Und bevor wieder einer aufstöhnt, natürlich gibt es nette Kunden auch in großen Buchläden. Erst kürzlich hat mir eine Kundin eine Tüte gebrauchte Manesse Büchlein vorbeigebracht, weil wir uns mal bei einem Pläuschchen über diese Bücher unterhalten haben und sie nicht mehr weiß, wohin damit. Das passiert einem auch bei Weltbild. Ist aber leider seltener.

Aber zurück zum Thema. Amazon hatte in den letzten Jahren viele tolle Ideen. Sie sind innovativ und trauen sich in ihre Ideen Geld zu investieren. Ich denke, ohne amazon gebe es heute keinen nennenswerten ebook-Markt und ja, die deutsche Buchhandelsgemeinde hat diesen Trend kräftig verpennt. Sicher, die Tolinoallianz hat aufgeholt, aber im Prinzip existiert sie nur aus der Not heraus.

Der momentane Status Quo ist geteilt. Der deutsche Buchhandel plus Verlagswesen sieht den Riesen als fleischgewordenen Teufel, die lieben Selfpublisher stehen natürlich auf der anderen Seite, weil man beißt ja nicht die Hand, die einen füttert, denn seien wir mal ehrlich, ohne amazon gäbe es einen Großteil dieser Selfpublisher gar nicht. Deswegen sich hinzustellen und amazon für die tollste Erfindung seit der Waschmaschine zu halten, ist für meine Begriffe auch ziemlich kleinkariert. Ich glaube, die Wahrheit liegt dazwischen, denn amazon ist beides! Die buchhandelsfressende Ratte und die tolle Ideenschmiede.

Ich mag aber auch nicht mehr hören, dass der Buchhandel sich doch bitte mehr anstrengen soll, dann würden die Kunden auch nicht mehr bei amazon kaufen. Ja klar, und heute abend fallen dicke weiße Flocken vom Himmel und wir singen alle Hummtata. Man kann das Rad nicht neu erfinden. Wir bestellen Ware, wir dekorieren sie, wir geben Empfehlungen und wir verkaufen. Und wenn ein Kunde in meinen Laden kommt und ein bestimmtes Buch haben will, was ich nicht da habe, dann hat es nichts mit meiner Unfähigkeit zu tun, sondern vielleicht daran, dass ich nicht genug Platz für die Millionen Bücher habe, die es so gibt. Man kann schlicht vom stationären Buchhandel nicht verlangen, dass sie alles da haben. Trotzdem könnte man ja beim Onlineshop des betreffenden Buchladens das Buch bestellen. Sogar nach Hause. Zumindest die großen Ketten wie Weltbild, Hugendubel, Thalia haben so etwas und viele kleine Buchläden längst auch. Trotzdem werden diese Seiten weniger genutzt, als amazon. Und woran liegt das?

Tja, weil man bei amazon so hübsch die nächste fällige Packung Pampers und den Lipgloss und die Kondome und diese Schokoriegel und ach, die Waschmaschine von weiter oben ist auch grad in die Binsen, bestellen kann. Und woran liegt das? Weil wir alle strunzenfaul geworden sind.

Und auch weil amazon als eine trendige Marke wahrgenommen wird. Ein bisschen so wie Apple und Starbucks. Die Leute haben das Gefühl, sie kaufen ein Premiumprodukt, dabei ist es auch nur Kaffee und nur ein Handy und nur ein Buch. Das liegt vielleicht daran, weil amazon der erste Buchhändler im Internet war. Ich erinnere mich an die späten 90er, wo 80% der Deutschen noch gar kein Internet hatten. Damals gab es kaum Internethändler, noch keine Blogs und eine handvoll Literaturseiten, die versuchten eine Community aufzubauen. Damals war amazon nur ein Buchhändler. Die Fernseher, das Klopapier und all das andere Zeugs kamen erst später.

Das Internet, nicht nur amazon haben den Einzelhandel verändert, aber die Bedeutung dieses Wandels muss viel mehr in den Fokus gerückt werden. Es geht nicht nur um den Buchhandel. Es geht um Spielzeugläden, um Boutiquen, um Plattenläden, etc. etc.

Vorgestern hörte ich im Radio einen Bericht, wo sich eine Mutter darüber beschwerte, dass sie in keinem Laden in der Stadt eine Schulgeldbörse (was das genau ist, weiß ich im Übrigen auch nicht) für ihren Sohn bekommen konnte, dabei wären ja nächste Woche die Ferien zu Ende. Das wäre vom Einzelhandel ja eine bodenlose Frechheit. Tja, wozu soll der liebe Einzelhandel denn bitte schön zwanzig verschiedene Geldbörsen bestellen und auf Lager haben, wenn kein Schwein mehr kommt und danach fragt. Solll ich auf die eine Kundin in 6 Wochen warten, die so was haben will? Es wird sich immer über den Einzelhandel aufgeregt, aber Leute, wenn ihr den Einzelhandel mal nutzen würdet, könnnte der auch besser planen, Dinge vorrätig haben, weil er auch weiß, dass danach gefragt wird und das er es auch verkauft.

Mir geht dieses „der Kunde ist König“ total auf den Zeiger. Wenn der liebe König nur alle paar Jahre mal vorbeischaut, dann hilft das leider wenig. Auch die Kunden haben eine Verantwortung. Die Innenstädte sterben schon und irgendwann kann man nicht mehr am 24.12. noch das obligatorische Parfum für Omi und das Buch für Opa kaufen, weil dann gibt es die Geschäfte nicht mehr. Aber vielleicht schickt amazon dann ja einen mit’m Fahrrad oder ne Drohne.

Mich macht es wütend, dass alle immer nur an sich denken. Natürlich ist auch im deutschen Buchhandel nicht alles tutti. Bei den großen Buchhandelsketten sind die Arbeitsbedingungen auch nicht wunderschön, aber wenigstens zahlen die Unternehmen hier ihre Steuern. Aber wir verbrennen in den letzten Jahren Arbeitsplätze (überhaupt im Einzelhandel), dass ich mich frage, wer soll eigentlich irgendwann bei amazon noch kaufen, wenn alle arbeitslos sind, die Städte leer. Wir brauchen den Einzelhandel und damit meine ich nicht nur die Leute, die darin arbeiten. Wir hofieren Euch Kunden gerne als König, aber wir müssen auch die Möglichkeit dazu bekommen.

Leider befinden wir uns mittlerweile schon in einem Teufelskreis und man muss sogar Dinge bestellen, weil man sie schlichtweg stationär nicht mehr bekommt. Aber wie gesagt, kein Einzelhändler kann sich totes Kapital aufs Lager legen, nur weil er hofft, dass doch mal jemand fragt. Solange es kein grundsätzliches Umdenken gibt, wird die Spirale immer weiter nach unten zeigen. Das hat für mich nichts mit Schuldzuweisungen zu tun, aber jedem muss bewusst sein, dass sein Kaufverhalten direkte Auswirkungen hat.

Und das Gejammer wird groß sein, auch bei den Selfpublishern, denen amazon jetzt die ganze Torte gibt und irgendwann wahrscheinlich auch nur noch ein paar Krümel. Ich weiß, es gibt keine wirkliche Alternative und würde ich jetzt veröffentlichen, würde ich es auch (wenn ohne Verlag) bei amazon tun. Ich boykottiere den Laden ja nicht. Auch ich bestelle da schon mal Sachen, die ich woanders nicht kriege. Ich würde mir nur wünschen, dass alle mal ein bisschen ehrlicher sind und sich den Gefahren bewusst werden, die so ein Monopol mit sich bringt. Denn ist es nicht gerade die Vielfalt, die unsere Literatur ausmacht? Was passiert, wenn doch irgendwann mal die Buchpreisbindung fällt? Wenn amazon – weil sie den langen Atem haben – in einer beispiellosen Rabattschlacht alle anderen Händler ausstechen wird, um dann hinterher die Preise diktieren zu können? Alles Schwarzmalerei? Dann schaut mal über den Atlantik!

Ja, der Einzelhandel muss sich anstrengen und den Einkauf zu einem Erlebnis machen. Aber wenn der Kunde möchte, dass man ihm alles nach Hause trägt, damit er sich nicht mehr vom Sofa bewegen muss, dann hat der Einzelhandel keine Chance und dann kann er sich auch noch so anstrengen und noch so tolle Ideen haben. Vielleicht schmiert Euch der Postbote ja auch demnächst das Bütterken? Und bitte kommt mir jetzt nicht wieder mit den vielbeschäftigten arbeitenden Menschen. Früher hatten die Geschäfte viel weniger Stunden am Tag geöffnet und trotzdem ist keiner verhungert oder lief ziellos nackig durch die Straßen.

Ich höre immer, dass der Kunde sich nicht gängeln lassen will, dass er selbst entscheiden darf, kann und muss. Gerne! Auch ich rufe keinesweg zum amazon-Boykott auf (wie ich schon sagte, auch ich bestelle hin und wieder dort), aber ich finde schon, dass man die Bevölkerung in die Pflicht nehmen darf, mal mehr nachzudenken. Es geht nicht um den Buchhandel, es geht um den Einzelhandel insgesamt. Es geht darum, dass wir alles am liebsten nur noch super günstig oder am besten umsonst haben wollen. Aber bitte Bio und mit fairen Arbeitsmethoden. Nur geht das alles auf einmal nicht. Wir können direkt durch unser Kaufverhalten Einfluss nehmen. Wollen wir amerikanische Verhältnisse?

Mir geht die Diskussion nicht weit genug. Es geht nicht nur um Bücher. Es geht um grundsätzliches Kaufverhalten, um Arbeitsplätze, um Familien. Und es täte niemandem weh, wenn er seine Käufe weiter streut. Die Diskussion um amazon ist nur ein Anfang. Letztlich ist es eine gesellschaftliche Diskussion. Es geht nicht darum Kunden zu bevormunden, aber es geht darum Kunden zu informieren. Was sie dann mit dieser Information anfangen, bleibt ihnen ja zu überlassen. Wer aufgeklärt ist und trotzdem bei amazon kaufen möchte, der soll dies tun. Immerhin leben wir ja in einer Demokratie. :-)  Allerdings sollte man sich eben über die Auswirkungen seines Tun bewusst sein.

Amazon geht es nicht um den Verkauf von Ware, sondern um Marktmacht. Auch Thalia, Mayersche und Weltbild sind große Ketten, die viele kleine Buchhandlungen kaputt gemacht haben, aber sie sind wenigstens noch im weitesten Sinne Buchhändler, denen am Kulturgut Buch etwas liegt. Ich würde mir allerdings wünschen, dass Letztere sich doch eines von amazon abgucken – den Mut, mal etwas für Ideen und Innovationen zu wagen. Vielleicht fragt man da auch glatt mal die Mitarbeiter, also die Leute an der „Front“ und verlässt sich nicht immer nur auf die schicken in Auftrag gegebenen Studien und die super Ideen der Geschäftsführungen.

P.S. Ich weiß, der Text ist sehr lang und ich hoffe, Ihr seid nicht auf halbem Weg eingeschlafen. :mrgreen: Wer möchte, ist herzlich dazu eingeladen etwas zu diesem Kommentar zu schreiben. Egal ob hier oder auf Facebook oder wo auch immer. Dieser Text ist eine erweiterte Version eines Facebookbeitrages von mir auf meinem privaten Profil, der bereits einige Male geteilt und kommentiert worden ist.