Lobato, Carmen: Die Stadt der schweigenden Berge

Verlag: Knaur
erschienen:
2015
Seiten:
576
Ausgabe: Taschenbuch
ISBN:
3426514559

Klappentext:

Berlin 1931: Die junge Amarna ist fasziniert von der Kultur der Hethiter und vor allem von deren alter, versunkener Hauptstadt. Sie träumt davon, selbst einmal dorthin zu fahren, und vertieft sich in die Lektüre der Schriften jener Zeit. Doch ihr Vater, ein Altorientalist, verweigert ihr die Reise, obwohl er die Leidenschaft seiner Tochter teilt. Was ist auf jener Expedition passiert, die ihn einst in die verlorene Stadt führte? Und warum spricht er nie von der Mutter, an die Armana kaum eine Erinnerung hat? Mit Hilfe ihres Freundes Paul, der Amarna schon lange liebt, gelingt es ihr schließlich, ihren Traum zu verwirklichen – der sich jedoch bald als Alptraum entpuppt.

Rezension:

Berlin 1930, es ist nicht üblich das eine Frau studiert noch dazu Archäologie doch Amarna, Tochter eines Archäologen macht genau dies, außerdem hat sie sich für ihre Abschlussarbeit ein schwieriges Thema ausgesucht, und zwar das Gilgameschepos. Da sie in Berlin nicht weiterkommt, will sie unbedingt an den Ort, der von diesem Epos erzählt, nach Hattusa. Sie ahnt zu Beginn nicht, dass dieser Ort für sie selbst einige Geheimnisse hat und mit ihrem Leben verbunden ist. Alle raten ihr von dieser Reise ab, aber sie setzt sich durch.

Carmen Lobato nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein unbekanntes Land. Ihre Art zu erzählen ist fesselnd und lässt einen nicht mehr los. Einmal begonnen ist es fast nicht möglich, dieses Buch aus der Hand zu legen. Gerade die Protagonisten wie Amarna oder auch später Arman lassen einen nicht mehr los. Dabei ist es vor allem das Schicksal dieser Menschen mit ihrem tragischen Hintergrund welches zu Denken gibt. Die Reise in die Vergangenheit wird gerade für Amarna eine Reise in ihre eigene Vergangenheit, sie lernt dabei sich selber kennen und eben auch die Menschen die ihr viel bedeuten. Gleichzeitig lernt der Leser aber auch die Geschichte eines Volkes kennen. Über die Hethiter ist nicht so viel bekannt wie über andere Völker hier wird vielleicht sogar ein bisschen mehr als im üblichen Geschichtsunterricht erzählt.

Die gute Recherchearbeit der Autorin ist in jeder Zeile zu spüren, es steckt so viel Liebe im Detail. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, wie viel Herzblut der Autorin in der Geschichte steckt, oder vielleicht ist es auch nur mir aufgefallen da ich, dank diverser Internetplattformen mitverfolgen konnte, wie sie der Veröffentlichung entgegen fieberte. So wurden mir die Protagonisten schnell vertraut und sind mir an mein Leseherz gewachsen.

Ich habe in diesem Buch einiges gelesen, was ich so nicht kannte und mich gleichzeitig aufgefordert gefühlt noch etwas mehr dazu zu lesen. Das Gilgameschepos war mir völlig unbekannt, über die Hethiter hatte ich bisher nur wenig gelesen. Außerdem erfährt der Leser sehr viel aus dieser vergangenen Epoche der Hethiter. Aber genauso auch einiges aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Gerade über das Schicksal der Armenier in der damals noch jungen Türkei ist wenig bekannt. Viele Gräueltaten aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts werden und wurden heruntergespielt, in leisen Tönen macht die Autorin auch darauf aufmerksam, soweit dies in einem Roman eben möglich ist.

Ein zweiter kleinerer Handlungsstrang ist den Menschen in Hattusa gewidmet. Er erzählt die Liebesgeschichte dreier Menschen und gleichzeitig auch die Geschichte Hattusas. Er hebt sich etwas von dem ersten Erzählstrang ab und ist vielleicht auch ein bisschen sperrig zu lesen, aber mir hat gerade dieser Teil sehr gut gefallen, gibt er doch Einblicke in eine längst vergangene Epoche. Auch dieser Charaktere werden schnell vertraut und man fiebert automatisch um ihr Schicksal und hofft für sie, dass alles gut wird.

„Die Stadt der schweigenden Berge“ ist nicht einfach nur ein historischer Roman, sondern er erzählt von Liebe und davon was Liebe alles Aushalten kann. Von Schicksalen die berühren und zum Nachdenken anregen. Selten war ich nach der letzten Seite eines Buches so berührt und musste immer wieder an Amarna und ihren Arman denken, diese Geschichte ist einfach noch nicht zu Ende erzählt und so warte ich gespannt auf die Fortsetzung.

Note: 1

Lindner, Lilly: Was fehlt, wenn ich verschwunden bin

Lilly Lindner Was fehlt, wenn ich verschwunden bin Cover Verlag: Fischer
erschienen:
2015
Seiten:
400
Ausgabe:
Taschenbuch
ISBN:
9783733500931

Klappentext:

April ist fort. Seit Wochen kämpft sie in einer Klinik gegen ihre Magersucht an. Und seit Wochen antwortet sie nicht auf die Briefe, die ihre Schwester Phoebe ihr schreibt. Wann wird April endlich wieder nach Hause kommen? Warum antwortet sie ihr nicht? Phoebe hat tausend Fragen. Doch ihre Eltern schweigen hilflos und geben Phoebe keine Möglichkeit, zu begreifen, was ihrer Schwester fehlt. Aber sie versteht, wie unendlich traurig April ist. Und so schreibt sie ihr Briefe. Wort für Wort in die Stille hinein, die April hinterlassen hat.

Rezension:

Ich entschuldige mich schon einmal vorab, für diese wahrscheinlich ausufernde Rezension, aber das liegt an Phoebe und an April und an Lilly, die mich so tief berührt haben und mir viele neue Worte für Dinge gezeigt haben, von denen ich dachte, es gäbe gar keine anderen Worte dafür.

Das Buch kann man auch für sich sehen, aber es ist durchaus hilfreich, sich vorher kurz mit der Autorin zu beschäftigen. Lilly Lindner veröffentliche 2011 mit Mitte 20 ihre Autobiographie „Splitterfasernackt“, in der sie davon erzählt, wie sie als Kind sexuell missbraucht wurde. Lindner wurde magersüchtig und verkaufte sich später als Prostituierte. Das Buch war ein großer Bestseller. Nicht nur wegen des grausamen Schicksals der Autorin, sondern besonders wegen ihres literarischen Talentes, auf das ich später noch eingehen werde. Ich habe ihr Buch damals nicht gelesen, weil ich normalerweise keine Erfahrungsbücher lese, von daher ging ich vollkommen unbedarft an ihr erstes Jugendbuch heran. Nur um gestern abend nach Beenden des Romans alle ihre bisherigen Bücher zu bestellen.

„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ ist keine leichte Lektüre. Das Thema ist traurig und es erschüttert einen um so mehr, weil Phoebe und April einem so nah sind, wie wirkliche Geschwister und weil Lilly Lindner eine Sprache hat, der man sich nicht entziehen kann. Eine Sprache, die einen lehrt, das Worte nicht einfach nur Worte sind, sondern das man sie neu verbinden kann. Immer wieder überraschen die Protagonisten mit Gedanken und Gefühlen, die noch nie jemand auf dieser Welt mit diesen Worten ausgesprochen hat und ich habe mich auf jeder Seite gefragt, wieso hat das noch nie jemand so ausgesprochen? Wieso denken nicht mehr Menschen so? Wieso findet Lilly Worte für meine Gedanken, obwohl sie sie gar nicht kennt?

Nach fünfzig Seiten habe ich aufgehört mir wunderschöne Sätze zu markieren, weil es eigentlich auf jeder Seite eine handvoll davon gab und mein Buch mittlerweile wie eine explodierte „Bibliothek der schönen Worte“ aussah.

„Ich glaube, es gibt bei Erwachsenen immer wieder Momente, in denen sie sich fragen, warum sie all die Dinge tun, die sie tun. Und dann überlegen sie ganz heftig, was sie stattdessen machen könnten. Sie kriegen Migräne. Sie nehmen Tabletten. Und am Ende machen sie dann doch das Gleiche, was sie auch schon vor dem Nachdenken getan haben. Aber wenn man vor dem Denken das Gleiche weiß wie nach dem Denken, dann ist man entweder nicht sehr klug, oder man hat unvollständig gedacht, oder in die falsche Richtung. Bei Frau Sener ist es besonders schlimm. Sie ist erst vierzig, aber sie sieht aus, als wäre sie schon neunundneunzig – das ist das Alter, das auf Brettspielen als obere Begrenzung angegeben ist. Danach ist man zu alt für Spiele, dann beginnt der Ernst des Leben.“ (S.55.)

Ich möchte vorweg nehmen, dass es in diesem Buch nicht wirklich um Magersucht geht. Die Magersucht ist ein Symptom und wird übrigens auch kaum beschrieben. Es geht viel mehr um die innere Welt von zwei Kindern, die so außergewöhnlich sind, dass ihre Eltern 24 Stunden am Tag mit ihnen überfordert sind. Es geht darum, wie Phoebe mit dem Schmerz umgeht, weil ihre Schwester monatelang fern von ihr in einem Krankenhaus lebt und um ihr Leben kämpft, während Phoebe keine Nachricht bekommt und ganz allein mit einem erstarrten Elternpaar leben muss. Es geht darum, wie April alleine mit ihren Gedanken und ihrem Schweigen in einem Krankenhausbett liegt und außer Worten, die sie für Phoebe in Briefen niederlegt, nichts mehr zu haben scheint, um diese Stille zu durchbrechen.

Ich mag eigentlich keine Briefromane, aber ich glaube ohne dieses Stilmittel hätte „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ nicht diese emotionale und literarische Wucht. Interessant ist so zudem, wie unterschiedlich die beiden Schwestern z.B. die Beziehung zu den Eltern sehen. Berührend ist es aber vor allen Dingen, wie sehr die beiden sich lieben und wie sehr sie einander brauchen. Die neunjährige Phoebe mag den meisten Leser wohl näher sein. Sie ist wie ein kleiner Kobold mit ihrem nie stillstehenden Plappermäulchen und den wie April es ausdrückt „butterkecksblonden“ Haaren. Sie trägt ihr Herz und ihren Verstand auf der Zunge und lässt sich nicht verbiegen, auch wenn ihre Eltern sie meistens nur fragend anschauen, weil sie mal wieder etwas gesagt hat, was neunjährige Kinder eigentlich nicht sagen. Tatsächlich sagt sie viele Dinge, die nicht mal Erwachsene sagen, weil diese sich längst an die gängige Norm angeglichen haben.

Ich habe das Buch in einer Leserunde bei lovelybooks gelesen und es gab dort auch einen Fragetag, wo die Autorin uns Rede und Anwort stand. Danach hatte das Buch für mich ehrlich gesagt noch eine andere Kraft als vorher, denn tatsächlich sind Phoebe und April wohl eins. Sie sind Lilly. Sie sind die beiden Wege, die Lilly Lindner hätte einschlagen können, wenn das Leben für sie anders gelaufen wäre. Sowohl im Positiven, als auch im Negativen.

Für mich ist der Roman allerdings auch ein Zeichen für ein besseres Miteinander. Mehr aufeinander achtgeben, mehr hinschauen, mehr hinhören, auch wenn eigentlich das Gegenüber gar nichts sagt. Ja, es ist wohl auch eiin Plädoyer andere Menschen so sein lassen zu dürfen, wie sie sind. Wenn ein Kind anders ist, dann ist es anders. Wenn es über die Maßen talentiert und intelligent ist, dann möchte es vielleicht nicht wie die anderen auf dem Spielplatz Ball spielen oder später Partys feiern. Deswegen sind diese Menschen nicht weniger normal, als die anderen.

Aber vielleicht gibt es ja auch gar keine hochbegabten Menschen, sondern nur ziemlich viele tiefbegabte.(S. 304).

Tatsächlich hat Lilly Lindner ein bisschen in mir das selbstbewusste Pflänzchen genährt. Ich bin vielleicht anders, aber wer hat mir eigentlich gesagt, dass ich nicht wunderbar bin? Ich glaube nicht viele Bücher können so berühren, vielleicht sogar etwas tief in einem selbst verändern. Ich bin 37 Jahre alt und ich habe sicherlich weit über tausend Bücher in meinem Leben gelesen, aber dies ist Stand heute mein absolutes Lieblingsbuch und Lilly Lindner ist für mich eine wahre Heldin. Eine Wort-Heldin!

Note: 1 (mit ganz vielen Extra-Sternchen)

Pennicott, Josephine: Dornentöchter

Originaltitel: Poet’s Cottage
Verlag:
List
erschienen:
2012
Seiten:
400
Ausgabe:
Hardcover
ISBN:
3471350861
Übersetzung:
Julia Walther

Klappentext:

Als Sadie in das alte Cottage ihrer Familie in Tasmanien zieht, hofft sie auf einen Neubeginn. Doch das schöne Haus hat ein Geheimnis. Vor Jahrzehnten starb dort Sadies Großmutter auf mysteriöse Weise. Ist die Zeit reif, das Rätsel zu lösen? Über Generationen hinweg hat die Familie geschwiegen, nun will Sadie endlich die Wahrheit ans Licht bringen. Sie dringt tief in die Vergangenheit ein und kommt dabei auch ihrem Traum von einem Leben voller Liebe und Vertrauen näher.

Rezension:

Pennicotts Roman besteht eigentlich aus zwei Geschichten. Einmal die der alleinerziehenden Sadie Jeffreys und ihrer Tochter Betty, die im Cottage ihrer Familie ein neues Leben anfangen wollen und die von Pearl Tatlow, ihrer Großmutter, die in diesem Haus ermordet wurde.

Immer wenn die Autorin über die Gegenwart schreibt, fällt der Roman deutlich ab, denn tatsächlich trägt Pearl, die geheimnisvolle und egoistische Protagonistin, den ganzen Roman. Sie ist nicht sympathisch. Sie ist chaotisch, narzisstisch, grausam, liebevoll und labil. Mal ist sie die beste Freundin, die wundervolle Geliebte und dann ein Drachen, eine verletzende Furie, die jeden vor den Kopf stößt. Ich habe sie bis zum Ende nicht verstanden, aber vielleicht gerade deswegen so faszinierend gefunden. Aber so ist das eben mit charismatischen Personen. Man hasst und liebt sie gleichzeitig.

Passend zur ungewöhnlichen Heldin ist auch Pennicotts Sprachstil eher sperrig und keinesweg, wie das Cover vermuten lässt, zum locker flockig weglesen geeignet. Wer leichte Unterhaltung erwartet, wird von daher vielleicht enttäuscht sein, denn sowohl die verschiedenen Zeitebenen, als auch die Art der Autorin Dinge und Beziehungen zu beschreiben, sind eher speziell. Auch verzichtet sie weitestgehend darauf eine Identifikationfigur zu schaffen, denn neben Pearl sind auch alle anderen Figuren zwar fein skizziert, bleiben aber gegenüber dem Leser immer auf Distanz.

Obwohl auch der Kriminalfall bis zum Ende undurchsichtig und wirklich spannend bleibt und ich die Verflechtungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit sehr clever fand, war mir die Geschichte von Sadie und Betty zu belanglos. Dies hat ein bisschen das Lesevergnügen getrübt, aber vielleicht ist es auch schwierig neben der schillernden Pearl eine andere Figur aufzubauen, die auch nur in irgendeiner Weise gleichwertig interessant ist. Sehr überflüssig und zudem schlecht in die Handlung eingefügt, fand ich Bettys Magersucht. Die Zerrissenheit des Mädchens hätte man auch anders darstellen können.

Josephine Pennicotts Gabe ungewöhnliche Figuren zu kreieren macht mich jedoch neugierig genug auf weitere Bücher der Autorin. „Sturmtöchter“ wartet bereit in meinem Bücherregal.

Note: 3+

Robathan, Magali: Die Frau von Shearwater Island

Originaltitel: The Reluctant Islander
Verlag:
List
erschienen:
2014
Seiten:
384
Ausgabe:
Hardcover
ISBN:
3471350985
Übersetzung:
Maja Ueberle-Pfaff

Klappentext:

Alice lebt auf Shearwater Island, einer kleinen Insel vor der Küste Englands. Sie liebt die raue, wilde Schönheit der Landschaft, und sie schätzt die Abgeschiedenheit, in der sie sich in Sicherheit glaubt. Seit sie Zeugin eines brutalen Verbrechens war, vertraut sie niemandem mehr. Doch der Inselrat entscheidet, dass ein gefeierter Schriftsteller bei ihr einzieht: Patrick, der seinen nächsten Roman auf der Insel schreiben möchte. Der attraktive Londoner bringt Alice dazu, ihm die Geschichten der Insel zu erzählen. Von Rivalität und Neid, von Liebe und Eifersucht, von der Untreue ihrer Mutter – und von sich selbst. Alice verliebt sich rückhaltlos in ihn. Doch das enge Zusammensein auf kleinem Raum und Alices Unsicherheit ihren eigenen Gefühlen gegenüber bringen ihre Welt zum Einstürzen.

Rezension:

Eigentlich war alles angerichtet für einen richtig schönen Schmöker. Eine einsame raue Insel, ein kleines Grüppchen Inselbewohner, alte Geheimnisse und Intrigen und ein Außenstehender, der in diese Welt hineinbricht und das Herz der Protagonistin stiehlt. Blöd nur, wenn das Ganz so vorhersehbar ist, wie der Schlaf nach einem Beruhigungstee.

Patrick war mir von der ersten Sekunde an unsympathisch und im Verlaufe des Buches ist er so offensichtlich eine falsche Schlange, das ich mich ernsthaft frage, wie Alice so doof sein kann und ihm immer wieder vertraut. Er ist absolut selbstgerecht. Immer dreht sich alles nur um seine Befindlichkeiten, um seine gescheiterte Ehe und um seine Verfehlungen. Dabei möchte er von Alice nur hören, wie toll er doch eigentlich ist und die, ganz die treudoofe kleine graue Maus, erfüllt ihm natürlich diesen Wunsch. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich  mich im letzten Drittel über diese Figurenkonstellation aufgeregt habe. Hätte Patricks fehlerhafter Charakter nicht etwas subtiler präsentiert werden können? In einem Krimi läuft der Mörder ja auch nicht rum und schüttelt einem mit einem fröhlichen  „Guten Tach, ich bin der Gärtner und habe ihre Großmutter gerade unter den Rosen beerdigt. Soll ich Scotland Yard anrufen oder machen sie das?“ die Hände.

Immer wenn die Autorin die Insel und das schwere Leben dort beschreibt, ist der Roman richtig gut und auch die Schreibe weiß dann zu überzeugen, aber was Figuren und ihr Miteinander angeht, so gerät Magali Robathan immer wieder ins Straucheln. Alice ist ihr dabei noch am Besten gelungen. Sie ist eine eher schüchterne Frau Mitte dreißig, die jedoch einiges an Mut und Tapferkeit in sich trägt und dies am Schluss auch auslebt, dennoch ist sie mir an vielen Stellen viel zu devot. Natürlich lässt sich das teilweise mit den Geschehnissen aus der Vergangenheit erklären, die nach und nach entblättert werden. Aber im Laufe der Zeit erkennt Alice (ca. 200 Seiten später als der Leser, aber immerhin… ), welches Spiel Patrick mit ihr und allen anderen Bewohnern der Insel treibt und noch immer versucht sie ihn zu entschuldigen. Hier hat mir absout das Verständnis gefehlt.

Alle anderen Figuren sind leider seltsam blass, was vor allen Dingen daran liegt, dass Robathan sie nicht vernünftig beschreibt. Bis zur Offenbarung wer Quinn (Alice bester Freund) wirklich ist, war mir z.B. nicht klar, wie alt er überhaupt ist. Bis dahin hatte ich ihn sogar als potentiellen Partner für Alice angesehen. Auch viele anderen Bewohner bleiben für mich gesichtslos (Brigid, Barbara, etc.).

Probleme und Intrigen sind leider auch viel zu dick aufgetragen. Selbstmord, Vergewaltigung, Ehebruch, Familienstreiteren und das bei gefühlten 30 Leuten, die überhaupt noch auf Shearwater leben. Als Alice sich z.B. Patrick offenbart und von den wahren Gründen für den Tod ihrer Tante und ihres Onkels erzählt, so bleibt dem Leser nur ein Achszelzucken. In dem ganzen Wust von schrecklichen Dramen, fällt ein weiteres einfach nicht mehr ins Gewicht. Mir ist ehrlich gesagt nur noch noch ein „ach jetzt nicht auch noch Missbrauch“ durch den Kopf gegangen.

Ganz schlimm wird es dann jedoch am Ende. Schwuppdiwupp eine Figur aus der Vergangenheit hervorgezaubert, Alice ist glücklich und auch der Rest hat sich plötzlich ganz doll lieb. Ja, is denn heut schon Weihnachten? Was mit Patrick passiert und ob er sein vermaledeites Buch veröffentlicht, bleibt ein großes Geheimnis.

Mich hat das Cover in der Vorschau sofort angesprochen und wenn es um Autoren in Romanen geht, bin ich immer sehr empfänglich, aber das ganze hat leider nur Groschenromanniveau und dafür sind 18 Euro für ein Hardcover definitiv zu viel.

Note: 4

Atkins, Dani: Die Achse meiner Welt

Originaltitel: Fractured
Verlag:
Knaur
erschienen:
2014
Seiten:
320
Ausgabe:
Taschenbuch
ISBN:
3426515393
Übersetzung:
Dr. Birgit Moosmüller

Klappentext:

Rachel ist jung, beliebt, verliebt und wird in wenigen Wochen ihr Traumstudium beginnen. Perfekt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der ihr alles nimmt. Sie verliert den besten Freund, ihre Zuversicht und die Balance. Jahre später wird ihre Welt zum zweiten Mal auf den Kopf gestellt. Denn als sie nach einem schweren Sturz im Krankenhaus erwacht, ist ihr Leben plötzlich so, wie sie es sich immer erhofft hat. Die damalige Tragödie hat es anscheinend nie gegeben. Ihr bester Freund lebt und ist an ihrer Seite. Wie kann das sein? Und wie fühlt sich Rachel in ihrem neuen Leben – mit dem Wissen über all das, was zuvor geschah?

Rezension:

Dani Atkins „Die Achse meiner Welt“ ist ein leichtfüßiger Roman über die eine große Liebe und über unsere Entscheidungen, die wir im Leben treffen. Dabei verzichtet die Autorin glücklicherweise weitestgehend auf Kitsch und lässt dafür lieber ihre Ich-Erzählerin sprechen. Anfangs ist Rachel nur eine hoffnungsvolle junge Frau, die ihrem zukünftigen Leben mit Freund und Studium entgegensieht. Dann stürzt all dies aufgrund eines Unfalls ein und Rachel bleibt körperlich und seelisch gezeichnet zurück. Jahre später sieht Rachel ihre Freunde wieder. Noch immer lebt sie im Schatten des Unfalls, bis sich ihr Leben aufgrund eines Sturzes erneut ändert.

Bis dahin gelingt es Atkins sehr gut die Zerrissenheit ihrer Protagonistin wiederzugeben. Rachel verlor damals ihren besten Freund und nicht nur das. Er starb, weil er ihr das Leben rettete. Während alle anderen ihr Leben weitergelebt haben, ist für Rachel die Zeit stehen geblieben. Ihr Gesicht ist aufgrund des Unfalls entstellt, ihre Träume liegen in Schutt und Asche. Sie fühlt sich schuldig, allein und noch immer plagen sie heftige Kopfschmerzen.

Die Wendung, dass Rachel nach einem Sturz plötzlich in ein einem anderen Leben aufwacht, kommt aufgrund des Klappentextes nicht überraschend. Plötzlich ist Rachel verlobt. Sie ist eine erfolgreiche Journalistin, ohne Narben und ihr bester freund Jimmie lebt. Von da an will man eigentlich nur noch wissen, wie all dies zusammen hängt. Was ist mit Rachel passiert? Wieso sind tote Figuren plötzlich lebendig? Wieso kann sie sich nicht an die letzten Jahre erinnern und wieso ist sie der festen Überzeugun, dass ihr früheres traumatisches und trauriges Leben ihr wirkliches Leben ist?

Zu diesem Zeitpunkt übertreibt es die Autorin ein wenig mit Mitleidsbekundungen von Schwestern und Ärzten, die Rachel alle (verständlicherweise) für leicht gestört halten. Irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich dachte… ja… gut… ich hab es begriffen. Können wir jetzt bitte mit der Handlung weitermachen?

Während auch hier erneut Rachels Verzweiflung eindrücklich beschrieben ist, bleiben viele Nebenfiguren eher blass. Ihr Verlobter Matt war mir schon vom Anfang des Romans als unsympathisch im Gedächtnis und sein Handeln im Verlauf des Romans ist mir nicht schlüssig genug. Auf der einen Seite scheint er Rachel zu lieben, aber auf der anderen Seite ist er bereit ihr Glück für nichts und wieder nichts aufs Spiel zu setzen.

Der wieder lebendige Jimmie ist vielleicht im Gegensatz dazu zu sehr der treue Freund, der anscheinend alles hinten an stellt, um Rachel zu umsorgen und glücklich zu machen. Dennoch sind die erwachenden Gefühle zwischen den Beiden sehr einfühlsam und ihre körperliche Anziehungskraft ist, obwohl meist nichts passiert, immer spürbar.

Ich gestehe, ich bin durch die zweite Hälfte des Romans gejagt, wie ein Rennpferd, weil ich unbedingt wissen wollte, wie alles zusammenpasst. Wobei ich dann bei der Begegnung zwischen Rachel und ihrer Freundin Sarah (die von ihrer Hochzeitsreise nach Hause kommt), wusste, wo der Hase langläuft, aber das Ende ist trotzdem herzzereißend schön und obwohl es auch vorher ein paar Hinweise gibt, muss ich doch sagen, ich habe ziemlich lange nicht gewusst, wie die Autorin die Geschichte zu einem sinnvollen Ende bringen will.

Note: 2-