Darf dat überhaupt?

diskussionGerade habe ich für den Bücherkisten-Instagram-Feed meine aktuelle Lektüre für die Nachwelt festgehalten und während ich so die Bücher neben dem Laptop drapierte und das Handy mit der Instagram-App zückte, fiel mein Blick zurück auf den Stapel, ich ließ das Handy sinken und fragte mich laut: „Darf dat überhaupt?“

Gemeint ist, darf ich Kurzgeschichten von Hilary Mantel lesen oder einen feministischen Frauenroman einer Türkin und gleichzeitig aber einen Young Adult Roman aus dem Carlsen Verlag? Darf ich schottische Hochländer anschmachten und mit David Copperfield durch die Straßen schlendern, wärend auf dem Nachttisch Cormoran Strike seinen ersten Fall löst? Darf ich eine Autorin lesen, die (oh Gott oh Gott) gar keinen Verlag hat und sich selbst verlegt, während ich in der Mittagspause die neueste Manesse Ausgabe von „Washington Square“ aus meinem Rucksack nehme? Darf ich einen christlichen Familienroman auf den neuesten Crossfire Band von Sylvia Day legen oder gibt es dann Blitz und Donner?

Ich denke seit einigen Wochen über die Ausrichtung meines Blogs nach. Die letzten zwei Jahre bin ich auch aufgrund einiger privater Stürme nicht so wirklich dazu gekommen, die Bücherkiste zu füttern. Aber gerade in den letzten zwei Jahren hat sich auch unglaublich viel in der Bloggerszene getan. Die Bücherkiste hat vor 15 Jahren (ich bin alt….) als Rezensionsseite angefangen. Damals gab es noch keine Blogs. Damals gab es kein Facebook. Herrgott… damals gab es Handys, wo man die Antenne rausziehen musste und wenn man sich ins Internet einwählen wollte, konnte man sich einen Kaffee kochen, bis das Modem mit seinen merkwürdigen Geräuschen fertig war.

Irgendwann bin ich dann jedoch zu wordpress gewechselt. Allerdings nur aus praktischen Gründen, weil ich von nun an von überall auf der Welt meine Seite bearbeiten konnte. Der Look  einer Rezensionsseite blieb, bis ich mich letztes Jahr für ein neues Layout entschied und die für mich richtige Mischung aus Rezensionsseite und Blog fand.

Die ersten  knapp drei Wochen des neuen Jahres habe ich so intensiv an der Bücherkiste gewerkelt, wie seit einer Ewigkeit nicht mehr. Rezensionen geschrieben, Instagram Account eingerichtet, Graphiken erstellt, Ideen gesammelt, Layout weiter verfeinert und viel gelesen. Weil ohne Bücher lesen, kein Inhalt für das Literaturblog. ;-)  Und dann habe ich mich in der Bloggerwelt umgesehen und neben ein paar Highlights, auch vieles entdeckt, was mich zum Nachdenken gebracht hat.

Gefühlt gibt es zwei verschiedene Arten von Blogs. Die stylischen minimalistischen und aufgeräumten Blogs, die in der Regel zeitgenössische Belletristik besprechen und die meist etwas bunteren und überladeneren Blogs, die naja… alles andere besprechen. Vornehmlich Fantasy, Jugendbücher und Liebesromane sämtlicher Spielarten. Vermischungen gibt es da selten. Und ich frage mich, wieso ist das so?

Wieso ist man ein literarischer Snob, wenn man lieber Gordimer als Kinsella liest und wieso ist man doof, wenn man die umgekehrte Reihenfolge bevorzugt? Und wieso geht nicht Beides? Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kommilitonin, mit der ich gemeinsam Literaturwissenschaften in Bochum studierte. Wir kannten uns noch nicht lange und sie fragte mich nach einem Seminar, was ich denn privat lesen würde. Ich nannte ihr dann ein paar Autoren und Titel und sie schaute mich an und meinte, dann liest Du also nur U- und gar keine E-Literatur. Ja, sie hatte offensichtlich das Einführungsbuch in die Literaturwissenschaften unseres Professors auswendig gelernt. Das „U“ steht hier für Unterhaltung und das „E“ für Ernsthaftigkeit. Damals mit 19 Jahren, habe ich glaube ich nur schulterzuckend gelächelt und nichts gesagt. Heute würde ich wohl mit einem aufmüpfigen „weder noch“ antworten, denn tatsächlich sind mir sämtliche Schubladen und Etikettierungen vollkommen egal.

Ich lese ein Buch aus vielen Gründen. Weil es von meinem Lieblingsautor ist. Weil der Klappentext spannend klingt. Weil das Cover wunderschön ist. Weil der Titel sperrig ist und mich irgendwie anspricht. Weil der Verlag in der Vorschau die richtigen Worte gefunden hat. Weil ich mich nach einer Leseprobe in eine Figur, die Handlung oder die Sprache verliebt habe (oder sogar in alles gleichzeitig). Weil ich es geschenkt bekommen habe. Weil es mir jemand empfohlen hat. Weil es ein Bestseller ist. Weil es kein Bestseller ist. Weil grad nix anderes da ist.

Die Quintessenz ist, irgendwas hat mich an dem Ding mit den vielen Seiten gepackt und es ist mir total egal, ob Elke Heidenreich sagt, ich darf keine Fantasyromane lesen, weil das blöder Schund ist. Es ist mir vollkommen egal, dass manche Leute glauben, man dürfe keine Nackenbeißer lesen. In der Öffentlichkeit schon mal gar nicht! Und es ist mir egal, wenn man als wunderlich gilt, weil man sechs Ausgaben von „Feuer und Stein“ von Diana Gabaldon und fünf Ausgaben von „Vom Winde verweht“ besitzt und in der Vitrine anstatt Weingläser Tolkien-Prachtausgaben mehreren Sprachen stehen. Es ist mir egal, dass ich nach 20 Seiten „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“, schon 10 Sätze rausgeschrieben haben, weil sie so unglaublich schön sind, dass man vor Freude Purzelbäume schlagen möchte.

Natürlich verändert sich in einem langen Leseleben der Geschmack.Wenn man vieles schon mal gelesen hat, braucht es manchmal etwas mehr um  noch zu begeistern. Ich persönlich habe zudem noch immer Phasen, in denen ich ein Genre bevorzuge, aber grundsätzlich weiß ich mittlerweile eine schöne Sprache besser zu würdigen, als vor zwanzig Jahren, wo es mir vielleicht doch fast ausschließlich um eine gute und schlüssige Handlung ging

Doch die Frage bleibt, was will man auf seinem Blog. Kann man mehr oder weniger alles besprechen oder ist man gesichtslos und beliebig, wenn man keine Auswahl trifft. Davon mal ganz abgesehen, dass keiner alles lesen kann – jedenfalls nicht so lange „Gilmore Girls“ gucken und Bücher lesen kein anerkannter und gut bezahlter Beruf ist und selbst dann, wird es zeitlich knapp jedes Jahr mehrere tausend Neuerscheinungen zu lesen. :mrgreen: 

Aber wie gesagt, wie gibt man dem eigenen Literaturblog ein Gesicht in einer Bloggerwelt, in der es fast nur schwarz und weiß zu geben scheint. Die Antwort ist offensichtlich. Einfach wie in vielen anderen Lebenslagen, dem Bauchgefühl vertrauen. Die Bücherkiste ist vielleicht nicht ganz so hipp und cool und auch nicht so niedlich und bunt, aber das ist wohl auch so ganz richtig, wenn die Bloggerin all das auch irgendwie nicht ist. ;-) 

Klischees zu bemühen, finde ich von jeher langweilig. Ich verfolge seit längerer Zeit das Fashion- und Reiseblog Josie Loves von Sarah Eichhorn. Normalerweise finde ich Fashionblogs unglaublich öde. Entweder es sind Kindergarten-Blogs, wo jeden Tag der billige Kram von H&M und Primark abfotographiert wird oder die Bloggerinnen spielen sich wie Supermodels auf, was sie teilweise sogar tatsächlich sind. Chiara Ferragni hat zum Beispiel über 3 Millionen Follower auf Instagram und ist mit ihrem Blog zur Millionärin geworden und arbeitet sogar mittlerweile als Designerin. Nun haben Mode und Beautyblogs noch andere Vermarktungsmöglichkeiten, aber auch davon abgesehen ist dieses Beispiel so fernab jeder für uns Bücherblogger erreichbaren Realität. Trotzdem gefällt mir z.B. an Sarahs Blog etwas, was viele andere Modeblogs eben nicht haben und das ist Persönlichkeit. Ihre Texte strahlen Warmherzigkeit aus und trotz des Modethemas ist sie auf dem Boden geblieben und scheut sich nicht auch unbequeme Wahrheiten über Magerwahn, Oberflächlichkeit der Branche, etc. auszusprechen. Auch das Layout ihres Blogs ist vollkommen untypisch. Ein bisschen verspielt und fernab der hippen Coolness, die ernstzunehmende Modeblogs ansonsten umweht.

Warum nun dieses ausufernde Beispiel? Um zu zeigen, dass es geht. Man kann sein eigenes Ding machen und es scheint sogar anderen Leuten zu gefallen. Immerhin bestreitet Sarah von ihrem Blog ihren Lebensunterhalt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diesem Beispiel folgen würden. Egal über welches Thema ihr bloggt, traut Euch, Euch von den Klischees der Bloggerszene zu befreien. Ihr müsst nicht mit Nerdbrille und zufällig ins Gesicht fallendem Pony rumlaufen.Wenn ihr das wollt, könnt ihr das natürlich. Es ist auch nicht wichtig, ob man mehr Facebook-Follower hat, als das Blog XY. Wer sich treu bleibt und interessanten Content schreibt, wird sich auf Dauer ohnehin durchsetzen, seine Nische und auch seine Leser finden. Gerade in der heutigen Welt – bleibt Euch treu. Seid ihr selbst!

Und nun geh ich ich einen weiteren Satz in Ece Temelkurans Buch markieren. Wundervoller Roman!

Waiting on Wednesday – Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street

Vorschauen sind doch wirklich der Tod eines jeden Büchernarrs. Früher, als es noch kein Internet gab (also in der Steinzeit) , ist man einfach losgezogen und hat ein Buch gekauft oder höchstens mal in einem Katalog geblättert. Heute habe ich eine ellenlange Liste von Büchern, die in sechs Monaten erscheinen! :roll: Auf der anderen Seite ist es widerum egal, wann oder wie man ein vielversprechendes Buch entdeckt. Ob in der Vorschau, im Buchladen oder lange, bevor es erscheint. So ging es mir vorhin bei der neuen Suhrkamp und Insel Vorschau, wo es plötzlich beim Umblättern „Badda Boom“ gemacht hat und deswegen ist dieser Titel auch das heutige „Waiting on Wednesday“:

New York, 1913. Die kleine Malka lebt mitten im Trubel der dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen im Einwandererviertel auf der Lower East Side. Die meisten hier sind arm, haben zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, leben von der Hand in den Mund. Doch listig und raffiniert, wie sie ist, lernt Malka schnell, sich im Viertel durchzuschlagen. Und genau da, mitten im abenteuerlichen Gemenge, wo die jiddischen und italienischen Rufe der fahrenden Händler durch die Straßen schallen, wendet sich Malkas Schicksal. Denn dort trifft sie Papa Dinello, der sie in das köstlichste Geheimnis der Welt einweiht: das Wunder der Eiscreme, die Verführung der süßen Magie. Für Malka beginnt eine wahre Tour de Force durch das Leben – und aus dem pfiffigen und erfinderischen Mädchen wird die Grand Dame Lillian Dunkle, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium …
Dieser Roman fegt wie ein Wirbelwind durch das 20. Jahrhundert und erzählt die außergewöhnliche Geschichte einer ungezähmten Heldin, eines turbulenten Lebens und der Entdeckung der süßen Magie.

Weiß, Sabine: Das Geheimnis von Stralsund

Verlag: Bastei Lübbe
erschienen:
2014
Seiten:
624
Ausgabe:
Taschenbuch
ISBN:
3404171462

Klappentext:

Norddeutschland, 1628. In der Geborgenheit ihrer Familie und ihrer Freunde verlebt die Kapitänstochter Sina eine glückliche Kindheit – bis eines Tages das Unheil über ihr Dorf hereinbricht und ihre Familie auf entsetzliche Weise auseinanderreißt. Sina selbst kann im letzten Augenblick nach Stralsund fliehen. Doch auch Stralsund bereitet sich bereits auf eine Belagerung durch die kaiserlichen Truppen vor, und inmitten der Kriegswirren fällt es Sina schwer, das Geheimnis des Rings zu lösen, den ihre sterbende Mutter ihr kurz vor ihrer Flucht gab. Nur Leif, ein junger schwedischer Schiffer, steht ihr bei. Doch kann Sina ihm wirklich trauen?

Rezension:

1628, der 30. jährige Krieg wütet auch im hohen Norden an der Ostsee und Stralsund steckt mitten drin. Sina verlebt eine glückliche Kindheit auf Rügen. Sie und ihre Schwester wachsen behütet auf, doch dann tritt der Krieg auch in ihr Leben. Sie müssen fliehen, und ihre einzige Rettung scheint Stralsund zu sein, aber auch dort ist es nicht wirklich sicher. Stralsund steht kurz vor einer Belagerung.

Der Erzählstil von Sabine Weiß lässt sich leicht und flüssig lesen. Sie nimmt den Leser mit an die Küste und erzählt von den Menschen und dem Land. Wobei sie hin und wieder auch plattdeutsche Sätze einfließen lässt, was den Leser einmal mehr an die Küste versetzt und dafür sorgt, dass man nicht vergisst, wo man sich gerade befindet.

Zunächst scheint es so, als wäre alles nur heile Welt, bis eben der Krieg auf Mönchgut, einem kleinen Teil von Rügen, Einzug hält. Sina wird als junges Mädchen beschrieben, welches einige Freiheiten genießen kann. Gleichzeitig kümmert sie sich aber auch liebevoll um ihre jüngere Schwester. Vater und Mutter sind sich ebenfalls in Liebe zu getan und alles scheint gut zu sein, bis dann eben die Soldaten auf Rügen einquartiert werden und das Chaos beginnt. Von nun an muss Sina sich allein behaupten und sich und ihre Schwester in Sicherheit bringen. Ihre Flucht nach Stralsund wird dramatisch beschrieben. In der Stadt findet sie schnell Hilfe und mit dem Schiffer Leif steht ihr ein tüchtiger, junger Mann zur Seite. Die Protagonisten haben so einiges durchzustehen. Sie haben Ecken und Kanten und wachsen mit ihren Aufgaben. Aus dem jungen, unbedarften Mädchen Sina wird so eine Verantwortungsbewusste junge Frau. Und auch der Schiffer Leif reift zum Mann, der sich für die Stadt einsetzt und Mut beweist. Sowie Zahlreiche andere Charaktere die Sina durch ihr Leben begleiten und die Geschichte stimmig machen.

Die historischen Ereignisse um Stralsund hat Sabine Weiß gut in ihre fiktive Liebesgeschichte um Sina, Leif und ihre Familien verwoben. Sie hat die politischen Verwicklungen gut wieder gegeben und dabei gleichzeitig Sina ihr Leben geschildert. Der Krieg ist zwar allgegenwärtig, aber es werden eben nicht nur die Kriegshandlungen geschildert. Auch das Leben zur See, Leif ist ein Schiffer und auch der Vater von Sina ist ein Kapitän zur See, wird wiedergegeben. Schnell wird klar, wie wichtig die Seefahrt für die Bevölkerung rund um die Ostsee war und ist.

Im Buchdeckel befindet sich eine Karte von Rügen und Umgebung, so kann der ortsunkundige Leser sich gut zurechtfinden, ein Glossar der fremden Begriffe befindet sich am Ende und ein kleines Nachwort klärt kurz Fiktion und Wahrheit.

„Das Geheimnis von Stralsund“ ist ein historischer Roman über einen Krieg, der lang und furchtbar war. Die Autorin schildert hier die Ereignisse rund um Stralsund und gleichzeitig auch eine schöne Liebesgeschichte. Nur das Ende konnte mich nicht so ganz überzeugen und war mir im Ganzen fast zu viel. Dafür lässt es aber viel Raum für die eigene Fantasy oder vielleicht auch für eine Fortsetzung der Geschichte, die eben gute Unterhaltung ist.

Note: 2

Cuneo, Anne: Zaïda

Originaltitel: Zaïda : Fragments d’une vie
Verlag:
Insel
erschienen:
2014
Seiten:
414
Ausgabe:
Taschenbuch
ISBN:
345836059X
Übersetzung:
Erich Liebi

Klappentext:

Zaïda de Vico ist eine außerordentliche Frau. Schön, abenteuerlustig, mutig, selbstbewusst, emanzipiert. 1859 in eine englische Adelsfamilie geboren, verstößt sie schon als junges Mädchen gegen alle Konventionen. Eine frühe Liebesheirat hält sie nicht davon ab, in Zürich Medizin zu studieren und ihren Beruf später in Florenz und Mailand mit großem Engagement auszuüben. Da ist sie bereits mit ihrem zweiten Mann und Vater ihrer zwei Söhne verheiratet. Mit ihrem dritten Mann – wie sie in der Resistenza gegen den Faschismus – flüchtet sie am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nach Zürich, wo die beiden sich zu Psychoanalytikern ausbilden lassen, in der Überzeugung, sich damit für eine bessere Welt einzusetzen. Ein pralles Leben lang liebt Zaida, leidenschaftlich und bedingungslos: Ihre Männer, ihre Söhne, ihren Beruf, die Menschen. Am Ende ihres Lebens, über hundert Jahre alt, schreibt sie ihre Geschichte auf. Eine Hymne an das Leben und an die Liebe.

Rezension:

Wenn ich Verlagsvorschauen studiere und ein Buch von einem französischen Autor sehe, blättere ich meist weiter. Ich stehe einfach mit ihnen auf Kriegsfuß. So war es ein großes Glück sowohl für die Autorin Anne Cuneo, als auch für mich, dass mir erst während des Lesens von „Zaïda“ auffiel, dass es sich um eine französische Autorin handelt. Mir wäre wohl ein wunderbares Buch entgangen.

Bereits nach wenigen Seiten hatte mich Cuneos wunderbarer Schreibstil gefangen genommen, obwohl ich eigentlich vom Prolog ein bisschen überfordert wurde. Namen über Namen und Verwandtschaftsverhältnisse bis zur gefühlten Steinzeit, machen den Einstieg nicht gerade leicht, aber ich beschloss einfach weiter zu lesen. Glücklicherweise entwirrt sich dann alles ganz schnell, denn der Roman macht einen Sprung in die Vergangenheit und beginnt mit Zaïdas behüteter Jugend.

Von der ersten Sekunde an, habe ich mich in die warmherzige und ungezwungene Protagonistin verliebt. Obwohl reich und adelig, ist sie frei von jeglicher Arroganz, dafür aber gesegnet mit einem ausgeprägten Willen nach Freiheit, Selbstbestimmung und Mitgefühl. Cuneo hält sich auch nicht lange mit Geplänkel auf, sondern lässt Zaïda höchst ungebührlich in eine heftige Verliebtheit stürzen, die nach wenigen Tagen in eine Ehe mündet. Tatsächlich lieben sich Zaïda und ihr Ehemann Basil auf so verzehrende Weise, dass ich bei jedem Liebesroman genervt aufgestöhnt hätte. Kitschig und unrealistisch würde ich es im Normalfall finden, aber hier zeigt sich wohl der Unterschied zwischen reiner Unterhaltung und anspruchsvoller Literatur.

Irgendwie schafft es Cuneo das Paar so lebendig und real zu zeichnen, dass nichts an ihren Gefühlen überbordend und künstlich wirkt. Sie sind einfach zwei Menschen, die anscheinend zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren und die sich auf unvergleichliche Art und Weise ergänzen. Fast atemlos folgt man von da an Zaïdas Leben voller Liebe, Drama, Glück, Trauer und Freude. Eingebettet ist das Geschehen dabei in die Weltgeschichte mehrerer Jahrzehnte, die die Protagonistin manchmal mehr, manchmal weniger betreffen und deswegen verschieden stark Einfluss auf die Handlung nehmen.

Manchmal hätte ich mir noch mehr Detail gewünscht. Zum Beispiel wenn es um Zaïdas Ausbildung zur Ärztin geht. So wirkt es trotz der Zeit, in der sie gelebt hat und in der es fast unmöglich war als Frau Medizin zu studieren, doch irgendwie gar nicht so schwer. Aber das ist erstens Jammern auf ganz hohem Niveau und zweitens liegt es wohl in der Natur der Sache einer wenn auch fiktiven Autobiographie, dass die entsprechende Person selektiert und vermeintlich Unwichtiges für sich selbst weglässt.

Für Leser, die einen gut geschriebenen Schmöker zu schätzen wissen, ist „Zaïda“ sicherlich ein absoluter Geheimtipp!

Note: 1-

Anderson, Poppy J.: Verliebt in der Nachspielzeit

Band 1 New York Titans Serie

Verlag:
selfpublished/Rowohlt
erschienen:
2013
Seiten:
260
Ausgabe:
Taschenbuch/ebook
ISBN:
3499269317

Klappentext:

Hanna Dubois kann es nicht glauben! Ihre erste Woche in New York City hält einige Überraschungen für sie bereit: Sie bekommt das heiß ersehnte Stipendium, wird in einen Autounfall, den Paparazzi verursacht haben, verwickelt und lernt dabei John kennen – das Bild von einem Mann. Sie verliebt sich Hals über Kopf in den berühmten ehemaligen Quarterback, dessen Schritte ständig von Pressevertretern überwacht werden. Eine wahre Hetzjagd auf Hanna beginnt, an der die Beziehung der beiden zu zerbrechen droht …

Rezension:

Poppy J. Anderson ist so etwas wie der Star der deutschen Selfpublisher-Szene und wer ihre offizielle Seite auf Facebook verfolgt, weiß, sie ist zudem eine Autorin zum Anfassen. Liebenswert und voller Humor lässt sie ihre Fans an ihrem Autorenleben teilhaben und genau diese Begeisterung und den offenen Charme finde ich auch in „Verliebt in der Nachspielzeit“ wieder.

Ja, der Start ihrer Serie um die Titans, einer New Yorker Footballmannschaft, ist ein romantisches Märchen fernab jeder Realität. Das macht mir in dem Fall aber überhaupt nichts, weil liebe Kritiker, da wo „Liebesroman“ drauf steht, ist eben auch Liebesroman drin und da lasse ich mich durchaus auch mal gerne mit ein bisschen heile Welt unterhalten. Zumal diese Welt nur auf den ersten Blick wirklich so heil ist. Üble Nachrede, öffentlicher Druck durch Klatschpresse, Fans und Neider sind durchaus Thema und nicht nur Mittel zum Zweck, um eine süße Geschichte zu erzählen.

Aufgrund kruder Realitätsferne, glaubt die hübsche Hanna sie sei zu dick und deswegen keine geeignete Partnerin für John. Davon mal abgesehen, dass sie natürlich nicht zu dick, sondern halt nur einfach kein Hungerhaken ist, beleuchtet Anderson eben auch die Frage, ob Hannas Figur denn überhaupt in irgendeiner Form wichtig ist, denn die Tatsache ist, der guttaussehende Protagonist verliebt sich ziemlich augenblicklich in die intelligente junge Frau.

Hanna ist sicherlich für jede Leserin ein großer Sympathiefaktor. Sie ist jung, hübsch, intelligent und gebildet und ihr ist alles Gekünstelte vollkommen fremd. Sie gibt niemals vor, etwas zu sein, was sie nicht ist und von daher ist es wohl auch Hannas Unbekümmertheit, in die sich John verliebt. John selbst war mir persönlich etwas zu perfekt. Gut aussehend, geduldig, immer freundlich und charmant und für mich deswegen leider auch ein bisschen langweilig. Hier haben mir die Ecken und Kanten gefehlt und eine etwas tiefere Charakterisierung, so wie es der Autorin eben bei Hanna gelungen ist.

Nichts desto trotz ist Hannas und Johns Liebesgeschichte wirklich ganz bezaubernd. Gespickt mit amüsanten Dialogen, viel Timing und einer Prise prickelnder Leidenschaft, bietet Poppy J. Anderson mal abgesehen von ein paar Wortwiederholungen auch stilistisch richtig gute Unterhaltung.

Wer übrigens Angst hat, er würde mit Football-Kram erschlagen werden, dem ist nicht so. Man muss das Spiel weder verstehen, noch mögen, um an „Verliebt in der Nachspielzeit“ seine Freude zu haben.

Note: 2-